Einige Grundgedanken zur Dividende und zum Umgang mit ihr

Bei der Frage, wie wichtig die Auszahlung einer Dividende ist bzw. wie hoch diese ausfallen sollte, vertreten die Anleger heute zwei höchst unterschiedliche Positionen. Einem Teil der Anleger ist die Dividende vollkommen egal. Sie kaufen die Aktie im Grunde nur aus einem einzigen Grund: Sie versprechen sich von ihrem Investment einen Kursgewinn. Das Kaufinteresse ist also rein spekulativer Natur.

Dieser Kursgewinn sollte nach Möglichkeit auch schnell vereinnahmt werden können, denn diese Anleger möchten ihr Geld dem allgemeinen Marktrisiko nur so kurz wie nötig aussetzen. Mit dem Unternehmen „verheiraten“ wollen sich diese Anleger nicht. Sie sind bildlich gesprochen eher auf der Durchreise.

Ihnen gegenüber stehen all jene Anleger, für die die Dividende und selbstverständlich auch ihre Höhe ein wichtiges Anlage- und Auswahlkriterium ist. Bis zum Beginn der 1980er Jahre war diese Gruppe in der Mehrheit. Der seit den frühen 1980er Jahren laufende Bullenmarkt hat aber zunehmend dazu geführt, dass die Fraktion der Anleger, die primär auf Kursgewinne spekuliert, deutlich größer geworden ist und aktuell das Feld dominiert.

Diese Dominanz führt dazu, dass Unternehmen dazu verleitet werden, lieber ihre eigenen Aktien an der Börse zurückzukaufen als höhere Dividenden auszuschütten. Mit dem Rückkauf eigener Aktien erhöht das Unternehmen seinen Börsenwert. Die Befürworter dieser Vorgehensweise betonen, dass die Kursgewinne allen Anlegern zugutekommen, was allerdings nicht zutrifft.

Dividende oder Aktienrückkauf?

Im günstigsten Fall erhöht der Aktienrückkauf tatsächlich den Börsenwert der Firma und kommt als Buchgewinn prinzipiell allen Aktionären zugute. Es gibt aber auch die ungünstigen Fälle, in denen der Rückkauf in einer schwachen Marktphase erfolgt. In diesen Fällen hält die Aktie vielleicht nur ihr Kursniveau oder gibt weniger stark nach als sie es ohne die Aktienrückkäufe getan hätte. Aber Kursgewinne sind in weiter Ferne.

Viel entscheidender ist jedoch ein anderer Aspekt: Was nützen die schönsten Buchgewinne dem Investor, der gar nicht verkaufen will? Sie geben psychologisch ein gutes Gefühl und bestärken den Anleger darin, die richtige Aktie gekauft zu haben. Doch einen geldwerten Vorteil vom Aktienrückkauf haben nur jene Anteilseigner, die sich während das Rückkaufprogramm läuft, von ihren Aktien trennen.

Mit anderen Worten: Ausgerechnet jenen Aktionären, die sich aus dem Unternehmen verabschieden und ihm den Rücken zuwenden, wird der Abschied mit Geld aus der Unternehmenskasse versüßt, während die Aktionäre, die bleiben, leer ausgehen, weil das Geld, das für Aktienrückkäufe aufgewandt wird, für Dividendenzahlungen nicht mehr zur Verfügung steht.

Ist ein solches, die Verkäufer einseitig begünstigendes Vorgehen gerecht und kann es überhaupt im Sinn des Unternehmens sein, seine treuen Anteilseigner schlechter zu stellen als jene hektischen Trader, die dem Unternehmen, wenn überhaupt, nur für einige wenige Wochen oder Monate die Treue halten?

Außerhalb der Börse steht die regelmäßige Einnahme klar im Vordergrund

Wie ungewöhnlich und unnatürlich diese Entwicklung ist, zeigt ein Blick über den Tellerrand auf die nicht börsennotierten Immobilien- und GmbH-Käufe der Anleger. Immobilien werden bei Weitem nicht so häufig umgeschlagen wie Aktien. Nicht nur die Haltedauer ist deutlich länger als bei Aktien. Auch die Erwartungshaltung der Käufer ist eine vollkommen andere.

Im Immobiliensektor legen die Käufer ein sehr großes Gewicht auf die Höhe der zu erwartenden Mieteinnahmen. Sie stellen zusammen mit der Lage der Immobilie und dem verlangten Kaufpreis das entscheidende Kaufkriterium für den Käufer dar. Stimmt die Mietrendite nicht, wird selbst bei guter Lage und hervorragender Bausubstanz in der Regel auf den Kauf verzichtet, weil die Immobilie gemessen an den Einnahmen, die sie auf Dauer bringen wird, zu teuer ist.

Ausnahmen von dieser Regel gibt es natürlich auch. Sie treten insbesondere dann auf, wenn in Phasen besonders heißgelaufener Immobilienmärkte, die Anleger primär auf schnelle Preissteigerungen spekulieren und die Mieteinnahmen demgegenüber stark vernachlässigen. Man ist dann sogar bereit, leerstehende Wohnungen zu kaufen, weil man hofft, diese schon nach kurzer Zeit zu einem höheren Preis an einen anderen Käufer weiterverkaufen zu können.

Solche spekulativen Exzesse treten meist am Ende einer spekulativen Überhitzung auf, wie beispielsweise in den USA, China oder in Spanien in den Jahren vor 2008, als weit über den realen Bedarf hinaus gebaut wurde. Die Regel sind sie allerdings nicht, denn die Mehrheit aller Immobilien wird entweder erworben, um selber darin zu wohnen oder regelmäßige Mieteinnahmen zu kassieren.

Auch bei der GmbH steht der ausgeschüttete Gewinn im Mittelpunkt

Nicht viel anders verhält es sich beim Kauf eines nicht börsennotierten Unternehmens. Der Käufer einer GmbH erhofft sich nicht einen hohen Gewinn bei einem späteren Weiterverkauf, sondern er erwartet über den gesamten Zeitraum seiner Beteiligung an dem Unternehmen seinen Anteil am Gewinn der Firma ausgeschüttet zu bekommen.

Gewünscht werden auch hier möglichst gleichbleibende Einkünfte, weil damit die eigene finanzielle Situation in der Zukunft besser planbar wird. Stark schwankende Gewinne lassen sich zwar nicht immer vermeiden, wirklich gewünscht sind sie allerdings nur in den seltensten Fällen.

Da diese Form der unternehmerischen Beteiligung in der Regel auf Dauer angelegt ist und der Zeitpunkt eines späteren Verkaufs weit in der Zukunft liegt, spielt auch die Aussicht auf einen höheren Erlös beim Verkauf nur eine untergeordnete Rolle. Ein Verkäufer nimmt diesen Effekt selbstverständlich gerne mit, aber die Aussicht auf einen Kursgewinn ist anders als bei der Aktie für den Kauf nicht entscheidend.

Dividenden sind damit deutlich mehr als nur ein billiges Almosen für die Aktionäre. Sie sind für die Anleger auf Dauer der effektivste Weg, um die Fähigkeit des Managements zu überprüfen, denn bei der Bilanzierung gibt es einen Gestaltungsspielraum, der bei der Dividende nicht mehr zum Tragen kommt. Sie muss mit realem Geld gezahlt werden und sollte deshalb auch allein aus dem Gewinn und nicht aus neuen Schulden stammen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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