Aurelius und die Leerverkäufer: Für Privatanleger eine nur schwer einzuschätzende Verbindung

Nach Aixtron, K+S, Heidelberger Druckmaschinen und ADVA Optical Networking besitzt die Aurelius-Aktie mit aktuell 8,70 Prozent den höchsten Anteil an Leerverkäufen. Das klingt zunächst einmal gefährlich, muss es aber nicht unbedingt sein, denn es gibt für Investoren zwei höchst unterschiedliche Motive Leerverkäufe zu tätigen.

Die erste durchaus aggressive Variante kennen gerade die Aurelius-Aktionäre aus dem letzten Jahr noch sehr gut. Sie wird immer dann gewählt, wenn aggressive Shortseller wie Gotham City Druck auf den Kurs ausüben und mit fallenden Kursen Gewinne erzielen wollen. Je tiefer die Aktie fällt, umso höher ist der Gewinn.

Dabei ist es vollkommen unerheblich, ob der Kursverfall zurecht erfolgte, weil die Aktie hoffnungslos überbewertet war, oder nur die Folge eines gezielt gestreuten Gerüchts war. Was für den aggressiven Leerverkäufer zählt, ist nur der Gewinn, der unter dem Strich verbleibt.

Das zweite Motiv, Aktien leer zu verkaufen, ist ganz anderer Natur und es ist sowohl für die betroffenen Firmen als auch für die ebenfalls mitbetroffenen anderen Aktionäre wesentlich harmloserer Natur, denn hier geht es nicht mehr darum, mit dem Short Gewinne zu erzielen, sondern bereits in der Vergangenheit aufgelaufene Gewinne zu sichern.

Nicht jeder Shortseller will den Kurs fallen sehen

Dieses Verfahren bietet sich insbesondere dann an, wenn ein Unternehmen wie Aurelius eine oder mehrere Wandelanleihen emittiert hat. Liegen diese Wandelanleihen nach einiger Zeit deutlich im Geld, bietet es sich für die Käufer der Anleihen, die oftmals strategische Ankeraktionäre des Unternehmens sind, an, Aktien leer zu verkaufen.

Sie sichern mit diesem Schritt ihre bereits in der Vergangenheit erzielten Gewinne. Steigt die Aktie weiterhin an, verlieren sie durch den Short zwar Geld, dieses wird durch die gleichzeitig im Kurs steigende Wandelanleihe aber wieder egalisiert. Fällt hingegen der Aktienkurs, so schmelzen die Gewinne der Wandelanleihe dahin, was aber nicht weiter problematisch ist, weil der Gewinn durch die leerverkauften Aktien diese Verluste wieder ausgleicht.

Nun ist es nur noch eine Frage des Verhältnisses der Höhe des Shorts zur Größe der Position der Wandelanleihe, die darüber entscheidet, ob der Ankeraktionär sein Risiko vollständig eliminiert oder sich nur mit einer Teilabsicherung begnügt. Beide Wege sind prinzipiell möglich und in den gewählten Weg wird sicher auch die Bewertung der Zukunft des Unternehmens durch den strategischen Investor mit einfließen.

Sieht er noch großes Potential für den Aktienkurs, wird er die Dimensionierung seines Shorts vermutlich deutlich kleiner ausfallen lassen, als wenn der Ankerinvestor die Aktie bereits als hoch bewertet und damit als relativ teuer ansieht. Zwischen diesen beiden Extremen sind natürlich sämtliche Zwischenstufen vorstellbar und realisierbar.

Auf die Mischung kommt es an

Es versteht sich von selbst, dass dieses in der Fachwelt mit dem Begriff Delta Hedging umschriebene Vorgehen nichts mit einer aggressiven Short-Spekulation zu tun hat und nur dazu genutzt wird, das eigene Risiko zu minimieren und verdiente Erträge zu bewahren.

Trotzdem ist auch das Delta Hedging für den Privatanleger nicht vollkommen gefahrlos, denn eine hohe Shortposition verweist darauf, dass die institutionellen Anleger kein allzu großes Aufwärtspotential mehr sehen und deshalb bemüht sind, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die Privatanleger in der Informationskette immer noch ziemlich weit hinten stehen. Zwar hat das Internet in den vergangenen Jahren den Informationsvorsprung der institutionellen Seite deutlich reduziert, aber vollkommen aufgehoben und damit aus der Welt geschafft wurde er nicht.

Wenn institutionelle Anleger Positionen auf- oder abbauen wollen, dann möchten sie dies möglichst geräuschlos tun. Erst nach getaner Arbeit darf die Allgemeinheit unter Umständen gerne wissen, was man getan hat. Etwa dann, wenn man wünscht, dass sie ebenso handelt wie man selbst und damit eine bereits aufgebaute Position in den Gewinn trägt.

Immer nach dem handlungsleitenden Interesse fragen

Aber diese Informationen werden nie vollkommen selbstlos aus reiner Freundlichkeit gegeben. Immer steht eine strategische Absicht im Hintergrund, die der Privatanleger nicht kennt und auch nicht vorzeitig kennen soll, denn anderenfalls könnte er den geräuschlosen Auf- oder Abbau einer Position empfindlich stören.

Natürlich weisen die betroffenen Unternehmen gerne darauf hin, dass die hohen Shortquoten nichts zu bedeuten hätten, weil sie ja durch die Wandelanleihen gedeckt seien. Diese Aussage ist richtig und gleichzeitig auch nur ein Teil der Wahrheit, denn würde der Ankerinvestor weiterhin starke Kursgewinne in der Aktie und damit mittelbar auch in der von ihm gehaltenen Wandelanleihe erwarten, hätte er keinen Grund überhaupt einen Short zu fahren oder seine Shortquote zu erhöhen.

Die investierten Anleger tun also gut daran, erstens die veröffentlichten Shortquoten stets im Auge zu behalten und sich zweitens immer auch ihre eigene Meinung zu diesen zu bilden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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