ThyssenKrupp und die US-Strafzölle: Es darf gezittert werden

Seit Donald Trump öffentlich über Strafzölle auf europäische und chinesische Stahlexporte in die USA nachdenkt, lastet auf den Aktien der Stahlproduzenten ein enormer Druck. Dieser hat beispielsweise am Freitag dazu geführt, dass die Aktie von ThyssenKrupp nochmals deutlich schwächer war als der ohnehin schon schwache Gesamtmarkt.

Betrachtet man die Aktie von ThyssenKrupp durch eine langfristige Brille, fallen drei Chartmarken besonders auf. Die unterste liegt bei 21,05 Euro. Sie markiert die untere Grenze einer großen Seitwärtsrange innerhalb derer sich die Aktie seit mehreren Monaten bewegt. Auf der Oberseite ist das Kursniveau von 26,40 bis 27,05 Euro jener Bereich, in dem sich die Aktie mit einer schönen Regelmäßigkeit festfährt und nicht mehr weiterkommt.

Zwischen diesen beiden Extremen liegt die Marke von 24,33 Euro. Auch an dieser auf halbem Weg zwischen den beiden äußeren Punkten liegenden Marke neigte der ThyssenKrupp-Kurs immer wieder dazu, kurzfristig die Richtung zu wechseln. Geht man davon aus, dass diese Handelspanne noch eine Weile Bestand haben wird, hat sich auf der Unterseite in den letzten Tagen eine neue Einstiegsmöglichkeit ergeben, denn der Kurs der ThyssenKrupp-Aktie ist unter die Marke von 21,00 Euro zurückgefallen.

Negativ aufhorchen lässt, dass die Aktie beim Erreichen der Unterstützung zunächst keine nennenswerte Reaktion gezeigt hat und von den Anlegern gleich bis an den unteren Rand der Unterstützungszone bei 20,75 Euro durchgereicht wurde. Hier zeigten sich am Montag erste Käufer. Ob ihr Engagement ausreichen wird, um die Aktie zu stabilisieren, muss abgewartet werden.

Eine ungünstige Gemengelage

Ärgerlich aus Anlegersicht ist, dass wir es hier sowohl mit einem fundamentalen als auch mit einem politischen Problem zu tun haben. Von ThyssenKrupps Zahlen zum 4. Quartal waren die Anleger im Februar alles andere als begeistert und die anfängliche Euphorie nach dem geplanten Zusammenschluss der Stahlsparte mit der europäischen Stahlsparte des indischen Tata-Konzerns ist auch bereits vollkommen verflogen.

Politische Börsen haben zwar bekanntlich kurze Beine, aber auf der anderen Seite ist Donald Trump auch kein klassischer Politiker, der seine Entscheidungen sorgsam abwägt, sondern ein sehr emotional handelnder Präsident. Von ihm muss man prinzipiell alles und auch nichts erwarten.

Der Ausgang des Stahlstreits mit den USA könnte für die Anleger der ThyssenKrupp-Aktie deshalb leicht zu einer nervenaufreibenden Hängepartie werden. Hält die Unterstützung bei 20,75 Euro und finden die Politiker einen Kompromiss, kann die Aktie in den nächsten Tagen sehr schnell wieder durchstarten.

Ein Tagesschlusskurs oberhalb von 21,00 Euro könnte dazu das Startsignal sein. Zu erwarten wäre in diesem für die Aktionäre besonders positiven Fall ein Wiederanstieg mindestens bis zur ersten Wendemarke bei 24,33 Euro. Gut denkbar sind von hier aus weitere Anstiege in Richtung 26,43 Euro und 27,05 Euro. Natürlich nur, wenn Donald Trump und der allgemeine Markt mitspielen.

Wehe, wenn Donald Trump das Falsche twittert

Zieht sich der Streit hin oder wird von einer der beteiligten Seiten weiteres Öl ins Feuer gegossen, droht mit einem Tagesschlusskurs unterhalb von 20,75 Euro sofort die nächste Verkaufswelle. Ihr primäres Ziel wäre die Wendemarke vom November 2016 bei 19,40 Euro. Da aber längst noch nicht ausgemacht ist, dass das primäre Ziel auch das finale ist, sind auch weitere Abgaben bis hinab auf 16,60 Euro denkbar.

Damit stehen die Aktionäre und auch die Anleger, die aktuell mit dem Gedanken spielen, in den nächsten Tagen Aktionär der ThyssenKrupp AG zu werden, vor einer schwierigen Entscheidung. Man muss nicht nur die Bilanz und den Chart richtig lesen können.

Auch die politischen Grabenkämpfe sind korrekt einzuschätzen, und weil es so schön ist, sollte man auch in der Lage sein, Zeitpunkt und Inhalt der Twittermeldungen von Donald Trump in ihren Auswirkungen auf den Kurs der ThyssenKrupp-Aktie schon im Vorfeld richtig einschätzen können.

Dass dies von einem normalen Investor, egal ob Privatanleger oder institutionellem Anleger nicht mehr zu leisten ist, versteht sich von selbst. Wer dennoch investiert ist, der braucht in diesen Tagen vor allem eines: ein robustes Nervenkostüm, denn es darf an der Börse wieder mehr um die eigenen Investments gezittert werden. Nicht nur bei ThyssenKrupp und anderen von möglichen Zöllen, Sanktionen und Gegensanktionen betroffenen Unternehmen, aber ganz sicher auch dort.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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