Die Nachrichten machen die Kurse? – Ein fataler Denkfehler!

Als im Herbst 2015 die Dieselaffäre des Volkswagenkonzerns bekannt wurde, fiel nicht nur der Kurs der VW-Aktie und als US-Präsident Donald Trump im April 2018 neue Sanktionen gegen russische Unternehmen und Oligarchen ankündigte, fielen an der Börse in Moskau nicht nur die Kurse der betroffenen Firmen.

Auf den ersten Blick mag es deshalb so scheinen, als würden die Kurse sehr stark von den Nachrichten beeinflusst. Erst kommt die positive oder negative Nachricht und anschließend fallen oder steigen die Kurse der betroffenen Aktien. Verstärkt wird dieser Eindruck durch unsere heutige mediale Börsenberichterstattung.

Sie gibt uns das Gefühl, immer ganz nah am Geschehen zu sein und sie sucht immer nach Begründungen. Das tut sie mit Vorliebe auch dann, wenn es eigentlich gar keine Gründe gibt, zumindest keine besonderen. Für viele Redakteure ist es ein Unding zu schreiben, die Aktie hat ihren Widerstand bei 83,21 Euro erreicht und fällt deshalb zurück.

Das ist zwar sehr oft die Wahrheit, weil viele Trader diesen Widerstand sehen und ihre Gewinne mitnehmen, bevor die Aktie wieder deutlich zurückfällt. Aber dem Publikum diese einfachen Wahrheiten unkommentiert vorsetzen, wollen nur die Wenigsten. Die Folge ist, dass über eine ganze Reihe von Gründen geschrieben wird, die einfach nur deshalb aufkommen, weil die Aktie gerade fällt.

Die Kurse machen die Nachrichten

Es wird dann beispielsweise darüber berichtet, dass die Investoren Angst hätten, der nächste Quartalsabschluss könnte deutlich schlechter ausfallen als der letzte. Diese Angst mag es unter den Anlegern durchaus geben. Gelogen haben die Journalisten an dieser Stelle somit nicht.

Die volle Wahrheit wird uns allerdings auch nicht vorgelegt, denn niemand erwähnt, dass die Nachricht über die Sorgen der Anleger nicht gekommen wäre, wenn der Kurs der Aktie an diesem Tag um 1,3 Prozent gestiegen wäre. Es ist an dieser Stelle das durchaus verständliche Bemühen der Medien, die Beobachtung, in diesem Fall die fallenden Kurse, mit der Begründung der Sorgen um den nächsten Quartalsabschluss in Deckung zu bringen.

So sind es in diesen Fällen nicht die Nachrichten, welche die Kurse machen, sondern es ist genau umgekehrt. Die Kurse bestimmen die Nachrichten, weil diese von den Journalisten so zusammengestellt werden, dass ein in sich stimmiges Gesamtbild des Marktes entsteht.

Wundern Sie sich deshalb nicht darüber, dass sie kaum kritische Berichte finden, wenn die Kurse an der Börse kräftig steigen. Einzelne Ausnahmen bestätigen an dieser Stelle die Regel, denn der Grundtenor in den Medien wird sich sehr schnell der allgemein vorherrschenden Börsentendenz annähern. Ist diese positiv, lesen Sie überwiegend auch positive Nachrichten. Fallen die Kurse hingegen, verändert sich auch die Nachrichtenlage sehr schnell in ein dunkles, dumpfes Moll.

Die großen Adressen bestimmen nach wie vor das Kursgeschehen

Auch wenn es heute nicht mehr so deutlich gesagt wird, weil vor allem gegenüber dem Kleinanleger der Eindruck vermieden werden soll, als seien seine Entscheidungen für das Geschehen an der Börse nicht wichtig. Doch im Grunde hat sich zu früheren Zeiten nicht viel geändert.

Die Kurse werden immer noch maßgeblich von den großen Adressen bestimmt, und wenn beispielsweise eine amerikanische Pensionskasse oder eine japanische Bank meint, eine Aktie verkaufen zu müssen, dann fällt deren Kurs, weil plötzlich ein deutlich vergrößertes Angebot auf eine gleichbleibende oder sogar geringer werdende Nachfrage trifft.

Dass diese großen Adressen nicht wünschen, dass die Allgemeinheit ihre Motive kennt, liegt auf der Hand. Zumindest soll die Allgemeinheit so lange hinsichtlich der Motive blind sein, bis die Aktion abgeschlossen ist. Danach dürfen dann auch die Kleinanleger an diesen Informationen teilhaben. Auch dies ist ein Grund dafür, warum Sie als Anleger über das Marktgeschehen nicht so neutral und umfassend informiert werden, wie es wünschenswert wäre.

Ein Anleger, der allein den Nachrichten folgt, läuft deshalb schnell Gefahr, auf den Holzweg zu geraten und die falschen Schlüsse aus Nachrichten und Kursen zu ziehen. Das allerdings kostet sehr schnell Geld. Lesen Sie die Berichte über die Börse oder über einzelne Aktien deshalb immer auch ein bisschen kritisch gegen den Strich.

Kein Redakteur will sich von seinem Chefredakteur fragen lassen, warum er immer noch so kritisch schreibt, während die Kurse doch gerade durch die Decke gehen oder warum er immer noch Jubelmeldungen absetzt, während doch alle Welt längst weiß, dass der Crash nicht nur unmittelbar bevorsteht, sondern längst traurige Wirklichkeit geworden ist.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden und Bekannten, damit auch Ihre Freunde die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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