Das Öl und die brüchige Allianz zwischen Russland und Saudi-Arabien

Bernd Heim
By Bernd Heim / 22. Dezember 2017

Gemeinsam haben sie geschafft, was vor einiger Zeit kaum jemand für möglich gehalten hätte: die OPEC zu einer hohen Quotendisziplin und den Ölpreis zum Steigen zu bringen. Beides gelang nur, weil Saudi-Arabien mit Russland an einem Strang gezogen hat und auch der Iran mit ins Boot geholt werden konnte.

Ob die hohe Quotendisziplin, welche die OPEC seit Wochen stolz vermeldet, tatsächlich der Realität entspricht oder stark geschönt ist, können Außenstehende nur schwer entscheiden. Zweifel und Fragen bleiben auf jeden Fall. Deutlich sichtbar ist der Anstieg des Ölpreises. Er zaubert derzeit nicht nur Russen und Saudis ein Lächeln ins Gesicht. Auch die amerikanische Schieferölkonkurrenz dürfte erfreut sein.

Gestiegen ist der Ölpreis, weil durch die Förderkürzungen weniger Angebot auf den Markt kommt und die vollen Lager in den westlichen Industrienationen sich langsam wieder leeren. Kommt es weder bei der Produktion noch bei der Nachfrage zu starken Veränderungen, wird für Ende 2018 wieder mit einem normalen Lagerbestand gerechnet. Die Zeit der überquellenden Lager und des Drucks auf den Ölpreis wäre damit vorbei.

Es gibt in dieser Gleichung allerdings einige Unbekannte. Soll das Ziel erreicht werden, muss die Förderdisziplin der OPEC-Staaten auch weiterhin auf einem sehr hohen Niveau verbleiben. Nach den Erfahrungen der Vergangenheit und vor dem Hintergrund des scharfen Gegensatzes zwischen Saudi-Arabien und dem Iran ist das alles andere als selbstverständlich.

Amerika als Spielverderber?

Doch selbst wenn die OPEC-Staaten ihr ungewohnte Konsequenz noch bis zum Ende des nächsten Jahres aufrechterhalten sollten, ist dies noch lange keine Gewähr dafür, dass das Angebot nicht dennoch steigt. Entschieden wird diese Frage nämlich nicht in Wien auf den OPEC-Konferenzen, auch nicht in Moskau im Kreml, sondern in den Geschäftsräumen der US-amerikanischen Schieferölproduzenten.

Sie sind an keinerlei Abkommen gebunden und damit frei, so viel oder auch so wenig Öl auf den Markt zu bringen, wie ihnen richtig erscheint. Diese Freiheit haben sie nicht nur, diese Freiheit werden sie auch nutzen. Fällt ihre Entscheidung zugunsten einer höheren Produktion aus, drohen die Anstrengungen Russlands und Saudi-Arabiens, das Angebot zu begrenzen, schnell zu einer Sisyphusarbeit zu werden.

Noch vor drei Jahren war es so, dass die amerikanischen Schieferölproduzenten Preise um 60 US-Dollar je Barrel benötigten, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Der von Saudi-Arabien in den Jahren 2014/2015 initiierte Preiskrieg verfolgte das Ziel, die ungeliebte Konkurrenz aus den USA aus dem Markt zu drängen. Er erreichte aber das Gegenteil.

Während die tiefen Preise den Schieferölproduzenten das Wasser abzugraben drohten, wurden in den USA nicht nur, wie es Saudi-Arabien im Vorfeld erwartet hatte, viele Bohrlöcher stillgelegt. Der Kostendruck führte auch zu einer Verbesserung der Technik. Diese ermöglicht den Schieferölproduzenten heute auch bei deutlich niedrigeren Ölpreisen profitabel zu arbeiten. Die Schmerzgrenze, bei der sich die US-Fracker aus dem Markt verabschieden müssen, liegt heute bei deutlich unter 40 US-Dollar je Fass.

Die unterschiedlichen Interessen Saudi-Arabiens und Russlands

Man hat auch noch mit einer zweiten Strategie auf die niedrigen Preise der letzten Jahre reagiert: Es wurden zwar weiterhin neue Quellen erschlossen, aber zahlreiche der gebohrten Löcher anschließend nicht in Produktion gebracht. Diese vorbereiteten, versiegelten Bohrlöcher können jederzeit kurzfristig in Produktion gehen. Kurzfristig heißt dabei rund vier Wochen.

Damit verfügen die US-Schieferölproduzenten über ein sehr wirksames Mittel, mit dem sie sehr flexibel auf die Preisbewegungen am Ölmarkt reagieren können. Wenn sie nun noch bedenken, dass derzeit über 5.000 erschlossene Bohrlöcher noch darauf warten, in Produktion gebracht zu werden, wird deutlich, wie schnell die USA durch ein größeres eigenes Angebot die fragile Allianz zwischen Russland und Saudi-Arabien empfindlich stören können.

Aber auch ohne diesen Druck von außen ist das saudisch-russische Vorgehen kein Selbstläufer. Noch vor einiger Zeit wollten beide gemeinsam einen höheren Ölpreis. Inzwischen wünscht diesen nur noch Saudi-Arabien. Die russischen Ölproduzenten hingegen fürchten, dass jeder weitere Anstieg den Rubel gegenüber dem US-Dollar aufwerten wird. Geschieht dies, sinken ihre Margen.

Damit sind wir an einem Punkt angelangt, an dem die Russen keinen weiteren Anstieg der Ölpreise mehr wünschen, während Saudi-Arabien höhere Ölpreise befürwortet. Russland ist weit weniger stark auf die Öleinnahmen angewiesen als die Saudis. Hinzu kommt, dass die Pläne des saudischen Kronprinzen für eine Umgestaltung des Landes teuer sind und die Staatskassen durch den kostspieligen Preiskrieg der Jahre 2014/15 starke Abflüsse zu verzeichnen hatten.

Saudi-Arabien braucht somit fast zwingend einen höheren Ölpreis. Russland und die amerikanischen Schieferölproduzenten brauchen diesen Anstieg nicht so sehr. Wenn nun auch noch politische Unstimmigkeiten, etwa in Bezug auf den Krieg in Syrien oder im Verhältnis zum Iran, wo Riad und der Kreml auf verschiedenen Seiten stehen, dazukommen, kann die mächtige Allianz schnell wieder Geschichte sein. In diesem Fall dürfte auch der Ölpreis rasch wieder in tiefere Regionen abtauchen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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