Der Wahnsinn an den Finanzmärkten geht weiter: Anleihe mit 1.000-jähriger Laufzeit emittiert!

Bernd Heim
By Bernd Heim / 21. Dezember 2017

Warnlampen gibt es genug, einige leuchten auch bereits seit Längerem. Trotzdem scheinen die Anleger weitgehend unbesorgt und zuversichtlich zu sein. Das gilt nicht nur für die Anleger in der Eurozone, sondern insbesondere auch für die in den USA. Dort läuft die Hausse nun bereits seit mehr als acht Jahren und mit dem neunten Jahr wird fest gerechnet.

Besorgniserregend sind dabei nicht allein die Länge der Aufwärtsbewegung und das Fehlen von nennenswerten Korrekturen. Wichtiger ist, dass sich alle Märkte quasi im Gleichschritt neuen Hochs nähern. Relativ tief notieren nur die Edelmetalle und nahe am absoluten Tief die Volatilität, die Schwankungsbreite an den Märkten.

Da beide Märkte als Symbole für die Angst und die Besorgnis der Anleger gelten können, kann die Aussage nur sein, dass sich in diesen Tagen niemand wirklich große Sorgen zu machen scheint. Diese Beobachtung ist gewiss ein „Erfolg“ der extrem lockeren Geldpolitik der Notenbanken. Da diese zumindest in Europa im nächsten Jahr noch fortgeführt werden soll, besteht auf den ersten Blick kein Anlass zur Sorge.

Auf den zweiten Blick stellt sich die Situation etwas anders dar, denn viele Analysten und Kommentatoren werden nicht müde zu betonen, dass die exzessive Geldpolitik der Zentralbanken die Marktteilnehmer ruhiggestellt und eingeschläfert hat. Man hat die Anleger davon überzeugt, dass Krisen, ganz gleich welcher Art sie auch seien, immer mit viel Geld aus dem Nichts erfolgreich bekämpft werden können.

Absurde Bewertungen und Risikoeinschätzungen

Noch läuft alles rund und selbst die eigentlich problematischen Unternehmen haben keine Probleme, ihre ausstehenden Kredite zu refinanzieren. Ein Beispiel für diese Entwicklung und auch für die Sorglosigkeit der Anleger ist der französische Versorger Veolia Environnement. Die Ratingagenturen bewerten Veolia nur mit einer BBB-Note, das ist knapp über dem Junk-Status und sollte Investoren eigentlich zur Vorsicht mahnen.

Trotzdem gelang es dem Unternehmen kürzlich eine Anleihe mit negativer Rendite zu emittieren. Wohlgemerkt Veolia Environnement ist kein Top-Unternehmen mit geringer Verschuldung, sondern sitzt bereits auf einem recht hohen Schuldenberg. Trotzdem hat die neue Anleihe eine negative Rendite von -0,026 Prozent. Die Anleger, die diese Anleihe zeichnen, kaufen diese mit der beeindruckenden Perspektive, in einigen Jahren bei der Rückzahlung der Anleihe etwas weniger als ihren Einsatz zurückzuerhalten.

In normalen Zeiten sollte man sich fragen, wer macht denn so etwas? Aber die Zeiten sind nicht normal und so war die Veolia Environnement-Emission mehr als vierfach überzeichnet. In einigen Jahren wird man sich sicher fragen, was sich die Anleger beim Kauf dieser Anleihe gedacht haben mögen.

Gleiches gilt auch für den Green Bond der dänischen Energiefirma Orsted. Er hat eine Laufzeit von – halten Sie sich fest – 1.000 Jahren. Das nennt man dann wohl einen sehr großen Optimismus hinsichtlich der eigenen Lebenserwartung. Die Anleihe hat zwar einige steuerliche Besonderheiten, die sie attraktiver machen und für das Jahr 2024 ist ein erster Call möglich, trotzdem bleibt eine gewisse Absurdität hinsichtlich der Laufzeit.

Anleiherückzahlung in 1.000 Jahren

Oder möchten Sie heute eine Anleihe von Kaiser Heinrich II. in ihrem Depot wissen? Der Mann war vor tausend Jahren deutscher König und als römischer Kaiser auch weltlicher Chef der Christenheit, also in seiner Machtfülle und seinem persönlichen Reichtum durchaus mit Leuten wie Donald Trump, Vladimir Putin oder Xi Jinping vergleichbar.

Heinrich II. selbst und seine großen Mitstreiter und Kontrahenten kennt man heute noch. Aber die Unternehmen von damals sind heute selbst für Mittelalterhistoriker ein gewisses Rätsel, vom normalsterblichen Anleger mal ganz zu schweigen und Niederlassungen, in denen man bei Fälligkeit der Anleihe sein Geld, oder besser gesagt das Geld seiner Urahnen einfordern kann, wird man auch vergeblich suchen. Trotzdem wird eine derartige Anleihe heute gerne gezeichnet.

Der schottische Historiker Niall Ferguson, der bereits vor der Finanzkrise warnend den Finger gehoben hatte, rechnet aus mehreren Gründen mit einer neuen Krise. Erstens, weil beinahe alle Vermögensklassen aktuell zu Höchstpreisen notieren, während die Notenbanken damit begonnen haben, die Zinsen zu erhöhen. Zweitens sieht er die Welt vor einer demographischen Wende stehen, denn das Verhältnis von jungen Arbeitskräften zu älteren Verbrauchern sinkt. Hinzu kommt drittens das Faktum, dass eine vernetzte Welt deflationär ist.

Extreme gibt es selten am Anfang häufiger jedoch am Ende von Entwicklungen, die ihren Zenit überschritten haben. Wir werden vermutlich erst nach dem Ende der lockeren Geldpolitik wissen, welche und wie viele Fehlinvestitionen von den Anlegern getätigt wurden. Doch die Veolia Environnement-Anleihe und der tausendjährige Green Bond der dänischen Energiefirma Orsted haben gute Chancen dazuzugehören.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.:Egal, ob Sie meinen Gedanken zustimmen oder nicht. Lassen Sie bitte auch andere an diesem wichtigen Meinungsbildungsprozess teilhaben, indem Sie diesen Artikel mit ihren Freunden und Bekannten teilen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: