Wie viel Passivität verträgt die eigene Anlagestrategie?

Nicht nur in den USA auch hierzulande werden passiv gemanagte Fonds, wie ETFs immer beliebter. Sie entwickeln sich parallel zum gewählten Index oder Rohstoff und sie sind preiswerter. Der Anleger spart Gebühren und die Fondsgesellschaft die hohen Vergütungen für das Management der Fonds.

Da in der Vergangenheit ohnehin nur wenige Fondsmanager in der Lage waren ihren Vergleichsindex dauerhaft zu schlagen, kamen für die Anleger gleich zwei wichtige Kaufargumente zusammen. Die Gebühren waren niedriger und die Performance in der Regel besser als bei den gemanagten Fonds.

Ein drittes Argument kam insbesondere in den Jahren nach der Finanzkrise hinzu. Da die Fonds primär dem allgemeinen Markttrend folgen und das Geld der Kunden dort investieren, wo die Mehrheit der Anleger investiert, fallen die Korrekturen zunehmend kleiner aus. Aufkommender Verkaufsdruck wird oftmals schon im Keim erstickt, wenn an der Seitenlinie noch zu viel freie Liquidität bereitsteht, die in den Markt drängt.

Die passiv gemanagten Fonds sind in der Zwischenzeit so beliebt geworden, dass sich viele Privatanleger nicht mehr darüber austauschen welche Aktie, welche Währung oder welcher Rohstoff gerade die gewinnbringendste Anlage ist, sondern von den niedrigen Kosten der von ihnen erworbenen Fonds schwärmen.

Wenn alle in die gleiche Richtung laufen

Nicht nur die Privatanleger haben ihr Anlageverhalten in den letzten Jahren gewandelt. Auch bei Banken, Versicherungen und Kapitalanlagegesellschaften wird immer mehr nach technischen und immer weniger nach fundamentalen Gesichtspunkten investiert. So stört es dann nach einiger Zeit keinen mehr, dass Tesla zwar deutlich weniger Autos produziert als General Motors und zudem bei jedem Fahrzeug einen Verlust einfährt, aber an der Börse auf eine höhere Marktkapitalisierung kommt.

Das investierte Geld bestimmt die Richtung, auch wenn die Bewertungen vollkommen überzogen und damit mehr als fragwürdig sind. An dieser Stelle sollte bei uns allen eine Warnglocke ertönen, denn aus der Vergangenheit wissen wir nur zu gut um die Gefahren, die heraufbeschworen werden, wenn an der Börse alle Anleger stur in die gleiche Richtung laufen.

Es bilden sich leicht Manien heraus, die Preisblasen erzeugen, welche irgendwann in handfesten Crashs zu enden pflegen. Während die Blase aufgepumpt wird, heißt es zwar mit schöner Regelmäßigkeit heute sei alles anders. Aber am Ende ist dennoch verhältnismäßig wenig anders als bei früheren Exzessen.

Die aktuellen Trends könnten eine ähnliche Richtung nehmen, denn wenn alle nur noch kaufen, wenn auch die anderen kaufen, und wenn sie nur deshalb kaufen, weil auch die anderen noch kaufen, dann droht in dem Moment große Gefahr, in dem die Kaufneigung der Allgemeinheit plötzlich nicht mehr gegeben ist.

Liquidität als Nachteil

Der Vorteil der passiv gemanagten Fonds liegt darin, dass man ohne hohe Kosten zu produzieren bei steigenden Kursen schnell noch einsteigen kann. Ebenso kann sich der Anleger bei fallenden Kursen leicht von seinem Investment trennen, ohne über die durch diesen Schritt verursachten Kosten lange nachdenken zu müssen.

Schnelle Richtungswechsel zu niedrigen Kosten vollziehen zu können, ist für den einzelnen Anleger ein großer Vorteil. Für die Masse der Anleger verwandelt sich dieser Vorteil aber schnell in einen Nachteil, und zwar dann, wenn zu viele Anleger schnell noch verkaufen wollen und die Investmentphilosophie des Fonds darin besteht, den Käufen und Verkäufen der Masse blind zu folgen.

Wir müssen deshalb damit rechnen, dass im nächsten größeren Abschwung jene Kräfte, die bislang die Anstiege so kräftig unterstützt haben, ebenfalls wirken werden. Nur werden sie dann die Abwärtsrichtung befeuern. Eine kleinere Korrektur kann sich so schnell zu einer größeren auswachsen und eine übergeordnete Korrektur leicht zu einem handfesten Crash mutieren.

Einmal in Gang gekommen kann die Entwicklung nur noch schwer zu stoppen sein und zu katastrophalen Vermögensverlusten führen, weil sich eine sich selbst verstärkende Dynamik herausbildet. Am Anfang fallen die Kurse nur zurück, weil niemand mehr kauft. Wenn die ersten Anleger dann nervös werden und ihre Gewinne sichern wollen, entsteht ein sich langsam verstärkender Abwärtsdruck.

Wehe, wenn die Babyboomer verkaufen

Er wird umso stärker, je mehr passiv und aktiv gemanagte Fonds Geldabflüsse zu verzeichnen haben. Auf dem Höhepunkt der Bewegung könnte den Markt leicht eine regelrechte Panik erfassen. Diese Gefahr wird aktuell nur von wenigen Anlegern gesehen. Real im Hintergrund existiert sie nichtsdestotrotz.

Wenn man nun noch bedenkt, dass gerade in den USA die in den kommenden Jahren verstärkt in Rente gehenden geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahr ihre Kapitalanlagen zurückfahren werden, um mit den Erlösen ihren Lebensabend zu bestreiten, wird deutlich, welche eine negative Dynamik ohnehin auf die Börsen zukommen wird.

Die westlichen Gesellschaften zeichnen sich durch ein Bevölkerungswachstum von weniger als einem Prozent aus. Das Produktivitätswachstum ihrer Volkswirtschaften liegt bei rund zwei Prozent. Aber an der Börse erhofft man sich langfristige Renditen von vier Prozent und mehr und verspricht den Anlegern „sichere“ Anlagestrategien.

Dem Markt könnte an dieser Stelle schon bald ein böses Erwachen aus süßen Träumen bevorstehen. Der Prozess der Ernüchterung wird schmerzhaft sein. Über seinen Auslöser darf noch gerätselt werden. Vielleicht ist es das viele Geld aus dem Nichts der Notenbanken, das eines Tages nicht mehr zur Verfügung stehen könnte. Vielleicht ist es aber auch „nur“ der Herdentrieb der Anleger, der sie alle plötzlich in eine andere Richtung rennen lässt.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden und Bekannten, damit auch Ihre Freunde die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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