Wie weit steigen die Aktienkurse auch ohne die Hilfe der Notenbanken?

Die seit der Finanzkrise deutlich gestiegenen Aktienkurse haben zwei Väter: die wieder gestiegenen Gewinne der Unternehmen und das billige Geld der Notenbanken. Welcher Aspekt der wichtigere ist, darüber streiten die Experten. Einigkeit dürfte aber darüber bestehen, dass beide Aspekte den Anstieg der Kurse getragen haben. Aus diesem Grund kommt zunehmend Unruhe auf, denn die Anleger fragen sich, wie ob der Markt in Zukunft wieder auf eigenen Beinen stehen und weiter ansteigen kann.

In den USA steigen die Zinsen bereits wieder. Das tun sie bereits relativ lang, wenn auch zunächst nicht mit hohem Tempo. Der Markt hatte über zwei Jahre Zeit, sich auf die veränderten Zinsen einzustellen und er sah keinen Grund, in Panik zu verfallen. Auch der britische Brexit oder die Wahl Donald Trumps konnten die Anleger nicht dauerhaft verschrecken. Schnell gewannen die Optimisten die Oberhand und die Kurse setzten ihren Höhenflug fort.

Für einige Anleger ist damit der Beweis erbracht, dass die Börsen auch ohne das viele Geld der Notenbanken steigen können. Das kann man so sehen. Man darf in diesem Zusammenhang aber nicht vergessen, dass bislang nur die Federal Reserve Bank ihren Fuß vom Gaspedal genommen hat. Mario Draghis EZB und die Bank of Japan befeuern die Hausse noch immer mit reichlich Geld aus dem Nichts.

Spannend wird es, wenn eine weitere wichtige Notenbank ihre Zinspolitik ändert und die Zügel wieder strafft. Nach Lage der Dinge ist ein solcher Schritt in Europa eher zu erwarten als im Fernen Osten. Die Augen der Anleger sind deshalb besonders auf die Europäische Zentralbank gerichtet. Solange sie weiterhin die Märkte mit Liquidität flutet, haben die Kurse die Chance zu steigen.

Billiges Geld und höhere Unternehmensschulden

Es sind nicht allein die niedrigen Zinsen, welche die Aktienkurse treiben. Entscheidend ist auch, was die Unternehmen mit den angebotenen Krediten machen. Auf Dauer ist diese Entscheidung noch viel bedeutsamer als das Zinsniveau selbst und die Höhe der Geldschwemme. Gewünscht von den Zentralbankern ist, dass die Unternehmen das preiswerte Geld investieren und so langfristig neue Produkte und Produktionsstätten schaffen.

Tatsächlich fließt jedoch ein großer Teil der aufgenommenen Kredite nicht in neue Produktionshallen, sondern über die Börse in die Taschen der Aktionäre. Mit dem billigen Geld der Notenbanken wurden Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufe in Höhe von 500 Milliarden Dollar finanziert. Beides schafft langfristig keine steigenden Gewinne und der Rückkauf eigener Aktien treibt den Kurs auch nur vorübergehend.

Wenn ein wichtiger Teil der Kursgewinne im Dow Jones und S&P 500 nur auf den Rückkauf eigener Aktien zurückzuführen ist und die üppigen Dividenden der letzten Jahre nicht nur aus den Gewinnen, sondern auch über neue Schulden finanziert wurden, stellt sich schnell die Frage, wie belastbar und nachhaltig die fundamentalen Kennzahlen und die Kurse noch sind.

Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren mehr Schulden aufgenommen als gut für sie gewesen wäre. Einige Konzerne aus dem Rohstoffsektor haben ihre Aktionäre trotz gefallener Rohstoffpreise dennoch mit üppigen Dividenden erfreut, die nicht allein aus dem Gewinnen erwirtschaftet wurden. Man wollte den doppelten Schock aus fallenden Rohstoffpreisen und sinkenden Aktienkursen mit attraktiven Dividenden abfedern. Das ist verständlich, aber nicht unbedingt der Ausdruck eines nachhaltigen Wirtschaftens.

Beflügelt die Hoffnung weiterhin die Kurse?

Hoffnungen sind eine feine Sache. Sie beflügeln schnell die Gemüter. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich auch sofort in harten Kaufentscheidungen niederschlagen. Wer hofft, dass es mit der Wirtschaft aufwärtsgeht, wird sich deshalb nicht gleich in neue Unkosten stürzen. Dies wird erst geschehen, wenn tatsächlich auf dem eigenen Konto mehr Geld eingeht als in den Monaten davor.

An dieser Stelle zeigt sich die Gefahr, in der die Märkte augenblicklich schweben. Sie wurden in den letzten Monaten von Faktoren getragen, die nicht stabil bzw. nicht bis in alle Ewigkeit fortsetzbar sind. Donald Trumps Steuerreform trieb beispielsweise im letzten Jahr lange die Kurse an der Wall Street. Nun ist sie beschlossen und es bleibt die Frage, welcher Motor die Aktienkurse nun in höhere Sphären treiben soll.

Die von Donald Trump befeuerte Gefahr eines globalen Handelskrieges ist es ganz gewiss nicht. Wird hier nicht bald der Diskussion der Stecker gezogen, könnten schon im Sommer sehr unangenehme Turbulenzen auf die Anleger warten, denn dann ist das für die Aktien traditionell positive Winterhalbjahr vorbei und erste Zahlen über den rückläufigen Warenaustausch könnten eintreffen und die Gemüter belasten.

Schwindet die Hoffnung auf bessere Zeiten und reduzieren die US-Unternehmen ihre kreditfinanzierten Dividenden und Aktienrückkaufprogramme, lassen sich die hohen Bewertungen nicht dauerhaft halten. In diesem Fall droht uns an den Aktienmärkten weltweit mehr als nur eine vorübergehende Korrektur.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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