Das Finanzsystem ist auch dann gescheitert, wenn wir aus Angst oder Ignoranz nicht hinsehen wollen

Der Traum vom unbegrenzten Wachstum ist unrealistisch. Aber ausgeträumt ist er leider noch nicht. Noch immer klammern sich viel zu viele Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft an die Hoffnung, dass mehr Wachstum die Lösung unserer wirtschaftlichen, finanziellen und sozialen Probleme sei.

Viele Notenbanker gehören ebenfalls zu dieser Gruppe. Sie verbanden in den letzten Jahren die Hoffnung auf mehr Wachstum mit der gefährlichen Annahme, dass eine höhere Verschuldung dieses Wachstum herbeiführen könne. Überspitzt könnte man sagen, die Notenbanken wollten dafür sorgen, dass der neue Wohlstand nicht mühsam erarbeitet werden muss, sondern relativ leicht mit der Notenpresse gedruckt werden kann.

Das Experiment dauert noch an, aber so richtig erfolgreich ist es nicht. Die Schulden sind uns mittlerweile sowohl auf staatlicher als auch privater Ebene über den Kopf gewachsen und das versprochene Wachstum hinkt seit Jahren dem Anstieg der Schulden beständig hinterher.

Ein wenig erinnert das Bestreben der Notenbanken an die Alchemisten der frühen Neuzeit. Auch sie versuchten vergeblich das teure Gold aus einigen weniger wertvollen Chemikalien herzustellen. Wir wissen heute, dass dieses Bemühen scheitern musste, weil chemische Reaktionen zwar neue Verbindungen aber keine neuen Elemente entstehen lassen.

Mit Wohlstand und Reichtum verhält es sich ähnlich. Auch sie stellen sich nur dann ein, wenn wir weniger ausgeben als wir verdienen. Der umgekehrte Weg, ständig über die eigenen Verhältnisse zu leben, führt über die Schuldenfalle langfristig nur in die Armut.

Wohlstand lässt sich nicht mit der Notenpresse erzeugen

Das viele aus dem Nichts erschaffene Geld der Notenbanken verstärkt diesen Effekt. Es fühlt sich zunächst gut an und kreiert einen wirtschaftlichen Boom. Doch dieser ist nicht nachhaltig, weil die Nachfrage keine echte ist, sondern künstlich mit dem neu geschaffenen Geld erzeugt wurde.

Zudem profitieren jene am meisten von dem System, die zuerst in den Genuss des neuen Geldes kommen. Sie kaufen mit diesem aus dem Nichts heraus geschaffenen Geld echte Werte, Häuser, Maschinen, Firmen oder auch Gold und Silber. Über die Zeit wird der Wohlstand der Welt so zwar nicht gemehrt, wohl aber umverteilt, und zwar von denen, die vergleichsweise wenig haben zu jenen, die ohnehin schon immer etwas mehr hatten.

Wenn die Privilegierten immer reicher und die Armen immer ärmer werden, steigt nicht nur das Wohlstandsgefälle. Es sinkt über kurz oder lang auch die Nachfrage, und zwar die echte Nachfrage. Sie muss immer mehr durch eine künstliche Nachfrage ersetzt werden, was die einmal in Gang gesetzte Spirale sich immer schneller drehen lässt.

Wenn die Reichtümer dieser Welt sich nur noch in wenigen Händen konzentrieren und den anderen immer weniger zum Leben bleibt, muss auch die natürliche Nachfrage immer weiter zurückgehen, denn der Masse der Menschen, also der Masse der potentiellen Nachfrager, wird unbewusst eine Konsumbremse auferlegt. Und diese Konsumbremse wirkt, egal, wie viel Geld die Notenbanken auch drucken.

Die Schulden steigen schneller als die Einkommen

Wenn ein Einzelner nicht dauerhaft über seine Verhältnisse leben kann, kann es auch ein Staat nicht, denn dieser ist nur eine Ansammlung von zahlreichen Individuen und Unternehmen. Leider wird diese unangenehme Wahrheit seit Jahren von Ökonomen und Politikern bewusst ignoriert.

Man erzählt uns, dass der Staat als Schuldner nicht ausfallen könne, und bürdet die Lösung des Problems, das man selbst geschaffen hat, den noch nicht geborenen Kindern auf. Sie tragen keine Schuld an der Misere, werden aber zur Verantwortung gezogen und können sich gegen die großen Lasten, die auf sie zukommen werden, auch nicht wehren. Früher hätte man ein solches Verhalten als asozial, also nicht sozial, bezeichnet. Heute gilt es als clever.

Entscheidend ist nicht nur, dass die Schulden inzwischen exponentiell steigen. Viel entscheidender ist, dass die Schulden schon seit Jahren schneller steigen als die verfügbaren Einkommen. Wenn die Last, die zu tragen ist, schneller steigt als die Fähigkeit sie zu stemmen, ist der Zusammenbruch nur noch eine Frage der Zeit.

Bislang ist es gelungen, den Zusammenbruch hinauszuzögern. 2008, während der Finanzkrise, ist ihm die Welt gefährlich nahe gekommen. Wer heute auf die langfristige Entwicklung der Schulden schaut, der sieht genau in jenen Jahren einen kleinen Einbruch. Die kleine Delle ist inzwischen ausgebügelt und das Schuldenwachstum geht munter weiter. Aber der Gedanke, was passiert wäre, wenn die Schulden damals nicht weiter gewachsen, sondern tatsächlich geschrumpft wären, lasst einen neutralen Betrachter schnell erschauern.

Am Ende der Schulden werden Armut und Leid stehen

Seit 45 Jahren wachsen die Schulden wesentlich schneller als die Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt der USA ist heute etwa 17 Mal so groß wie im Sommer 1971, als Richard Nixon das Bretton Woods-Abkommen beendete und den US-Dollar von seiner festen Bindung an das Gold löste. Die Schulden sind im gleichen Zeitraum auf das 40fache angewachsen.

Wenn man jetzt auch noch bedenkt, dass ein Teil des sogenannten Wachstums nur auf das Leihen und Ausgeben von Geld zurückzuführen ist und dazu führt, dass wir Dinge kaufen, die wir eigentlich nicht brauchen, kann einem schnell Angst und bange werden.

Die Höhe der Schulden wird sich in einer zukünftigen Rezession nicht ändern. Es ist aber zu befürchten, dass das auf übermäßiger Kreditvergabe beruhende BIP sich in Luft auflösen wird. So, als wäre es nie da gewesen. An dieser Stelle angekommen sollten wir die Worte ‚verantwortungsbewusst‘ und ’nachhaltig‘ besser nicht in den Mund nehmen. Sie passen hinten und vorn nicht.

Die Mutter aller Finanzblasen ist nicht nur längst geschaffen. Sie wird sogar immer noch weiter aufgepumpt. Wann das Ende kommt, kann niemand mit letzter Sicherheit sagen. Doch dass es ein Ende mit Schrecken sein wird, steht außer Zweifel. Bereiten Sie sich auf diesen Schrecken bei Zeiten vor und sagen sich nicht, es hätte Sie niemand gewarnt.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden, damit auch diese die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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