Die Masse hat immer recht. Von wegen: Die Masse liegt mit ihrer Meinung gerne falsch

Sie können nicht jeden Anleger einzeln fragen, was er über eine Aktie denkt. Sie haben in der Regel gar nicht die Zeit all die vielen Gespräche zu führen und zu den meisten Anlegern auch gar nicht den Zugang, weil Sie diese gar nicht kennen. Und doch gibt es eine Möglichkeit relativ leicht und vor allem ausgesprochen zeitnah in Erfahrung zu bringen, was der Markt über dieses oder jenes Unternehmen denkt: Sie schauen auf seinen aktuellen Kurs.

Der Kurs ist die Summe aller Meinungen. Er ist immer aktuell und er passt sich Veränderungen in kürzester Zeit an. Diese Beobachtung führt dazu, dass der Kurs in seiner Bedeutung sehr leicht überschätzt wird. Wenn das geschieht, wird aus einer flüchtigen Momentaufnahme im Handumdrehen eine in Stein gemeißelte fundamentale Wahrheit, die leider keine ist.

Einige Theoretiker gehen sogar so weit, dass sie davon ausgehen, dass alle wichtigen Informationen nicht nur im Kurs enthalten sind, sondern diese auch allen Anlegern zugänglich seien. Das Internet hat an dieser Stelle verheerend gewirkt, weil es uns leicht suggeriert, dass alle zu jeder Zeit alles wissen.

Wenn jeder die Informationen hat, die man zur richtigen Bewertung einer Aktie benötigt, dann kann der aktuelle Kurs gar nichts anderes als der „richtige Kurs“ sein. Ob dem wirklich so ist, möchte ich einmal bezweifeln.

Nicht jeder, der theoretisch Zugang zu einer Information haben könnte, hat diese am Ende auch. Manchmal fehlen uns diese Informationen, weil wir gar nicht die Zeit fanden, sie zu lesen, manchmal waren wir auch einfach nur abgelenkt. Wir müssen also immer davon ausgehen, dass es andere Investoren gibt, die mehr wissen.

Mit anderen Worten: Es wird immer ein Informationsgefälle zwischen den einzelnen Anlegern geben, weil nicht immer alle Anleger die Informationen zur gleichen Zeit erhalten und diese sofort verarbeiten können und weil sich auch nicht jeder Anleger die Mühe macht, immer alle Informationen eingehend zu studieren.

Eine Nachricht, zwei Meinungen

Hinzu kommt, dass die gleiche Nachricht durch zwei Anleger immer noch vollkommen unterschiedlich bewertet werden kann. Die einzelnen Bewertungen fallen dabei umso unterschiedlicher aus, je weiter entfernt die Erwartungshaltungen von einander waren und je größer der Interpretationsspielraum ist, der sich aus der Information ergibt.

Ein Beispiel: Ein Unternehmen meldet schlechte Zahlen. Anleger A ist schwer enttäuscht, denn er ahnte zwar, dass die Zahlen nicht gut ausfallen würden, hatte aber dennoch auf bessere Zahlen gehofft. Er ist enttäuscht und verkauft die Aktie. Anleger B hatte im Vorfeld mit dem Schlimmsten gerechnet. Nun stellt er fest, dass sich die Lage gar nicht so schwarz darstellt, wie er es zunächst erwartet hatte. Für ihn sind die schlechten Zahlen nun sogar ein Grund, die Aktie zu kaufen, denn er sieht die Chance auf eine Wende zum Besseren.

Welcher dieser Anleger hat recht? Der Kurs ist an dieser Stelle keine Hilfe, denn er bildet nur das Niveau ab, auf dem beide ihre Entscheidungen realisieren und kaufen bzw. verkaufen. Auch der morgige Kurs wird uns nur begrenzt weiterhelfen, denn gerade größere Richtungs- und Trendwechsel vollziehen sich nicht innerhalb von Minuten oder über Nacht, sondern bedürfen einer gewissen Zeit.

Die Masse und die selbsterfüllenden Prophezeiungen

Wenn alle glauben, dass eine Aktie oder ein ganzer Markt nur noch steigen könne, etwa weil die gemeldeten Zahlen so gut sind oder die Zentralbanken viel Geld in die Märkte pumpen, dann kann es im ersten Moment leicht so aussehen, als habe die Masse unweigerlich recht, weil zunächst geschieht, was alle erwarten.

Wenn jeder meint, die Aktie kaufen zu müssen, dann kaufen auch viel Anleger diese Aktie. Ihre Käufe treiben den Kurs und bewirken zum Teil auch eine sich selbst verstärkende Entwicklung. Am Anfang kaufen nur wenige Investoren die Aktie, nach einiger Zeit werden immer mehr Anleger auf die Aktie und ihre Kursgewinne aufmerksam.

Am Ende sind alle Anleger unheimlich bullisch gestimmt und die ersten sprechen davon, dass dieses Mal alles anders sei und nur noch der Himmel die Grenze für den Kurs dieser Aktie sein könne. Spätestens dann ist der Moment nicht mehr weit, an dem die Masse plötzlich feststellen muss, dass ihr ein Denkfehler unterlaufen ist.

Weil niemand mehr über freie Liquidität verfügt und kaufen kann, wenn alle in der Vergangenheit bereits kräftig eingekauft haben, fehlen plötzlich die Anschlusskäufe und der Kurs, der zuvor tage- oder wochenlang gestiegen ist, fällt mit einem Mal kraftlos in sich zusammen.

Seien Sie deshalb vorsichtig, wenn Sie feststellen, dass die Anleger nur noch eine einzige Meinung zu haben scheinen. Egal, ob die Käufer oder die Verkäufer gerade akut vom Aussterben bedroht zu sein scheinen, es spricht viel dafür, dass die nächste größere Bewegung in ihre Richtung laufen wird, wenn zu viele Anleger feststellen, dass sie auf der falschen Seite gestanden haben.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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