Der Euro bleibt eine gefährliche Währung

Die Eurokrise scheint vorbei und vergessen. Europas Gemeinschaftswährung ist derzeit kein Thema, zumindest nicht in den Medien. Die konzentrieren sich auf die einen möglichen Handelskrieg mit den USA, die schwierige Regierungsbildung in Italien oder die Entwicklung in der Türkei.

Ihnen allen wird durchaus zurecht ein gewisses Gefahrenpotential für die Europäische Union attestiert. Doch über die Zeitbombe, die im Innern der Eurozone tickt, spricht so gut wie niemand. Dabei gibt es durchaus Anzeichen, die zur Vorsicht mahnen. Eines dieser Warnsignale ist der Wechselkurs des Euros.

Er ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Nicht nur gegenüber dem US-Dollar, den US-Präsident Donald Trump aus diesem Grund nun bewusst schwächen will, sondern insbesondere gegenüber den europäischen Nachbarwährungen, in erster Linie dem Schweizer Franken, der tschechischen Krone und den Währungen der skandinavischen Länder.

Sie alle haben spürbar aufgewertet, einmal, weil die Wirtschaft dieser Länder sich besser entwickelt hat als die der Eurozone, dann aber auch, weil diese Länder immer mehr Fluchtkapital aus dem Zentrum Europas aufnehmen müssen. In den ersten Monaten des Jahres ist dieser Flüchtlingsstrom wieder deutlich angewachsen.

Die Suche nach Auswegen hat längst begonnen

Es ist an dieser Stelle in erster Linie das institutionelle Kapital, das zählt. Es empfindet die Situation innerhalb der Eurozone zunehmend nicht nur als unangenehm, sondern als gefährlich. Wäre es anders, gäbe es diese Fluchtbewegungen nicht. Sie zwingen die Notenbanken zu immer schärferen Maßnahmen.

Zunächst war es die Schweizer Notenbank, welche die feste Bindung des Franken an den Euro aufgab, als dieser immer schwächer wurde. In letzten Jahr hat auch die tschechische Notenbank die Reißleine gezogen und ihre Stützungskäufe eingestellt. Seitdem sind Urlaube in Prag teurer und Waren aus der Eurozone in Tschechien, in Landeswährung gerechnet, preiswerter zu beziehen.

Innerhalb der Eurozone steigen die Target2-Salden bedrohlich an. Sie signalisieren Stress im System, weil sie Kredite der einen Notenbank an die andere darstellen und nicht klar ist, ob diese Kredite jemals zurückgeführt werden können. Die inzwischen wieder erreichten Werte entsprechen jenen der Eurokrise und sie sind mit Sicherheit ein höchst gefährliches Warnsignal.

Trotzdem lesen Sie in der Finanzpresse mehr Berichte über die wirtschaftlichen Aussichten der Türkei und die Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Nordkorea als über die Gefahr eines Auseinanderbrechens der Eurozone. Diese Beobachtung verstört, denn nicht nur für uns Europäer ist ein Zerfall der Eurozone die mit Abstand größere Gefahr.

Italiens Banken sind ein finanzieller Vesuv

So berechtigt der Blick über den Tellerrand auf die Türkei und Nordkorea auch ist, das anhaltende Schweigen der Medien über die Probleme der Eurozone ist auffällig. Dass sich die allgemeinen Medien einem so trockenen Thema wie dem inneren Zusammenhalt der Eurozone nur sehr ungern widmen, ist verständlich.

Ungewöhnlich ist jedoch das hartnäckige Schweigen der Finanzmedien. Sie sind am Thema wesentlich näher dran und schweigen dennoch. Unwillkürlich stellt sich die Frage nach dem Warum? Ist es ein nur schwer nachvollziehbares Desinteresse oder sollen ganz bewusst keine schlafenden Hunde geweckt werden?

Eine intensive öffentliche Diskussion des Themas können weder die Europäische Zentralbank noch die italienische Regierung derzeit wünschen. Die eine müsste sich unangenehme Fragen zu ihrer Bankenaufsicht gefallen lassen und in Rom müsste man erklären, warum der Steuerzahler immer wieder für die katastrophalen Fehler der hochbezahlten Bankmanager aufkommen soll.

Für eine Zeit lang lässt sich das Thema gewiss aus den Medien halten. Das bringt Zeit und schafft Handlungsspielraum. Wird dieser jedoch nicht genutzt, könnte der anfängliche Vorteil schnell zu einem Bumerang werden. Ein lange verdrängtes Thema schiebt sich in diesem Fall mit Macht in den Vordergrund und entwickelt eine Dynamik, die ebenfalls nicht gewünscht werden kann, weil der Übergang zur Panik schnell erreicht ist.

Vorsorge zahlt sich aus

Auf ein schwieriges Thema kann sich der Kapitalmarkt einstellen, wenn er frühzeitig darauf aufmerksam wird. Tritt das unliebsame Thema jedoch auf wie ein Gewitter aus heiterem Himmel, sind schärfere Reaktionen zu erwarten. Die Menschen fühlen sich überrumpelt und entsprechend hilflos.

Zusätzliche Kurzschlussreaktionen und Paniken, die durch das verdrängte Thema Eurokrise hervorgerufen werden, kann in diesem ohnehin schwierigen Börsenjahr niemand wirklich gebrauchen. Treten sie auf, vielleicht noch in einer Korrekturphase, kann aus einem klassischen Luftholen der Aktienmärkte sehr schnell ein Trendwechsel und aus diesem ein handfester dynamischer Crash werden. Mit dieser Gefahr sollten Sie im weiteren Verlauf des Jahres unbedingt rechnen, um nicht unvorbereitet zu sein und in Ruhe Gegenmaßnahmen einleiten zu können, wenn dieses von vielen noch nicht bemerkte Damoklesschwert auf die Märkte niedergehen sollte.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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