Der Wachstumstraum ist ausgeträumt

Bernd Heim
By Bernd Heim / 10. Januar 2018

Wenn die Wirtschaft erst wieder wächst, dann werden auch all die vielen Schieflagen korrigiert werden können, die uns derzeit belasten. Mit diesem Credo vertrösten uns Politiker und Ökonomen seit Jahren. Sie hoffen auf die Wunderwaffe ‚Wachstum‘ und setzen dabei auf eine Kraft, die schon seit Jahren immer schwächer wird.

Zweistellige Wachstumsraten kannte man in den westlichen Industriestaaten nur in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. China machte in den letzten beiden Dekaden durch ähnlich hohe Wachstumsschübe auf sich aufmerksam. Doch auch diese Zeiten sind inzwischen vorbei und im Reich der Mitte ist man heute froh, wenn man noch 7,5 Prozent Wirtschaftswachstum vorweisen kann.

Der Trend zu rückläufigen Wachstumszahlen ist eigentlich ein naturgegebener, denn er folgt der Entwicklung zu immer höheren Zahlen. Wenn die Ausgangsbasis beständig steigt, muss auch der Anstieg nominal im gleichen Verhältnis mitsteigen, damit prozentual das Wachstum des Vorjahres erhalten bleibt.

Erwirtschaftet eine Volkswirtschaft beispielsweise 100 Milliarden Euro und steigert diese im nächsten Jahr auf 110 Milliarden Euro, so wächst die Wirtschaft um stolze 10 Prozent. Soll dieses Verhältnis im zweiten Jahr erhalten bleiben, muss die Wirtschaft bereits um 11 Milliarden Euro wachsen. Tut sie das nicht und wächst wie im Vorjahr „nur“ um 10 Milliarden Euro, ermäßigt sich das Wachstum bereits auf 9,1 Prozent im zweiten und 8,3 Prozent im dritten Jahr.

Sind die Modelle der Volkswirte noch realistisch?

Hohe Wachstumszahlen sind aufgrund der beständig größer werdenden Basis nur sehr schwer auf Dauer durchzuhalten. Trotzdem gehen die Berechnungsmodelle vieler Volkswirte von einem exponentiellen Wachstum aus.

An dieser Grundannahme sind erhebliche Zweifel angebracht, denn dieses extreme Wachstumstempo erleben wir nur in Sondersituationen. In der Wirtschaftsgeschichte wuchsen Industrie und Wohlstand über viele Jahrhunderte nicht oder nur sehr langsam. Erst mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert zeigen sich deutlich höhere Steigerungsraten als in den Jahrhunderten zuvor.

Es ist daher einmal zu fragen, ob die mit der industriellen Revolution angestoßene Entwicklung die Ausnahme oder die Regel ist. Weiterhin ist zu fragen, ob die Zahlen, die seit 1850 zu beobachten sind, eine neue unumstößliche Regel darstellen oder ob auch sie einem Prozess der Verminderung durch die stets größer werdende statistische Basis unterworfen sind.

Wenn beide Fragen nicht zugunsten der industriellen Wachstumszahlen zu beantworten sind, stehen wir vor der Notwendigkeit anzuerkennen, dass das, was wir in den letzten 150 bis 200 Jahren beobachtet haben, nicht die Ausgangsbasis für unsere zukünftigen Erwartungen sein kann.

Wächst die Wirtschaft bald nur noch nominal?

Das hohe Wirtschaftswachstum der Wirtschaftswunderjahre war primär der Not und der Zerstörung der frühen Nachkriegsjahre zu verdanken. Gleiches gilt für das japanische Wachstum in den 1970er und 1980er Jahren und das beeindruckende Wachstum Chinas seit 1992.

In allen Fällen gab es geschichtlich bedingte Mangelerscheinungen, die kurzfristig ausgeglichen und aufgeholt werden mussten. Wenn der Bürgerkrieg in Syrien endet, wird auch dieses kleine Land durch den notwendigen Neuaufbau zwangsläufig eine Zeit lang hervorragende Wachstumszahlen vorweisen können. Aber um welchen Preis?

Diese Sondersituationen erklären, warum die Wirtschaft anschließend exponentiell wächst. Aber sie sind gewiss nicht das, was wir uns wünschen. Von daher stellt sich die grundsätzliche Frage, ob die Wirtschaft nicht unter normalen Umständen nur langsam und damit nur linear wächst.

Was zunächst wie eine im Grunde völlig unbedeutende Frage klingt, hat dennoch weitreichende wirtschaftliche und damit auch gesellschaftliche Konsequenzen. Es ist nicht nur eine Frage für den wissenschaftlichen Elfenbeinturm, sondern ein Problem mit hoher gesellschaftlicher Relevanz.

Das Ende der Überschüsse ist erreicht

Eine Gesellschaft, die beständig exponentiell wächst, kann großzügiger planen und auch mehr verteilen als heute da ist, weil sie weiß, dass es schon in Kürze erwirtschaftet sein wird. Einer Gesellschaft, die nur noch nominal wächst, ist diese Möglichkeit genommen. Sie kann nur noch auf das zurückgreifen, was vorhanden ist und vielleicht noch ein bisschen mehr. Aber große Sprünge und teure Geschenke sind nicht mehr drin.

Das hat Konsequenzen für den Staatshaushalt aber auch für die Sozial-, Gesundheits- und Rentensysteme. Ihre Kalkulationen stehen sehr schnell auf einem unsicheren Fundament, wenn die erwarteten und bereits fest verplanten Wachstumsziele nicht darstellbar sind.

Bedenken Sie in diesem Zusammenhang, dass Bundesregierung, Krankenkassen und Rentenversicherung bei ihren Planungen in der Regel von einem jährlichen Wachstum von ein bis zwei Prozent ausgehen. Das klingt auf den ersten Blick nach nicht viel, setzt aber durch das schon recht hohe Ausgangsniveau immer noch einen starken nominalen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts voraus.

Erweisen sich diese Annahmen als unrealistisch, zerplatzt nicht nur die Hoffnung auf Millionen neuer Jobs. Auch die bestehende Staatsverschuldung wird immer schwerer zu schultern, denn sie wächst immer noch schneller als die Wirtschaft. Wollen die Unternehmen in dieser Situation weiterhin hohe oder gar noch höhere Gewinne erzielen, so geht das nur zulasten des Rests der Gesellschaft, also auf Kosten der Mitarbeiter und Kunden.

Unsere Gesellschaft muss sich entscheiden

Das Ende der Wachstumsillusion ist damit nicht unbedingt das Ende der Gesellschaft, wohl aber das Ende der Gesellschaft, die wir kennen. Die bundesrepublikanische Gesellschaft war über viele Jahre hinweg eine Konsensgesellschaft.

Streiks und andere Verteilungskämpfe sahen wir im Vergleich zu anderen Ländern auch deshalb so selten, weil es immer relativ viel zu verteilen gab. Viele Ansprüche konnten auf diese Art relativ leicht befriedigt werden.

Sind diese paradiesischen Zeiten vorbei, so wird sich auch das gesellschaftliche Klima in Zukunft notgedrungen verändern. Das Klima könnte eisiger, der Wind rauer und die Verteilungskämpfe schärfer werden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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