Leisten Sie sich den Luxus einer eigenen Meinung aber vermeiden Sie jede Form von Ideologie

An der Börse braucht man eine klare Meinung, um nicht über kurz oder lang das sprichwörtliche Blatt im Wind zu werden. Auch Sie sollten sich daher immer um eine klare eigene Meinung bemühen. Selbst wenn diese Meinung gerade darin besteht, keine klare Meinung zu haben, weil es sowohl Anzeichen für ein baldiges Steigen der Aktie gibt, wie auch solche, die auf einen in Kürze bevorstehenden Rückfall der Aktie hinweisen.

In diesen Fällen hilft die eigene Meinung, derzeit keine klare Meinung zu haben, dabei, untätig an der Seitenlinie zu verharren und solange keine Aktion zu setzen, bis sich die Situation in der einen oder anderen Weise geklärt hat. Diese Meinungslosigkeit ist an dieser Stelle keine Schwäche mehr, sondern eine Stärke, die aus einer sorgfältigen Analyse entspringt.

In den meisten anderen Fällen ist es gefährlich, keine eigene Meinung zu besitzen. Wir sind dann zwangsläufig auf der Suche nach anderen Meinungen und wird sind diesen von außen kommenden Einflüsterungen umso stärker ausgesetzt, je überzeugter sie vorgetragen werden. Leicht wird dann die Selbstsicherheit eines anderen Anlegers bei der Präsentation seiner Gedanken mit einem Indiz für die Richtigkeit der Aussage verwechselt.

Diesen Fehler können wir auch in unserem Alltagsleben immer wieder machen, und zwar dann, wenn wir voreilig von einer ansprechenden Verpackung auf einen tollen Inhalt schließen und nach dem Kauf bitter enttäuscht sind, weil das Produkt nicht annähernd das hält, was die Verpackung verspricht.

Marktmeinungen können gefährlich sein

An der Börse sollten Sie besonders dann hellhörig und vorsichtig werden, wenn Sie auf eine von nahezu allen vertretene Marktmeinung treffen. Ein erster Impuls sagt uns, dass vermutlich nicht falsch sein kann, was nahezu alle anderen denken. Im Alltag mag das zutreffen, an der Börse nicht.

Wenn Sie vor dem Verlassen des Hauses aus dem Fenster schauen und bemerken, dass alle anderen ihre Wohnungen nur mit Schirm und Regenjacke verlassen, dann könnte es in der Tat eine gute Idee sein, selbst ebenfalls zu Regenjacke und Schirm zu greifen.

An der Börse sollten Sie dies allerdings nicht tun, denn hier geht es nicht darum, die Frage richtig zu beantworten, ob es regnen wird oder nicht. Wer an der Börse Geld verdienen will, muss nicht nur die Frage nach dem Regen beantworten. Viel wichtiger ist die Frage, wie sich die Preise für die Regenschirme entwickeln werden.

Und hier kann es sehr leicht sein, dass diese trotz starkem Regen zu fallen beginnen, weil bereits alle in Erwartung des nächsten Regens einen Schirm gekauft haben und die Nachfrage nach weiteren Regenschirmen plötzlich wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Der Blick auf die Marktmeinung bringt Ihnen an dieser Stelle nicht viel.

Reagieren Sie auf das, was passiert, nicht auf das, was eigentlich passieren sollte

Schauen Sie an der Börse primär auf das, was gerade passiert und nicht auf das, was eigentlich passieren sollte. Es kommt immer wieder vor, dass im Anschluss an ein eigentlich klar positives oder negatives Ereignis die Kurse plötzlich und für viele unerwartet beginnen, in die Gegenrichtung zu laufen.

Mal sind es Gewinnmitnahmen, die einsetzen, wenn das Ereignis, auf das hin sich alle positioniert haben, eingetreten ist. Ein anderes Mal scheint die Börse Kopf zu stehen und Fakten, die bislang immer negativ bewertet wurden, werden von den Anlegern plötzlich positiv gesehen. Es kann aber auch vorkommen, dass die großen Adressen bewusst viel Geld in die Hand nehmen, um eine Kursentwicklung zu verhindern, die ihren Interessen zuwiderläuft.

Gründe für diese sonderbaren und logisch im ersten Moment auch nicht oder nur sehr schwer nachvollziehbaren Kursentwicklungen gibt es viele: Die gute Nachricht ist: Sie brauchen diese vielen Gründe im Einzelfall gar nicht zu kennen. Es reicht, wenn Sie ihre Auswirkungen im Chart erkennen und entsprechend handeln.

Die Wahl von US-Präsident Donald Trump im November 2016 oder die britische Brexit-Abstimmung einige Monate zuvor waren zwei solche Ereignisse. Im Vorfeld waren sich alle Anleger mehr oder weniger einig, dass eine Entscheidung der Briten für den Austritt oder die Wahl Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten für die Kurse Gift wären.

Ideologen haben an der Börse einen schweren Stand

Kurzfristig betrachtet hatten diese Anleger vollkommen recht, denn es kam in den ersten Reaktionen auf die völlig unerwarteten Wahlausgänge zu sehr scharfen Kurseinbrüchen. Doch nachdem die erste Überraschung verflogen war, kauften die Anleger, als gäbe es morgen keine Aktien mehr.

Verloren haben die Anleger, die ihrer ursprünglichen Meinung treu blieben und diese zu einer unumstößlichen Ideologie aufwerteten. Wer glaubte, die Kurse müssten wieder zurückkommen, weil die Umsetzung der Pläne des neuen US-Präsidenten keinen Erfolg habe könne, der kämpfte im Grunde über ein Jahr gegen eine Rallye an, die kein Ende zu nehmen schien.

Am haussierenden US-Markt auf fallende Kurse zu setzen und short zu gehen, war zwischen November 2016 und Januar 2018 wahrlich keine gute Idee. Dieses Beispiel zeigt sehr eindrucksvoll, dass es gut ist, eine klare eigene Meinung zu haben. Wir sollten allerdings nie so weit gehen, diese Meinung zu einer unumstößlichen Ideologie zu erheben und auch dann noch an ihr festzuhalten und nach ihr zu handeln, wenn die Fakten längst eine ganz andere Interpretation nahelegen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Teilen Sie diesen Beitrag bitte mit Ihren Freunden, wenn Sie der Meinung sind, dass das Thema zu wichtig ist, um im allgemeinen Mediensumpf unterzugehen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: