Lieber etwas mehr Glück als noch mehr ungebremstes Wachstum

Wir brauchen mehr Wachstum, um unsere Probleme in den Griff zu bekommen. Das will man uns zumindest einreden. Wir müssen heute auch flexibler arbeiten, um auch morgen noch den Erfordernissen der modernen Wirtschaft gewachsen zu sein und unsere Stellung auf den Weltmärkten nicht zu gefährden. Wenn wir dann flexibler werden und Glück haben, macht unser Körper diese zusätzliche Anstrengung sogar mit – zumindest eine Zeit lang.

Was danach kommt, ist auch gut für unser Wirtschaftssystem, denn selbst als körperliches und mentales Wrack sind wir anschließend für die Pharma-, Medizin- und Betreuungsindustrie immer noch attraktive Kunden, zumindest solange wir noch in der Lage sind, uns den Luxus ihrer Produkte und Dienstleistungen überhaupt leisten zu können.

Wenn es schlecht läuft, haben wir am Ende beides verloren unser Geld und unsere Gesundheit. Wir können uns dann damit trösten, dass wir zumindest im Sinne des herrschenden kapitalistischen Wirtschaftssystems als Systemagenten hervorragend funktioniert haben.

Man darf an dieser Stelle nur nicht die Frage stellen, ob wir selbst als Mensch noch irgendetwas von diesem sich immer schneller drehenden Hamsterrad haben. Wer auf der Leiter weit oben steht, für den fällt mit Sicherheit von diesem Kuchen etwas ab und je nach Position sind es auch nicht nur ein paar Krümel.

Man nimmt am Ende seines Lebens nichts mit – wenn man Glück hat, lässt man vielleicht etwas zurück

Dabei sind schon die alten ägyptischen Pharaonen an dem Versuch gescheitert, sich die zu Lebzeiten aufgehäuften Schätze für ein späteres Leben zu bewahren. Ihre Pyramiden beeindrucken uns noch heute und das Gold aus den Schatzkammern im Innern ihrer Gräber faszinierte die Grabräuber der Vorzeit ebenso wie die heutigen Museumsbesucher.

Allein der Versuch, Erreichtes in die ungewisse Zukunft nach dem Tod mitzunehmen, scheiterte bislang kläglich. Ob man an ein Dasein in einer staubigen Unterwelt glaubt, mit dem Eintritt ins Paradies rechnet, an gar kein Weiterleben nach dem Tod glaubt oder in einem neuen Lebewesen wiedergeboren werden will, ist dabei vergleichsweise egal.

Die Grenze zwischen unserer heutigen Existenz und dem Zustand danach ist für alle materiellen Güter dieser Welt einfach nicht zu überwinden. Das zeigen uns 5.000 Jahre Kulturgeschichte der Menschheit mit einer Klarheit, die nichts zu wünschen übrig lässt. Dennoch kämpfen wir in unserem Leben und mit unseren Taten immer wieder gegen sie an.

Trotzdem, es bleibt dabei: Wir nehmen nichts mit. Wir lassen höchstens etwas zurück, dass andere als so wertvoll empfinden, dass sie es bewahren möchten. Interessant ist, dass sich die immateriellen Dinge dabei noch am besten erhalten: wichtige Gedanken, wissenschaftliche Forschungen, musikalische und künstlerische Kompositionen etwa.

Welches Glück streben wir wirklich an?

Wir kennen Beethoven und Mozart, wir erinnern uns an Robert Wilhelm Bunsen, der den nach ihm benannten Bunsenbrenner erfunden hat. Aber kennen Sie die Namen der reichsten Menschen ihrer Zeit? Wissen Sie, wer um 1820 das meiste Geld, die größte Firma und die prächtigste Kutsche hatte? Kennen Sie die Stars der damaligen Zeit?

Sie erinnern sich vielleicht noch an Napoleon und die Kriege, mit denen er Europa überzogen hat. Auch diese Form der Erinnerung bleibt. Doch, ob es wirklich das ist, was man am Ende zurücklassen möchte, ist zweifelhaft. Napoleon selbst starb auf einer einsamen Insel weit draußen im Atlantik, umgeben von einem kleinen Hofstaat von Getreuen, den man ihm großzügigerweise noch zugestanden hatte. Immer gut bewacht und ständig belauscht von der britischen Militärpolizei.

Deutschland erinnert sich an die Verfolgung der Juden in der NS-Zeit und es tut dies mit gutem Grund. Der eine oder andere bildet sich auf diese Erinnerungskultur sogar einiges ein. Dass wir aber derzeit dabei sind, die Kiebitze und andere Vögel in unserem Land auszurotten, entgeht der interessierten Öffentlichkeit. Warum? Weil sie mehr daran interessiert ist, das schnelle Geld zu machen als unseren eigenen Lebensraum und den der Tiere und Pflanzen zu erhalten?

In Deutschland hat der Bestand der Kiebitze zwischen 1990 und 2013 um 80 Prozent abgenommen, die Zahl der Braunkehlchen ging um 63 Prozent, die der Uferschnepfen um 61 Prozent und die der Feldlerchen um 35 Prozent zurück. Noch schlimmer erwischte es die Rebhühner. Ihr Bestand hat zwischen 1990 und 2015 sogar um 84 Prozent abgenommen. Ein Drittel aller Vogelarten zeigte seit Ende der 1990er Jahre „signifikante Bestandsabnahmen“, heißt es in einem Bericht der Bundesregierung.

Ende des Raubbaus statt zerstörerischer Raubbau ohne Ende

Die Vögel sterben, weil die Insekten, die sie fressen, immer weniger werden und die Insekten müssen sterben, weil sie den wirtschaftlichen Interessen der Landwirte und der chemischen Industrie entgegenstehen. Andere Beispiele für einen fortgesetzten Raubbau lassen sich leicht finden. Sie gehen quer durch alle Bereiche unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftslebens.

Das System ist immer wieder das Gleiche. Die Gesamtheit muss leiden und Einbußen hinnehmen, damit einige Wenige einen materiellen Vorteil haben. Wir gehen in der Zwischenzeit mit allem und jedem so um, nicht nur mit den Tieren. Auch im Umgang mit einander haben sich grenzenlose Ausbeutung und Betrug inzwischen zu unseren Königsdisziplinen entwickelt.

Wir bilden uns ein, damit auch noch glücklich zu werden. Doch interessanterweise sind die glücklichsten Menschen gerade dort zu finden, wo man sie auf den ersten Blick nicht vermutet. Das arme Bhutan im Himalaja gilt als eines der glücklichsten Länder der Erde und Flüchtlinge aus dem armen Nordkorea, die nach Südkorea kommen, stellen erschrocken fest, dass ihre Landsleute südlich des 38. Breitengrads weltweit die höchste Suizidrate aufweisen, weil sie mit dem allseits aufgebauten Druck nicht mehr klarkommen.

In Nordkorea leben möchten wohl nur die Wenigsten von uns. Doch ein glückliches und ausgeglichenes Leben wie das der Menschen in Bhutan hat auch für uns seinen Reiz. Bhutan ist kein Mitglied der Welthandelsorganisation WTO, weil man erkannt hat, dass die Allgemeinheit nicht genug von diesem Schritt profitieren wird. Aber innerhalb der UNO ist das kleine Land damit beauftragt, nach weltweiten Lösungen für ein gesundes Wirtschaften zu suchen.

Dass die westlichen Länder hier mal keine Vorreiterrollen übernehmen, liegt vielleicht auch daran, dass Gier und Profitsucht eben nicht die Königswege zu einem glücklichen und erfüllten Leben sind.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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