Das gefährliche Gefühl die Lage im Griff zu haben

Als Anleger brauchen Sie für jede Ihrer Investmententscheidungen eine gewisse Überzeugung und Selbstgewissheit. Ohne diese geht es nicht, denn sonst würden Sie immer nur zögern und nie einen Kaufauftrag erteilen. Diese Überzeugung zu haben, ist gut. Sie sollte auch stark sein, denn ansonsten mutieren wir nach dem Kauf leicht zu jenem sprichwörtlichen Blatt im Wind, das keiner von uns sein will.

Zu viel des Guten ist aber auch schädlich, denn dann wird aus der vermeintlichen Stärke schnell eine Schwäche, die uns leicht viel Geld kosten kann. Die Börse ist an dieser Stelle oftmals ein wenig hinterhältig, denn sie wiegt uns im Vorfeld gerne in einer Sicherheit, die leider nur eine falsche Sicherheit ist.

Wir haben eine Aktie gekauft, aber über eine lange Zeit hinweg scheint anschließend nichts zu passieren. Der Handel ist ausgesprochen ruhig und die Kurse stehen entweder fast still oder sie bewegen sich so gleichmäßig nach oben, dass wir glauben, diese Entwicklung würde ewig anhalten. Doch als erfahrener Anleger wissen Sie: Wenn an der Börse eines beständig ist, dann ist es die Unbeständigkeit.

Über Nacht ändern die Anleger ihre Meinung und eine einzige Meldung kann aus einem lange Zeit extrem gehypten Börsenstar ein hässliches Entlein werden lassen, das kein Investor mehr in seinem Depot wissen mag. Wer zuvor gedacht hatte, alles laufe nach Plan und er habe den Markt im Griff, wacht plötzlich höchst unsanft auf und muss feststellen, dass er gar nichts im Griff hat.

Eine trügerische Sicherheit

Das Gespür für die Nähe der Gefahr geht leicht verloren. Das ist eine Erfahrung, die wir nicht nur an der Börse immer wieder machen. Wenn lange Zeit nichts passiert ist, glauben viele Menschen, dass diese Ruhe und die Sicherheit, die sie mit sich bringt, der neue Dauerzustand sei. Das kann schnell dazu führen, dass die eigene Vorsicht und Aufmerksamkeit nachlässt.

Oft passiert dann genau das, wovor wir uns eigentlich sicher fühlen. Wir hatten dann plötzlich den Besuch eines Einbrechers in der Wohnung, weil beim Verlassen des Hauses noch ein Fenster aufstand oder im Straßenverkehr werden wir in einen Unfall verwickelt, den wir vermieden hätten, wenn wir etwas achtsamer und vorsichtiger gefahren wären.

An der Börse ist es nicht anders. Auch hier sind ruhige Phasen mit stetigen Gewinnen und geringen Schwankungen ein gefährliches Narkosemittel. Schon ein flüchtiger Blick auf die Börsenentwicklung in den Jahren 2017 und 2018 zeigt warum. 2017 war ein außergewöhnliches Jahr. Es brachte den Anlegern stetige Gewinne bei ausgesprochen geringen Schwankungen.

Die Konsequenz war eine Sorglosigkeit, die von der Börse in den ersten Monaten des Jahres 2018 sofort bestraft wurde. Ohne Vorwarnung brachen die Kurse im Februar und März plötzlich ein und viele Investoren, die derartige Schwankungen einfach nicht mehr gewohnt waren, wurden panisch. Sie glaubten, ein großer Crash stünde bevor und verkauften.

Spielen Sie immer wieder verschiedene Szenarien und Möglichkeiten durch

Anschließend vergaßen viele dieser Anleger jedoch den Wiedereinstieg. Sie waren nicht vorbereitet auf das, was plötzlich geschah und hatten sich im Vorfeld keine Strategie zurechtgelegt, auf die sie in der Krise hätten zurückgreifen können. So folgten sie alleine ihren ersten Emotionen und diese waren nicht unbedingt die besten Ratgeber.

Folgen die Anleger in einer unerwarteten Krisensituation allein ihren Emotionen vergessen sie leicht wichtige Vorsichtsmaßnahmen wie Stoppkurse oder eine breite Risikostreuung. Sie werden zu nervös, wenn eine Aktie zu stark fällt, oder zu gierig, wenn ein Wert plötzlich zu einer Rallye ansetzt und der Kurs in den Himmel zu schießen scheint.

Weil an der Börse zu jeder Zeit nahezu alles passieren kann, müssen muss sich jeder Anleger, egal ob kurzfristig agierender Trader oder langfristiger Investor, bemühen, so rational und besonnen vorzugehen wie nur möglich. Das wird uns nicht immer gelingen. Doch je konsequenter wir dabei sind, umso besser wird auf lange Sicht unsere Performance sein. Eines sollten wir jedoch nie tun: Uns einzubilden, wir wüssten, wo die Reise hingeht und hätten die Börse im Griff.

Bleiben Sie deshalb immer wachsam. Rechnen Sie zu jeder Zeit auch mit auch mit dem Unvorhergesehenen und verstärken Sie ihre Wachsamkeit gerade dann, wenn all Ihre Pläne und Strategien mühelos aufzugehen scheinen, denn der Moment, in dem die Börse Sie testen will, könnte nicht mehr allzu weit entfernt sein.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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