Gönnen Sie sich an den Börsen auch Auszeiten

Eines der gefährlichsten Gefühle, das einen Trader oder Investor beschleichen kann, ist die Sorge, etwas zu verpassen, weil man nicht investiert ist. Man sollte meinen, dass diese Gefahr gar keine Gefahr ist, denn was soll schon passieren, wenn wir ohne eine offene Position zu haben untätig an der Seitenlinie stehen?

Dennoch ist die Gefahr sehr real, denn es gibt viele Anleger, die genau mit dieser Situation der Positionslosigkeit nicht angemessen umgehen können. Anstatt sich zu entspannen und die Börse, Börse sein zu lassen, verkrampfen diese Anleger immer mehr, je länger sie ohne eine aktive Position im Markt sind.

Gerade die kurzfristig agierenden Trader beschleicht sehr schnell das Gefühl untätig zu sein, während man auf die nächste Einstiegsgelegenheit wartet. Warten ist an dieser Stelle das entscheidende Stichwort. Man muss sowohl als Trader wie auch als langfristig agierender Investor warten können.

In dieser Zeit des Wartens steht die Börse aber niemals still und so kann leicht das Gefühl aufkommen, dass der Zug längst abgefahren ist und unsere ursprüngliche Strategie nicht mehr aufgehen wird. Ist es in diesen Situationen wirklich noch sinnvoll und angemessen, an den ursprünglichen Limits und Einstiegsszenarien festzuhalten?

Wenn die Finger plötzlich zu jucken beginnen

Macht es nicht viel mehr Sinn, jetzt noch schnell einzusteigen und wenigstens einen Teil der laufenden Bewegung noch mitzunehmen? Wenn solche Gedanken nicht nur aufkommen, sondern uns regelrecht bestürmen, ist es gar nicht so einfach, ruhig und gelassen zu bleiben.

Dennoch sollten wir genau das tun, denn das Jucken in den Fingern zu ignorieren, ist eine Kunst, die jeder Anleger beherrschen sollte. Egal ob Trader oder Investor, wir Anleger sind eigentlich fast immer Wartende. Nur ganz selten sind wir aktiv. Das sind im Grunde nur die Momente, in denen wir aktiv kaufen oder verkaufen.

In allen anderen Phasen warten wir. Wir warten auf ein Einstiegssignal oder hoffen darauf, dass unser Kauflimit greift und die Order zur Ausführung kommt. Nach dem Kauf warten wir wieder. Dieses Mal warten wir zunächst darauf, dass unser erwartetes Szenario eintritt und die Position in den Gewinn läuft.

Tut sie es nicht, warten wir sofort auf eine Wende. Tritt sie ein und die Position läuft in den Gewinn, warten wir darauf, dass dieser sich vergrößert und unser Verkaufsziel erreicht wird. Auch das geht uns meist nicht schnell genug mit der Konsequenz, dass schon so manches Verkaufslimit herabgesetzt wurde, nur um schneller die Gewinne zu sichern und die Position zu schließen.

Die Kunst des Wartens will gelernt sein

Schließlich warten wir auf die Ausführung unserer Verkaufsorder, und wenn diese abgewickelt ist, warten wir selbstverständlich darauf, dass der Kurs sofort dreht und wieder in die Gegenrichtung läuft, denn nichts ist in diesen Momenten unangenehmer als festzustellen, dass der eigene Verkauf zu früh erfolgte und man einen noch größeren Gewinn hätte erzielen können, wenn man etwas länger gewartet hätte.

Sehr oft warten wir auch auf bestimmte Nachrichten beispielsweise die Quartalszahlen eines Unternehmens, die neueste Arbeitslosenstatistik, die Öllagerbestände oder die Zinsentscheidung einer Notenbank. Gerade vor diesen Ereignissen kann man allerdings sehr gut sehen, was es bedeutet, wenn die Anleger nicht warten können.

In den Minuten unmittelbar vor dem Ereignis vollziehen die Kurse oftmals ziemlich hektische und meist nicht nachvollziehbare Bewegungen. Diese werden anschließend, wenn die Nachricht veröffentlicht ist, sofort wieder zurückgenommen. Die Intradaycharts sprechen an dieser Stelle sehr oft eine deutliche Sprache.

Meist sind es die hektischen Trader, die nicht warten können, die für diese Ausschläge verantwortlich sind. Erst lassen sie den Markt steigen, weil sie auf ein positives Ergebnis hoffen. Doch schon Sekunden später müssen sie den Markt hektisch wieder verlassen, weil sie von den Konjunkturdaten auf dem falschen Fuß erwischt worden sind.

In der Ruhe liegt die Kraft

Dieses hektische Hin und Her freut am Ende nur die Broker, denn die verdienen an den Ordergebühren und freuen sich über die gesteigerte Handelsaktivität. Dem Trader oder dem Investor bekommen diese Ausflüsse der eigenen Ungeduld zumeist nicht. Die Ordergebühren sind in jedem Fall verloren und die eingegangenen Positionen sind nicht annähernd so erfolgreich wie die Engagements, die mit Ruhe und Bedacht ausgewählt und ausgeführt werden.

Machen Sie sich deshalb nicht zu einem Sklaven der Kursbewegungen, sondern haben Sie die Kraft, sich mittels Ihrer Vernunft diesen riskanten Situationen zu entziehen. Handeln Sie immer nur dann, wenn die Märkte „stabil“ und halbwegs berechenbar sind. In allen anderen Situationen sollten Sie den hypernervösen Zeitgenossen den Vortritt lassen und sich selbst vornehm zurückhalten, bis sich eine neue, klare Tendenz etabliert hat.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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