Die Anleger kaufen, weil nichts anderes mehr gewohnt sind

Eine alte Börsenweisheit besagt, man soll kaufen, wenn die Kanonen donnern und im Rinnstein der Wall Street das Blut fließt. Dieses Verhalten wird an den Aktienmärkten nun schon seit rund einem Jahr sehr konsequent umgesetzt, wenn auch nicht exakt in der klassischen Weise, die in dieser antizyklischen Investmentregel gemeint ist.

Gemeint sind beherzte Käufe, wenn den anderen Anlegern die Nerven versagen und sie sich in wilder Panik von ihren Aktien trennen. Ein derartiges antizyklisches Kaufverhalten verspricht dann einen Erfolg, wenn die Panik unbegründet war oder die Talfahrt der Kurse weit über das Ziel hinausgeschossen ist. Beide Aspekte sind wichtig, denn in einem intakten Abwärtstrend unverdrossen kontinuierlich zu kaufen, lässt die neu aufgebauten Positionen sehr schnell ins Minus laufen.

Seit Mitte 2016 ist eigentlich vollkommen egal, was in der Welt gerade vor sich geht, die Nachrichten aktiv zu kaufen, auch wenn sie im ersten Moment als noch so schlecht empfunden wurden, war eine sehr erfolgreiche und lukrative Entscheidung. Heute, aus der Rückschau, mutet sie fast wie die einzig Wahre an.

Wer ihr nach dem britischen Brexit-Referendum erstmals folgte, musste zumindest in den ersten Tagen sehr starke Nerven haben, denn die ersten Handelstage nach der Abstimmung auf der Insel waren von panikartigen Verkäufen und kräftigen Verlusten geprägt. Der DAX verlor rund tausend Punkte in der Woche nach dem Brexit.

Was interessiert mich meine Angst von vorgestern?

Wer im Tief kaufte, konnte sich besonders glücklich schätzen, doch auch die Anleger, die einfach nur kauften, solange es abwärtsging, bewiesen ein gutes Händchen, denn schon einen Monat nach dem schockierenden Abstimmungsergebnis, standen die Indizes wieder dort, wo sie vor der Wahl gestanden hatten und kurze Zeit später waren neue Allzeithochs fällig.

Zugegeben, der Faktor Zeit war nach der Brexit-Abstimmung eine Herausforderung für die Käufer. Es dauerte vergleichsweise lange, bis die Aktienkurse drehten und die Börsen wieder ins Plus steuerten. Beim zweiten Schlüsselereignis des Jahres 2016 ging es dafür umso schneller.

Als klar wurde, dass Donald Trump die Wahl zum neuen US-Präsidenten gewonnen hatte, erreichten die Kurse nur in der Vorbörse ihr Tief. Nach Handelseröffnung wurde stramm gekauft und der angebliche politische Weltuntergang mit steigenden Kursen gefeiert. Der Rest ist bekannt. Die Trump-Rallye bestimmte im Grunde das gesamte erste Halbjahr 2017, allen Eskapaden des neuen US-Präsidenten und allem politischen und wirtschaftlichen Störfeuer zum Trotz.

Es gab und gibt seitdem nichts mehr, dass die Stimmung der Anleger auch nur länger als für ein paar Stunden trüben konnte. Die Angst vor dem italienischen Referendum im Dezember löste sich sehr schnell in Wohlgefallen auf. Von der Sorge um die Banken spricht heute auch niemand mehr, obwohl im Herbst 2016 Schwergewichte wie die Deutsche Bank kräftig schlingerten.

Nur wer kauft, gewinnt!

In diesem Jahr geht das Spielchen munter weiter. Gekauft wurden die kräftigen Rückschläge im Februar und im März ebenso wie die Kündigung des Atomabkommens mit dem Iran vor wenigen Tagen. Auch wenn die arabische Halbinsel in eine handfeste diplomatische Krise schliddert und einige Kommentatoren sogar das Potential für eine kriegerische Auseinandersetzung gegeben sehen, tut das der allgemeinen Kauflaune keinen Abbruch.

Es ist heute vollkommen egal, was passiert und um wen es geht, kaufen ist und bleibt die einzige Handlungsalternative so will es zumindest scheinen. Allerdings werden die Schwierigkeiten der Welt durch die Ignoranz der Anleger nicht weniger. Im Gegenteil: Sie schaukeln sich langsam zu einem gefährlichen Cocktail auf, der eines Tages ungenießbar werden könnte.

Welcher Tropfen es ist, der das Fass zum Überlaufen bringen wird, wissen wir heute noch nicht. Ebenso schwer ist zu prognostizieren, wann der Friede-Freude-Eierkuchen-Wahnsinn enden wird. In einer gesunden Hausse pflegen die Kurse entlang einer Wand der Sorgen zu steigen. Momentan ist von dieser Wand nicht das Geringste zu sehen.

Alles hat ein Ende nur die Aktienhausse nicht

Eine extreme Euphorie ist zwar auch nicht zu spüren, doch wenn die Anleger auch ohne konkreten Grund einfach kaufen, weil sie nichts anderes mehr gewohnt sind, ist das auch um keinen Deut besser.

In ihrer Gesamtheit deuten die Entwicklungen der letzten zwei Jahre darauf hin, dass die letzte Phase des Bullenmarktes angebrochen ist. Die Kauforgie kann sich noch einige Monate fortsetzen, das ist wahr. Die Euphorie bei den Bitcoins Ende 2017 lässt an dieser Stelle grüßen.

Doch irgendwann ist Schluss mit lustig und dann könnte es schnell sehr ungemütlich werden, denn dann sind mit einem Mal schlagartig all die Probleme wieder zurück, die heute seltsamerweise keiner sieht.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Was nichts kostet, ist nicht viel Wert? Wenn Sie nicht dieser Meinung sind und die heute besprochenen Gedanken auch Ihren Freunden und Bekannten vorstellen möchten, teilen Sie diesen Artikel bitte mit ihnen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: