Die Inflation ist der schmutzige Schatten des billigen Geldes

Es gibt Themen, die kommen, bestimmen dann für eine gewisse Zeit die allgemeine Diskussion und verschwinden anschließend schnell wieder in der Versenkung, aus der sie ursprünglich gekommen sind. Mit der Inflation ist das anders. Dieses Thema wird uns noch lange Zeit beschäftigen, zumindest so lange, wie es Geld gibt, das man vermehren kann, ohne dass sich gleichzeitig die Menge der erschaffenen Güter und Dienstleistungen ändert.

Können Sie sich noch an die Diskussion um die Kampfhunde erinnern? Als diese mediale Sau durchs Dorf getrieben wurde, verging fast kein Tag, an dem nicht irgendwo in Deutschland irgendjemand von einem Kampfhund gebissen wurde. Heute herrscht in dieser Frage eine mediale Ruhe, die aufhorchen lässt. Sollen Deutschlands Hunde wirklich ihren natürlichen Instinkt zum Zubeißen verloren haben?

Das Beispiel der Kampfhunde zeigt, wie sehr unsere Wahrnehmung durch die Berichte gesteuert wird, die wir täglich konsumieren. Ein Thema, das dort nicht auftaucht, verschwindet sehr schnell auch aus unserem Bewusstsein. Aus der Welt ist es damit noch lange nicht, denn eine Problematik verschwindet nicht dadurch, dass man sie verschweigt.

Wir sollten deshalb froh sein über jeden Tag, an dem das Thema Geldentwertung im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht. Selbstverständlich ist das nicht, denn es gibt viele Befürworter und Profiteure der Inflation und ihrer Nebenwirkung, die nicht wünschen, dass das, was im Hintergrund gerade geschieht, allen bewusst ist und öffentlich diskutiert wird.

Die Inflation ist gewollt

Hin und wieder hat man den Eindruck, als sei die Inflation ein Naturereignis, das über Nacht auftritt und wie eine Heuschreckenplage ungewollt vom Himmel fällt. Dem ist nicht so, denn jede Inflation hat eine Vorgeschichte und meist erzählt uns diese von einer durch die wirtschaftliche Entwicklung nicht gedeckten, gezielten Ausweitung der Geldmenge.

Die meisten Menschen verstehen unter der Inflation einen fortgesetzten Anstieg der Konsumentenpreise. Diese Sichtweise greift zu kurz. Sie blendet wichtige Aspekte aus und übersieht, dass die Preise nur deshalb steigen, weil zuvor die Geldmenge stärker gestiegen ist als die wirtschaftliche Aktivität. Wäre die Geldmenge nicht oder nur im gleichen Maß wie die Gütermenge gestiegen, wären die Preise konstant geblieben. So aber ergießt sich mehr Geld über eine gleichbleibende wirtschaftliche Aktivität und führt zwangsläufig zu steigenden Preisen.

Das neue Geld ergießt sich allerdings nicht nur über die produzierten Güter. Auch die sogenannten Bestandsgüter, also Häuser, Grundstücke, Edelmetalle, Kunstobjekte, Aktien und Anleihen, sehen sich einer gewachsenen Geldmenge gegenüber. Sie führt auch hier zu höheren Preisen. Die zerstörerische Wirkung auf die Kaufkraft ist bei einer Vermögenspreisinflation ebenso gegeben wie bei einem starken Anstieg der Konsumentenpreise.

Der Effekt des Kaufkraftverlustes ist leicht zu spüren. Viel schwerer zu erkennen ist eine weitere Nebenwirkung der Inflation. Sie verteilt Vermögen und Einkommen um. Wer zuerst in den Genuss des neuen Geldes kommt, hat einen Vorteil. Er kann Güter und Dienstleistungen noch zu den alten Preisen erwerben. Wer erst spät oder gar nicht in den Genuss des neu geschaffenen Geldes kommt, darf sich zur Gruppe der Verlierer zählen.

Rettet den Schuldner auf Kosten des Gläubigers!

Eine Inflation, deren schädliche Auswirkungen schnell durch Lohnerhöhungen und steigende Zinsen ausgeglichen werden, ist weithin eine Gefahr. Gefährlicher sind aber jene Situationen, in denen der Ausgleich nicht, nicht vollständig oder erst viel zu spät vorgenommen wird.

Die aktuelle Geldpolitik der Europäischen Zentralbank bringt nach und nach alle drei Effekte zum Tragen. Zunächst wurde der Ausgleich nicht vorgenommen. Neues Geld wurde in großer Menge in den Wirtschaftskreislauf eingeführt, während die Zinsen immer weiter sanken. Von Ausgleich kann an dieser Stelle überhaupt keine Rede sein.

Nun werden die Zinsen vermutlich langsam wieder steigen, auch wenn die EZB dies dem Markt noch nicht so deutlich kommuniziert. Weil die Banken ihr Geschäftsmodell verlieren, ist eine Rückkehr zu höheren Nominalzinsen aber unausweichlich. Sie wird deshalb kommen, ja kommen müssen, früher oder später.

Vermutlich wird der Akzent wieder auf dem Wort später liegen. Dies würde erneut die Schuldner gegenüber den Gläubigern begünstigen, denn während die Preise für Konsum-, Gebrauchs- und Bestandsgüter bereits steigen, werden die Zinsen nur sehr zögerlich angehoben. Weil die reale Rendite, also die Differenz zwischen dem gezahlten Zins und der Inflation negativ ist, verlieren die Sparer fortlaufend Geld. Es wird von ihnen umgeschichtet in das Lager der Schuldner.

Nebelkerzen und Verschleierung

Das Spiel funktioniert umso besser und reibungsloser, je ahnungsloser die Sparer sind. Ist ihnen nicht bewusst, wie viel Kaufkraft sie verlieren, und da Vermögen von ihnen zu anderen umgeschichtet wird, hält die europäische Schuldenpyramide noch etwas länger durch. Fatal wäre es, wenn die Bevölkerung den Betrug schnell bemerkt, und ihm mit massiven Forderungen nach hohen Lohnsteigerungen und viel höheren Zinsen entgegentritt.

Es wird in diesem Zusammenhang entscheidend sein, auf die Argumente zu achten, die vorgebracht werden, wenn die Inflationsraten das Inflationsziel der EZB von zwei Prozent dauerhaft überschreiten. Welche Story wird man uns dann erzählen und welche „neue“ Wahrheit auftischen wollen?

Die gestiegenen Inflationsraten könnten als „vorübergehende Effekte“ beschrieben und beispielsweise auf die gestiegenen Energiepreise oder den gesunkenen Außenwert des Euros zurückgeführt werden. Entsprechende Berichte und Kommentare sind immer wieder zu lesen und sie alle folgten dem Ziel, die aufkommende Unruhe unter den Sparern schon im Keim zu ersticken.

Gerade der gesunkene Außenwert des Euros, der 2017 noch eine Erklärung war, es 2018 aber nicht mehr ist, weist in die richtige Richtung. Auch er ist kein Naturereignis, sondern alleiniger Ausfluss der Politik der Europäischen Zentralbank. Sie hat unter Mario Draghis Führung den Außenwert der Gemeinschaftswährung bewusst herabgesetzt, um den taumelnden Schuldnern der Eurozone unter die Arme zu greifen.

Je mehr über die Inflation geredet wird, desto besser

Augenblicklich funktioniert das Experiment noch. Dank niedriger Zinsen, moderater Inflation und einer kreditfinanzierten Scheinblüte gelingt es den Problemschuldnern noch, ihren Kopf über Wasser zu halten. Den Preis für dieses Überleben zahlen die Sparer.

Gerät die Inflation jedoch in den nächsten Jahren außer Kontrolle und das meint jetzt keine Hyperinflation mit astronomischen Zahlen, sondern einen Kaufkraftverlust, der dauerhaft über dem Inflationsziel von zwei Prozent liegt, ohne dass man eine plausible Erklärung dafür beibringen kann, droht eine gefährliche Abwärtsspirale, die, wie die Währungsgeschichte zeigt, im Extremfall den Währungswert völlig ruinieren kann, weil sie das Vertrauen in die Währung von innen aushöhlt und zerstört.

Damit die Sparer, insbesondere jene, die sich für Wirtschaftsfragen nur eher am Rande interessieren, von dieser Entwicklung nicht unbemerkt überrollt werden, wäre es wünschenswert, wenn das leidige Thema Inflation uns nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft erhalten bliebe, zumindest in den Medien.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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