Das Volk wählt die Populisten und die Börse steigt

Dass Populisten einen guten Ruf haben, kann man nicht unbedingt behaupten. Egal, in welches Land man schaut, und egal, ob der jeweilige Populist dem linken oder dem rechten politischen Spektrum entstammt, äußerst kritisch gesehen werden sie alle. Nur die Börse scheint sich an dieser Ablehnung nur wenig zu stören. Sie pflegt zu steigen, zumindest in den ersten drei Jahren.

Die Anstiege sind keineswegs zu verachten, denn sie lagen in der Vergangenheit bei 155 Prozent und mehr in den ersten drei Jahren nach Amtsantritt eines populistisch einzustufenden Politikers. Sind die Ergebnisse der Vergangenheit eine Blaupause für die Zukunft, dann sollte man als Anleger Populisten aus dem linken Lager klar bevorzugen, denn sie lassen die Börsen kräftiger steigen als ihre Kontrahenten aus den rechten Parteien.

Den Anfang machte Luiz Inacio da Silva, genannt Lula. Der linke Gewerkschafter wurde im Jahr 2003 neuer brasilianischer Präsident. Die Analysten an der Wall Street fürchteten den wirtschaftlichen Weltuntergang am Zuckerhut und rieten zum Verkauf brasilianischer Aktien. Wer als Anleger dieser Einschätzung nicht folgte, sondern sogar kaufte, machte einen guten Schnitt. Um stolze 255 Prozent stiegen die brasilianischen Aktien in den nächsten drei Jahren.

Ähnlich erfolgreich waren andere „starke“ Männer und Frauen. Heute tobt in Venezuela ein erbitterter Kampf zwischen dem verarmten Volk und seiner sozialistischen Regierung. Doch in den ersten Jahren nach dem Amtsantritt von Präsident Hugo Chávez sah alles noch ganz anders aus. Das Volk schien zufrieden und auch die Anleger hatten wenig Grund zur Klage, denn die Kurse an der Börse in Caracas stiegen.

Werden Populisten generell unterschätzt?

Diese Beobachtungen aus den letzten zwanzig Jahren führen zwangsläufig zu der Frage, ob die Populisten generell unterschätzt werden oder ob sie einfach nur Glück hatten und ihre Wirtschaftspolitik in eine Zeit fiel, in der man als Regierungschef ohnehin nicht viel falsch machen konnte?

Für Brasiliens Ex-Präsident Lula und den nahezu zeitgleich ins Amt gekommenen türkischen Premier Recep Erdogan mag diese Behauptung zutreffen, denn sie traten ihre Ämter nach 2003 an. Die New-Economy-Blase war bereits zwei Jahre zuvor geplatzt und hatte die Börsenkurse wie auch die Wirtschaft zum Absturz gebracht. Da das Tief bei ihrem Amtsantritt erreicht war, konnte es mit oder ohne ihr Zutun eigentlich nur noch aufwärtsgehen.

Dieses Glück hat nicht jeder Populist und dennoch schaffen sie es immer wieder, auch ihre politischen Gegner mit steigenden Börsenkursen zu überraschen. Vladimir Putin ist ein Beispiel dafür. Er übernahm zwar auch das abgewirtschaftete Russland des Boris Jelzin und hatte damit gute Chancen auf einen Aufschwung auf der Basis einer total trostlosen Ausgangsbasis. Doch in seinen ersten Regierungsjahren platzte die New-Economy-Blase. Aus diesem Grund tendierten die Kurse im ersten Jahr seiner Regierung noch abwärts und der mit dem neuen Präsidenten verbundene Aufschwung setzte erst später ein.

Im Jahr 2016 ist mit Präsident Duterte auf den Philippinen ein weiterer Populist an die Macht gekommen, der sich freuen würde, wenn er das Beispiel eines Luiz Inacio da Silva oder eines Recep Erdogan wiederholen könnte. Die Chancen dazu stehen aber deutlich schlechter, denn zur Amtsübernahme des neuen Präsidenten notierte der philippinische Aktienindex bereits auf einem vergleichsweise hohen Niveau.

Noch wenig Erfahrungen in den entwickelten Ländern

Präsident Duterte wird deshalb Schwierigkeiten haben, die Erfolge anderer Präsidenten und Regierungschefs zu wiederholen. Eine weitere Auffälligkeit der letzten 20 bis 30 Jahre ist, dass es nur in den Schwellen- und Entwicklungsländern Populisten gelungen ist, an die Macht zu kommen. Die entwickelten Industrieländer erwiesen sich bislang als äußerst resistent gegen derartige Anflüge. Erst die Wahl Donald Trumps hat die Lage gründlich verändert.

Mit der Wahl des eifrig twitternden US-Präsidenten startete im November 2016 an der Wall Street zwar ein bemerkenswerter Anstieg der Börsenkurse, doch noch ist nicht klar, wie nachhaltig und belastbar dieser Aufschwung ist, denn aktuell kommen die Kurse wieder deutlich zurück.

Donald Trumps Wahl trug aber in jedem Fall mit dazu bei, populistische Ansichten in den westlichen Industrienationen hoffähiger zu machen. Die Ergebnisse der letzten Wahlen in den Niederlanden, Frankreich, Deutschland und Italien weisen eindeutig in diese Richtung.

Wie Präsident Duterte auf den Philippinen muss auch Donald Trump mit dem Handicap fertig werden, dass die Aktienkurse zum Zeitpunkt seiner Wahl bereits auf einem sehr hohen Niveau notierten und der Aufschwung seit der Finanzkrise schon ziemlich lange andauert.

Als ausgiebig erforscht kann das Phänomen des Populismus ebenfalls nicht gelten. Zu beobachten war es in den vergangenen 30 Jahren nur in den Entwicklungsländern und dort auch nur in einer sehr unregelmäßigen Weise, während es in den Industrieländern faktisch nicht existent war.

Once in a lifetime

Wie Pandemien, große Depressionen und Kriege ist der Populismus damit eine Erscheinung, die den meisten Menschen nur einmal in ihrem Leben begegnet. Die letzte große Auseinandersetzung mit diesem Thema hatte die Menschheit in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts zu bestehen. Damals entwickelte sich der Populismus zu einer mächtigen Bewegung.

Die Folgen waren gravierend. Nicht nur einzelne Länder wurden von diesem Phänomen erfasst, sondern nahezu der gesamte europäische Kontinent radikalisierte sich. Es begann mit einem verstärkten Nationalismus und einer wirtschaftlichen Abschottung gegenüber dem Ausland und endete mit einem allgemeinen, großen Krieg.

Diese Entwicklung muss sich nicht zwangsläufig wiederholen. Doch wir müssen damit rechnen, dass der Populismus in allen Ländern in den kommenden Jahren eine größere Rolle spielen wird. Er könnte sogar bestimmender werden als die Finanzpolitik der Staaten und die Geldpolitik der Notenbanken. Sein Einfluss wird auf die internationalen Beziehungen ebenso ausstrahlen wie auf die wirtschaftliche Entwicklung.

Ob die in politische Ämter gewählten Populisten mit ihren Maßnahmen am Ende Erfolg haben werden, bleibt abzuwarten. Doch wenn die letzten beiden Dekaden ihren Vorbildcharakter nicht verlieren, ist zumindest an den Börsen mit einer populistisch unterlegten Party zu rechnen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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