Die Rückkehr der europäischen Schuldenkrise ist nur noch eine Frage der Zeit

Sie ist im Moment kein Thema an den Finanzmärkten, denn dank der extrem niedrigen Zinsen sind auch Europas Problemstaaten in der Lage, ihre Schulden am Kapitalmarkt zu refinanzieren. Die fehlende mediale Aufmerksamkeit ändert aber nichts an der Brisanz des Problems, denn Schulden, die nicht mehr tragbar sind, sind zu jeder Zeit eine Belastung für Kapitalmärkte, Volkswirtschaften und Gesellschaften.

Die Frage ist also nicht, ob die europäische Schuldenkrise zurückkommen wird, sondern wann. Der Zeitpunkt wird in dem Augenblick nicht mehr fern sein, in dem sich die Europäische Zentralbank zu einer Anhebung ihrer Leitzinsen gezwungen sieht. Weil dies allen mehr oder weniger klar ist, fragen sich die vorausschauenden Anleger inzwischen immer besorgter, wie nah oder wie fern dieser Moment ist.

Er könnte bereits näher sein als den Meisten lieb ist. In den USA ist die Zinswende nicht nur bereits vollzogen, sondern verschärft sich zunehmend. Der zeitliche Abstand zwischen den einzelnen Zinsschritten der US-Notenbank wird kürzer. Damit wächst der Zinsabstand zwischen europäischen und amerikanischen Anleihen und mit ihm der Druck auf die EZB, dem Beispiel der FED zu folgen.

Die Nachrichten und Kommentare aus dem Frankfurter EZB-Tower sind augenblicklich verwirrend, weil widersprüchlich. Mal heißt es, die Zinsen werden noch lange niedrig bleiben und das Anleihenkaufprogramm werde in geplantem Umfang zu Ende geführt werden, was für weiterhin extrem niedrige Zinsen spricht. Daneben gibt es aber auch gewichtige Stimmen, die Europas Regierungen vor dem Ende der Niedrigzinsphase warnen, etwa die von Benoît Cœuré.

Wie viel Zeit gibt die EZB den Schuldnern noch?

Benoît Cœuré ist Mitglied des sechsköpfigen Führungsgremiums der Europäischen Zentralbank und forderte schon im letzten Jahr, dass sich der Finanzsektor, die anderen Wirtschaftsakteure und natürlich auch die europäischen Regierungen, auf ein Ende der niedrigen Zinsen vorbereiten müssen.

Er sprach bereits 2017 offen aus, was eigentlich allen klar sein sollte: Die Zinsen werden nicht ewig auf dem aktuellen Niveau verharren. Gehört hat auf ihn keiner. Die Sieger der italienischen Parlamentswahl sind alle mit dem Versprechen angetreten, die ohne hin hohen Schulden Italiens noch ein wenig erhöhen zu wollen.

Es ist im Grunde egal, ob die Zinsen jetzt schon steigen oder erst in einem oder zwei Jahren angehoben werden. Das Ergebnis ist in allen Fällen das Gleiche. Es tritt nur früher oder später ein. Die Zinslast für die staatlichen und privaten Schuldner wird steigen. Sie wird sogar spürbar steigen, weil das Ausgangsniveau so unnatürlich niedrig ist.

Diesen Anstieg werden viele Schuldner nicht verkraften und zusammenbrechen. Mit hässlichen Bremsspuren in den Wirtschaftsstatistiken der betroffenen Länder ist also zu rechnen. Vergrößert wird das Problem dadurch, dass viele der von der Entwicklung besonders betroffenen Schuldner in einer engen Abhängigkeit zueinander stehen. Zu nennen sind hier insbesondere die Staaten und die Banken.

Die Banken haben sich auch bedingt durch den regulatorischen Druck der Politik in den letzten Jahren mit Staatsanleihen vollgesogen. Sie machen inzwischen den Kern ihrer Bilanzen aus, bringen aber kaum einen nennenswerten Zinsertrag. Bislang gab es sogar Kursgewinne, und zwar immer dann, wenn das Zinsniveau fiel.

Bankbilanzen als finanzielle Zeitbomben

Dieser angenehme Zustand wird sich bei einem Zinsanstieg sofort in sein Gegenteil verwandeln, denn bei steigenden Zinsen verlieren Anleihen, die früher zu niedrigeren Zinsen ausgegeben wurden, an Wert. Ihr Kurs fällt solange, bis der nominale Zins der alten Anleihe geteilt durch den Kurswert an der Börse wieder den aktuellen Zinssatz entspricht.

Steigende Zinsen sind deshalb nicht nur Sprengsätze für die Staatshaushalte, sondern auch für die Bankbilanzen. Je stärker der Anstieg ausfällt, desto mehr Geld müssen die Finanzminister an anderer Stelle einsparen. Aber auch die Banken müssen sehen, dass sie schnell an mehr Eigenkapital kommen, denn je weiter die Anleihekurse fallen, desto leichter stehen sie als unterkapitalisiert und damit überschuldet da.

Überschuldete Banken, die von ohnehin klammen Staaten gerettet werden müssen, sind eine Horrorvorstellung für jeden Anleger, weil sich alle an den Fingern einer Hand abzählen können, dass dieses Drama auf Dauer nicht gutgehen kann. Der Zins hat zwar in den letzten Jahren seine Funktion als Warnhinweis für das mit einer Anleihe verbundene Risiko vordergründig verloren, doch auch wenn sie es verdrängt haben, so wissen die Investoren doch nur zu gut, dass der Zins das Ausfallrisiko einer Anleihe widerspiegeln sollte.

Diese wichtige Funktion wird der Zins in dem Augenblick langsam wieder übernehmen, in dem das Zinsniveau allgemein steigt. Er wird sie endgültig wieder ausfüllen können, wenn er sich aus dem Joch der Notenbanken befreit. Es wird gewiss noch eine ganze Zeit dauern, bis die Marktteilnehmer wieder selbst bestimmen, welche Zinssätze sie verlangen und sich dieses nicht von den Notenbanken vorschreiben lassen. Doch das Pendel könnte langfristig wieder in diese Richtung ausschlagen.

Mitgefangen, mitgehangen

Die gegenseitige Abhängigkeit von Staaten und Banken gilt als ein Mitauslöser der Eurokrise. Da sie in den Jahren seit 2011 nicht verringert, sondern sogar noch weiter verstärkt wurde, müssen wir nicht nur damit rechnen, dass die Eurokrise bei einem Anstieg der Zinsen zurückkommen wird, sondern dass sie stärker zurückkommen wird.

Das sind weder für die Staaten – und hier sprechen wir nicht nur von den bekannten Problemstaaten – noch für die betroffenen Banken angenehme Aussichten. So wundert es nicht, dass die EU-Kommission bereits im vergangenen Jahr händeringend nach Wegen suchte, mit denen sich die Krise meistern lässt. Momentan heißer Favorit sind die sogenannten European Safe Bonds (ESB).

Sie sind eine verkappte Neuauflage der alten Eurobonds-Idee. Man gibt dem Kind nur einen etwas anderen Namen und fügt zur Verschleierung eine europäische Institution ein, die diese angeblich sicheren Bonds ausgibt. Aus deutscher Sicht ist es aber egal, ob man direkt für griechische und italienische Staatsanleihen haftet oder indirekt für die von einer europäischen Institution ausgegebenen Anleihen, die selbst massiv in die Staatsanleihen der Problemstaaten investiert.

Egal, wie man das Kind nennt und welche Konstruktion man wählt, am Ende steht eine gemeinschaftliche Haftung für die Schulden der anderen. Das wird in den Ländern im Norden auf wenig und im Süden auf große Gegenliebe treffen. Entsprechend groß wird der politische Streit sein, der den Mitgliedern der Eurozone schon bald wieder ins Haus steht. Da gleichzeitig auch die Brexit-Verhandlungen mit Großbritannien in ihre heiße Phase gehen, dürfte es Europa leichtfallen, in dieser Zeit kein allzu attraktives Bild abzugeben.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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