Der Goldhandel erstickt in Papier

Wir heutige Menschen scheinen das Papier mehr zu lieben als alles andere. Einst sagte man uns mit der Einführung der Computer das papierlose Büro voraus. Seitdem wird gedruckt, was das Zeug hält. Früher wurde ein Tippfehler durch Überschreiben ausgebessert. Heute wird gleich die ganze Seite neu gedruckt. Es kostet ja nicht viel, nur ein paar Cent und etliche Bäume, die besser im Wald stehen geblieben wären.

An den Finanzmärkten ist das Papier ebenfalls unangefochten zum neuen goldenen Kalb aufgestiegen, um das alle begeistert tanzen. Ohne es geht nichts mehr. So will es uns zumindest scheinen und all jene, die an der Papierflut glänzend verdienen, werden nicht müde, uns diese „Wahrheit“ unermüdlich einzureden.

Es ist nicht nur das viele Geld aus dem Nichts der Notenbanken, das an dieser Stelle zu nennen ist. Die anderen an den Finanzmärkten gehandelten Güter ersticken auch zunehmend im Papier. Bei Aktien ist das noch verständlich, weil schlecht die Steine aus einem Büro- oder Fabrikgebäude gehandelt werden können. Doch wenn es um die Rohstoffe oder die Edelmetalle Gold und Silber geht, ist schon verwunderlich, dass das Papier weitaus beliebter zu sein scheint als das Basisgut selbst.

Papierkontrakte, die einst aus gutem Grund geschaffen wurden, um den Austausch von Naturprodukten und Rohstoffen zwischen den Produzenten und ihren Kunden zu standardisieren und zu erleichtern, haben sich heute zu einem Papiercasino entwickelt, bei dem es kaum noch um das Basisprodukt selbst geht, weil nur noch der schnelle, kurzfristige Handelsgewinn im Vordergrund steht.

Die Verhältnisse passen nicht mehr

Von diesem Handelsgewinn können einzelne Händler gewiss gut leben. Aber eine Existenzmöglichkeit für die Allgemeinheit eröffnet sich hier nicht. Ebenso ist es mit dem Friseurhandwerk und anderen Dienstleistungen. Einige Wenige können von ihrer Arbeit gut leben, aber es ist kein allgemeines Geschäftsmodell, dass wir uns in Zukunft alle gegenseitig die Haare schneiden.

Ähnlich verhält es sich an den Finanzmärkten. Es gibt dort immer einen gewissen Grundbedarf, ja sogar einen Grundbedarf an Gold, obwohl das „barbarische Relikt“ angeblich keiner mehr braucht. Aber dieser Grundbedarf erhöht sich nicht innerhalb eines Jahres um 50 Prozent. Doch genau das ist am Goldmarkt beispielsweise im Jahr 2016 geschehen.

Das Volumen des gehandelten Goldes hatte sich unbemerkt von der breiten Masse um die Hälfte erhöht. Da der Goldpreis verglichen mit dem Jahr 2015 keine extreme Aufwärtsbewegung zu verzeichnen hatte, speiste sich dieses Plus nicht etwa aus stark gestiegenen Preisen, sondern war zum größten Teil echtes, neues Handelsvolumen.

Wenn das Gold immer beliebter wird, sollten sich eigentlich alle freuen. Die, die neu in den Goldmarkt eintreten und natürlich auch jene, die seit Jahren als Goldbugs auf das gelbe Metall setzten. Doch die Freude der Letzteren dürfte sich in engen Grenzen halten, denn für jede echte Unze Gold, die in 2016 umgeschlagen wurde, wechselten 233 Papierunzen den Besitzer. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass sich die Verhältnisse in den Jahren 2017und 2018 nicht wesentlich geändert haben.

Leere Versprechen so weit das Auge reicht

Die entscheidende Frage beim heutigen Papiergoldhandel ist, warum ein Käufer dem Verkäufer, der in den meisten Fällen nicht über echtes physisches Gold verfügt, ein in die Zukunft verlagertes Lieferversprechen abkaufen soll. Die Antwort auf diese wichtige Frage fiel noch ganz anders aus, als die Verkäufer am Terminmarkt überwiegend Goldminen mit einer echten Goldproduktion waren.

Davon kann aber heute keine Rede mehr sein. Es gibt diese Verkäufer noch, doch sie sind längst zu einer aussterbenden Minderheit mutiert. Die meisten Akteure handeln mit viel heißer Luft. Sie nehmen Kredite auf, um am Goldmarkt tätig zu sein und ihre Einsätze sind oft nicht mehr als ein reines Glücksspiel.

Sie denken nicht daran, reales Gold und Silber zu kaufen. Auch der Aufbau eines Bergbauunternehmens steht nicht auf ihrer Agenda. Sie suchen den schnellen Gewinn mit Papier, und wenn dieses auf die Lieferung oder den Kauf von Gold und Silber ausgestellt ist, dann wird auch dieses Papier gerne gekauft. Aber wirklich investieren oder langfristig ihr Vermögen absichern wollen diese Anleger nicht. Sie sehen Gold und Silber als nette Spielzeuge, nicht als sicheren Hafen für den Fall der Fälle.

An allen Goldbörsen dieser Welt werden pro Jahr Goldkontrakte im Wert von ca. 9,8 Billionen US-Dollar gehandelt. Teilt man diesen Wert durch den Goldpreis, kommt allein die Comex als größte Börse auf einen Umschlag von 179.047 Tonnen. Das entspricht bis auf wenige Tonnen fast dem gesamten seit der Antike geförderten Gold. Wobei zu berücksichtigen ist, dass ein Teil dieses Goldes möglicherweise als Ring am Finger Ihrer Hand steckt, in Museen ausgestellt ist oder in staatlichen und privaten Tresoren fest verschlossen ist und damit dem Handel eigentlich nicht zur Verfügung steht.

Relativer Reichtum und relative Armut

Trotzdem wird es munter gekauft und verkauft und die, die es so begeistert handeln, sind sich in den meisten Fällen gar nicht bewusst, dass sie nur heiße Luft zwischen sich hin und herschieben. Natürlich wird auch echtes Gold gehandelt. Allerdings nur im Wert von bescheidenen 42 Milliarden US-Dollar, sodass auf jede umgeschlagene echte Unze Gold 233 aus Papier kommen, die nichts anderes als ein Lieferversprechen darstellen.

Ein Lieferversprechen von dem allein schon wegen der unvorstellbaren Menge an Papiergold klar sein muss, dass es real niemals erfüllt werden kann. Eine „Erfüllung“ kann wenn überhaupt nur in Geld erfolgen – Papiergeld natürlich, denn echtes Geld, also Gold und Silber, gibt es wie gesagt nicht genug.

2015 wurden weltweit übrigens „nur“ 180.000 Tonnen „Gold“ gehandelt. Ein Jahr später waren es schon 243.000 Tonnen. Nicht auszudenken, was passiert, wenn die eifrigen Goldhändler mal ihre Meinung ändern und den echten dauerhaften Besitz des Goldes anstreben sollten. In diesem Moment könnte es für die Verkäufer sehr schnell sehr teuer werden.

Aber das wird nicht passieren, solange alle weiterhin dem Grundsatz huldigen, dass nicht im langfristigen Besitz, sondern allein im schnellen Umschlag das größte Glück der Erde liegt. Also hoffen Sie an dieser Stelle nicht auf explodierende Goldpreise. Sie werden nicht kommen, solange die Welt weiterhin ihrem Handelstraum huldigt. Der Reiz liegt angeblich darin, mit gehebelten Zertifikaten und Futurekontrakten einen schnellen Dollar Gewinn mitzunehmen.

Was dieser Gewinn eines Tages mal wert sein wird, wenn der ganze Papierwahn endet, ist eine spannende Frage. Momentan besitzen die reichen Amerikaner und Europäer im Durchschnitt eine Unze Gold pro Kopf. Das sind je nach Tageskurs gerade mal 1.200 Euro pro Nase. Viel ist das nicht, vor allem nicht im Vergleich zu den armen indischen Bauern, die teilweise einige Kilogramm Gold ihr Eigen nennen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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