Die Verdummung der Sparer geht in die nächste Runde

Bernd Heim
By Bernd Heim / 22. Januar 2018

Vor wenigen Tagen hörte ich sie wieder einmal, jene bemerkenswerte Aussage, die mich immer wieder zu der Frage führt, ob diese Leute eigentlich wirklich glauben, was sie da im Brustton tiefster Überzeugung von sich geben. Ganz ehrlich: Ich habe da so meine Zweifel.

Die Aussage, um die es geht, ist folgende: „Der Staat braucht seine Schulden nicht zurückzuzahlen. Er muss sie nur bedienen.“ Während sie getätigt wurde, umspielte ein feines, wissendes Lächeln die Lippen des Sprechers.

Vermutlich werden auch Sie die Aussage in der einen oder anderen Form, mit oder ohne hintergründigem Lächeln, schon einmal gehört haben. Doch hier gilt wie in vielen anderen Fällen auch, dass eine Aussage nicht dadurch besser oder richtiger wird, dass man sie permanent wiederholt.

Die kalte Arroganz der längeren Existenz

Im Hintergrund der These vom Staat, der seine Schulden nicht zurückzahlen müsse, steht die Annahme, dass der Staat als prinzipiell unsterbliche Institution den einzelnen Schuldner ohnehin überleben wird. Eine ziemlich kalte und berechnende Sichtweise, wenn Sie mich fragen.

Als biologisches Wesen ist jeder Mensch endlich, und auch wenn es der Menschheit gelingt, dieses Ende immer weiter hinauszuschieben, irgendwann wird es kommen, ob man will oder nicht.

Der Staat hat dieses Problem vordergründig nicht. Er verjüngt sich durch die nachkommenden Generationen permanent und ist somit – zumindest theoretisch – eine Institution für die Ewigkeit.

Warum also geliehenes Geld an jemanden zurückzahlen, der ohnehin nicht länger existieren wird als man selbst? Er soll froh sein, wenn er Jahr für Jahr seine Zinsen sieht. Aber auf eine Rückzahlung der Schuld zu Lebzeiten hoffen, sollte er besser nicht.

Erwarten die Sparer wirklich nur den konstanten Zinsfluss?

Allein aus staatlicher Sicht betrachtet ist es wirklich sehr angenehm, die Begleichung der ursprünglichen Schuld auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben und das biologisch unausweichliche Ende des Gläubigers in Ruhe abzuwarten.

Erben, die zu einem späteren Zeitpunkt an seine Stelle treten könnten, beglückt man mit einer saftigen Erbschaftssteuer, und wenn dann auch noch „unterwegs“ die Zinsen auf ein Niveau nahe oder sogar unter null gesenkt werden können, ist das Glück, zumindest das staatliche, beinahe vollkommen.

Fraglich ist allerdings, ob die Anleger in dem Moment, in dem sie eine Staatsanleihe zeichnen, wirklich davon ausgehen, dass sie ihr Geld nie wiedersehen und fortan nur noch die Zinsen erhalten werden?

Ich glaube, die meisten Sparer würden nach wie vor empört reagieren, wenn man ihnen unmittelbar nach Abschluss des Vertrages sagt, dass ihr Geld nun weg ist und sie, wenn sie Glück haben noch für ein paar Jahre leicht positive Zinsen sehen werden.

Anleger, die eine Auszahlung erwarten, sind ein Problem und haben ein Problem

Wenn Sie also noch zu jenen altmodischen Zeitgenossen gehören, die tatsächlich erwarten, dass ein einmal gewährtes Darlehen irgendwann einmal zurückgezahlt wird und eine jahrelang eisern besparte Lebensversicherung ausgezahlt wird, dann haben Sie ein Problem und sind zugleich eines für die staatliche Gegenseite.

Denn das Geld, das sie berechtigterweise erwarten, ist nicht mehr da. Es ist weg, vermutlich für immer. Sie können seine Reste, wenn Sie Glück haben, vielleicht noch in Form von maroden Autobahnbrücken und heruntergekommenen Klassenzimmern besichtigen, aber wirklich befriedigen wird Sie dieser Anblick wohl kaum.

Aber auch hier hat man staatlicherseits bereits frühzeitig für Abhilfe gesorgt: Um den schönen Schein zu wahren, wird ein Theaterstück der Extraklasse inszeniert. Man zeigt Ihnen noch einmal das Geld, das man Ihnen eigentlich nicht zurückgeben kann, indem man es sich kurzfristig bei einem anderen leiht.

So erweckt man den Anschein von Solidität und Zahlungsfähigkeit, ist aber im Grunde längst am Ende seiner finanziellen Möglichkeiten angelangt und wechselt in die heile Welt der Blender, Gaukler, Zauber und Taschenspieler.

Damit das Spielchen noch ein Weilchen weitergehen kann und die Nation nicht zu früh bemerkt, dass man ein kollektives ‚Die Reise nach Jerusalem‘-Spiel spielt und nicht genug Stühle bzw. Geld für alle vorhanden sind, lässt man schlaue Ökonomen verkünden, dass der Staat seine Schulden nicht zurückzahlen, sondern nur bedienen müsse, und hofft darauf, dass naive Zeitgenossen gierig nach auch diesem Körnchen „Wahrheit“ picken.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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