2017 geht, 2018 kommt, aber gewisse Risiken bleiben

Bernd Heim
By Bernd Heim / 27. Dezember 2017

In den letzten Wochen haben viele Banken optimistische Prognosen für das neue Jahr abgegeben, obwohl einige gleichzeitig davor gewarnt haben, dass die Bewertungen für viele Assets höher sind als jemals zuvor. Prominentestes Beispiel für diese positive Grundhaltung bei gleichzeitig klarem Blick auf die vor uns liegenden Risiken ist Goldman Sachs.

Die Prognosen richten sich zumeist auf den amerikanischen Aktienmarkt. Dieser ist nicht nur für amerikanische Banken und Investoren der entscheidende Referenzmarkt. Auch die europäischen Indizes werden sich in 2018 wie in den Jahren zuvor dauerhaft kaum von den Vorgaben der Wall Street lösen können.

Wenn sich die Entwicklung aus 2017, einem Jahr in dem der Dow Jones im Grunde schon im frühen Januar mit seiner Jahresendrallye begann, fortsetzt, sind Kursziele von 2.850 Punkten im S&P500 Index nach Ansicht von Goldman Sachs Analyst David Kostin gut möglich. Gemessen am Indexstand vom leicht über 2.500 Punkten, als die Analyse erstellt wurde, ist das eine weitere Steigerung von mehr als zehn Prozent.

Bis 2020 soll der breite US-Markt ohnehin bis auf 3.100 oder 3.200 Punkte steigen. Es könnten auch einige Hundert Punkte mehr im S&P500 werden, etwa dann, wenn der Markt in einer irrationalen Übertreibung Donald Trumps Steuerreform ausgiebig feiert. In diesem Fall wären bis 2020 sogar über 5.000 Punkte möglich. Allerdings würde ein derartiger Anstieg auch die Analysten von Goldman Sachs sehr stark an die späten 1920er und 1990er Jahre erinnern.

Steht und fällt alles mit Trumps Steuerreform?

Nicht nur Goldmans Analysten geben zu bedenken, dass ihre Prognosen sofort hinfällig werden, sollte Präsident Donald Trump mit seiner groß angekündigten Steuerreform scheitern oder diese deutlich kleiner ausfallen als die Marktteilnehmer es momentan erwarten. In diesem Fall wird ein Rückschlagpotential gesehen, das mit 100 bis 200 Punkten im S&P500 jedoch vergleichsweise klein ausfällt. Es wäre für die Buy-the-dips-Jünger, die immer nur auf der Suche nach neuen Kaufgelegenheiten sind und jede Kursdelle beherzt kaufen, mit Sicherheit kein Grund verzweifelt das Handtuch zu werfen.

Interessant ist, dass die Goldman Sachs Analysten in 2018 auch dann keinen scharfen Markteinbruch erwarten, wenn die Steuerreform scheitert. An dieser Stelle wirkt das Jahr 2017 offenbar noch nach. Es bescherte den Anlegern weltweit über zwei Billionen US-Dollar an frischer Zentralbankliquidität, die zu keiner nennenswerten Inflation führte, und eine auf Rekordtiefstände abgesunkene Volatilität an den Märkten.

Letztere ist ein klares Indiz dafür, dass es aus Investorensicht derzeit keinen Grund gibt, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Was soll in 2018 also schon schiefgehen? Der Glaube an die US-Notenbank und ihr segensreiches Wirken ist so stark ausgeprägt, dass die Investoren im Fall der Fälle eher mit drei Zinssenkungen in 2018 rechnen als mit drei Zinserhöhungen, wenn alles normal läuft und die US-Wirtschaft im bisherigen Tempo weiter wächst.

Vor diesem Hintergrund ist Goldman Sachs überzeugt, dass in 2018 ein Bärenmarkt unwahrscheinlich ist, es sei denn, es gibt zuvor einen unerwarteten Schock. Auf der negativen Seite sind die hohen Bewertungen und der bereits recht reife Aufschwung als Belastungsfaktoren auszumachen. Auch die beginnende Straffung der Geldpolitik könnte einige Sorgen verursachen.

Inflation als Gefahr

Dem gegenüber steht jedoch die Stärke und Dauer des laufenden ökonomischen Zyklus. Er wird als so robust angesehen, dass Goldman Sachs seinen Kunden dazu rät, seinen eigenen Bärenmarktindikator, der noch vor zwei Monaten auf Niveaus notierte, die über denen der New-Economy-Blase und dem 2007er Hoch vor der Finanzkrise lagen, einstweilen zu ignorieren.

Die hohen Stände, die der Indikator inzwischen erreicht hat, werden nicht als Warnsignal, sondern als Zeichen für die Stärke des laufenden Aufschwungs gewertet. Da Bullenmärkte nicht an Altersschwäche, sondern an Finanzblasen und ökonomischen Ungleichgewichten, sterben, sehen die Goldman Analysten für die laufende Hausse noch keine Gefahr.

Auch wenn erwartet wird, dass die FED weitere viermal an der Zinsschraube drehen wird und das KGV bei einem weiteren Anstieg des S&P500 um 250 Punkte auf ungefähr 20 steigen wird, sieht man im Grunde doch nur drei Hauptgefahren. Die Erste ist ein sogenannter bull squeeze, also eine Art Kaufpanik. Im Hintergrund steht, dass viel Kunden an Goldman herangetreten sind und sich darüber beklagt haben, dass es keine überschwänglichen Anstiege der Kurse gebe. Da man solch eine reichlich überzogene Erwartungshaltung der Anleger oft im Endstadium eines Bullenmarktes zu hören bekommt, kann eine von Kaufpanik getriebene Erschöpfungswelle auch im Jahr 2018 nicht vollkommen überraschen.

Möglich sei auch eine kurze Korrektur. Wobei die Analysten von Goldman Sachs betonen, dass sie nur eine kurze Korrektur und keinen Crash oder lang anhaltenden Bärenmarkt erwarten. Sollte sie kommen, rät die Investmentbank dennoch nicht zum Verkauf, denn die Erfahrung habe gezeigt, dass es zu schwer ist, das Hoch zu treffen.

Korrekturen aussitzen statt verkaufen

Anleger, die nur drei Monate zu früh verkaufen, verpassen im Schnitt sieben Prozent Rendite. Dies entspricht in etwa dem Betrag, den der auch nach dem Hoch weiterhin voll investierte Anleger zwischenzeitlich verliert. Unter dem Strich ist es somit egal, ob man zu früh verkauft oder gar nicht verkauft und die Korrektur einfach nur aussitzt. Diese Strategie funktioniert natürlich nur, wenn eine normale Korrektur erwartet wird.

Rechnet man hingegen mit einer historischen Wende, wie sie sich 1929 und 2007 an den Märkten vollzog, ist ein Verkauf angebrachter. Für diesen bietet sich die zu erwartende Gegenbewegung an, die normalerweise nach einem beginnenden Crash zu sehen ist. Sie führt fast auf die alten Niveaus zurück und stellt damit eine gute Chance zum Ausstieg dar. Man muss diese Chance nur als solche erkennen und darf sie nicht mit einer weiteren Nachkaufgelegenheit verwechseln. Letzteres dürfte nach einem Zeitraum von neun Jahren, in dem es nur aufwärtsging und jeder Kursrücksetzer eine Kaufgelegenheit war, nicht immer ganz leicht sein.

Als die größte Gefahr für die Märkte in 2018 werden deshalb Inflationserwartungen genannt, die deutlich zulegen könnten. Investoren haben zu jeder Zeit eine konkrete Meinung zur zukünftigen Inflation. Augenblicklich rechnen die Anleger nicht mit einer deutlich steigenden Inflation. Die Inflationserwartungen sind entsprechend niedrig. Sollten sie im Lauf des Jahres 2018 deutlich steigen, wird dies den Markt nachhaltig stören.

Dieser Punkt hat es wirklich in sich, denn Inflation gab es bislang nur bei den Preisen für Vermögensgüter, also hauptsächlich Anleihen, Aktien und Immobilien und weniger bei den Edelmetallen Gold und Silber. Vollzieht sich in 2018 ein Wandel, der dazu führt, dass die Inflation von den Finanzmärkten auf die Realwirtschaft überschwappt, droht schnell Ungemach, denn die FED könnte vom Anstieg der Inflation überrascht und zunächst auch ein wenig paralysiert sein, sodass sie erst viel zu spät reagiert.

In diesem Fall könnten wir anders als in den inflationsgeplagten 1970er Jahren sowohl einen Anstieg der realen Inflationsraten wie auch der Aktienkurse sehen. Ungemütlich wird es dann am Rentenmarkt, der vermutlich mit stark fallenden Kursen reagieren wird. Angesichts der Größe des Rentenmarktes gibt es nur wenige Fluchtwege und die dürften alle gleichermaßen überfüllt und verstopft sein.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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