Armes reiches Amerika

Amerika ist reich, reicher als viele andere Länder und gemessen an seinem Reichtum nur gering verschuldet. Das ist eine der Botschaften, die die US-Notenbank unter das Volk zu bringen versucht, wenn sie in regelmäßigen Abständen Auskunft über das Vermögen und die Schulden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt.

Anfang 2017 waren die Amerikaner so hoch verschuldet wie noch nie zuvor, aber auch so reich wie nie zuvor. Nach Abzug der Schulden beläuft sich das Vermögen der US-Bürger inzwischen auf die stolze Summe von 94,8 Billionen US-Dollar. Es liegt damit ungefähr beim Fünffachen der Wirtschaftsleistung. Ihm gegenüber stehen Schulden von lediglich 14,6 Billionen US-Dollar.      

Sind die Schulden also nicht das Problem, als das man sie immer wieder ansieht? Auf den ersten Blick gewinnt man schnell diesen Eindruck, denn wenn die Vermögen so hoch und die Schulden so vergleichsweise niedrig sind, ist die Rede vom verschuldeten Amerika ein nicht länger haltbarer Mythos.

Wie so oft stellen statistische Größen eine geglättete Wahrheit dar und der Teufel steckt wieder einmal im Detail, denn das Vermögen ist extrem ungleichmäßig verteilt. Die obersten 0,1  Prozent der Amerikaner besitzen ein Vermögen von jeweils mehr als 30 Millionen US-Dollar. Damit lässt sich gut und auch vergleichsweise sorglos leben. Am unteren Ende der Gesellschaft sieht es hingegen ganz anders aus, denn die untersten zehn Prozent der Bevölkerung sind netto verschuldet.

Selbst über dem Durchschnitt sind die Vermögen bescheiden

Ein Haushalt muss schon über dem US-Durchschnitt liegen, um auf ein greifbares Vermögen von über 80.000 US-Dollar zu kommen. Das ist zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig, vor allem dann, wenn man mit den Ersparnissen im Alter die eigene Rente aufbessern will. Herbe Enttäuschungen und die mit ihnen verbundenen Abstriche am Lebensstil sind hier vorprogrammiert.

Das Phänomen ist nicht neu, denn über die letzten 30 Jahre hinweg hat sich das Vermögen der unteren 90  Prozent nur wenig verändert. Mit den Anleihen, Aktien- und Immobilienpreisen schwankt auch der Wert der Vermögen. Er erreichte 2007 ein Zwischenhoch, sank in den Jahren nach der Finanzkrise und notiert aktuell wieder deutlich über dem Niveau vor der Krise. Allerdings wird das Vermögen primär in der Schicht der ohnehin Reichen akkumuliert. Der Rest der Gesellschaft bekommt wenig bis gar nichts vom Kuchen ab.

Wie dramatisch die Zahlen ausfallen, zeigt sich erst beim genaueren Hinsehen. Vor dem Beginn der Finanzkrise lag das Vermögen der 400 reichsten Amerikaner bei 1,54 Billionen US-Dollar. Bis Ende 2016 war es um 56 Prozent auf 2,4 Billionen US-Dollar angestiegen. Das Gesamtvermögen aller Amerikaner hat in dieser Zeit jedoch nur um 40  Prozent zugenommen.

Mit anderen Worten: Es gilt das biblische Motto „Wer hat, dem wird gegeben werden, und wer nicht hat, dem wird man auch noch das nehmen, was er hat“ in einer beängstigenden Weise und es entsteht das Bild von einem Reichtum, der keiner ist, weil er sich nur auf ganz wenige Schultern konzentriert.

Die Fake-News vom allgemeinen Reichtum

Das Problem des extrem ungleich verteilten Reichtums ist nicht allein das Problem der USA. Überall auf der Welt geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Weltweit gehören über 85 Prozent des Vermögens nur 8,2 Prozent der Bevölkerung. Umgekehrt verhält es sich mit den Schulden, denn der Verschuldungsgrad der sozialen Schichten steigt, je geringer die Vermögen und die verfügbaren Einkommen sind.

An der Spitze der Gesellschaftspyramide machen die Schulden bei den obersten fünf bis zehn  Prozent weniger als zehn Prozent des Vermögens aus. Hier kann man nicht davon sprechen, dass die Verschuldung ein Problem sei, wenn sie bei weniger als zehn Prozent liegt.

Am unteren Ende der Gesellschaft sind jedoch Verschuldungsgrade von 30 bis 40 Prozent anzutreffen. Diese Schulden können bei den dort vorhandenen Einkommen und Guthaben leicht zu einem Problem werden, wenn sie nicht mehr bedient werden können. Wenn man nun noch bedenkt, dass zwei Drittel der 14,6 Billionen US-Dollar an Schulden auf die unteren 90  Prozent der Bevölkerung entfallen, wird das Potential für eine handfeste Schuldenkrise sehr schnell deutlich.

Kritisch zu sehen ist außerdem, dass ein Großteil des Vermögens in Immobilien steckt. Ein starker Rückgang der Immobilienpreise wie am Beginn der Subprime-Krise bringt insbesondere die untere Hälfte der Gesellschaft schnell in Bedrängnis. Ihre Schulden bleiben und können nicht bedient werden, während der Gegenwert ihrer Immobilien wie Eis in der Sonne schmilzt.

Die Dinge werden sich weiter verschlimmern

Dass die Administration des Milliardärs Donald Trump die kritische Situation angeht und verbessert, ist leider nicht zu erkennen. Sie wurde zwar von vielen Armen und Abgehängten ins Amt gewählt, macht aber bislang keine Politik für diese. In ihrer bisherigen Amtszeit hat die Regierung Trump vor allem solche Maßnahmen beschlossen, die denjenigen nutzen, die ohnehin bereits Geld haben.

So ist die ungleiche Vermögensentwicklung nicht zu beheben. Im Gegenteil: Sie wird nur noch verstärkt, wodurch langfristig auch die soziale Sprengkraft steigt, denn wer nichts mehr zu verlieren hat, der ist am Ende zu allem bereit.

Früher oder später wird dann auch ein Revolutionär kommen, der die vorhandene Aggression in eine ganz bestimmte Richtung lenken wird, und sollten die Reichen das Ziel dieser Aggression sein, könnte die Lage auch für sie sehr schnell sehr ungemütlich werden – gerade im mit Waffen gesegneten Amerika.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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