Glauben Sie nicht, dass die nächste Krise harmlos sein wird

Nimmt man die niedrige Volatilität des Aktienmarktes im Jahr 2017 als Ausgangspunkt so können sich heute nur wenige Anleger vorstellen, dass es an den Aktienmärkten wirklich noch einmal kracht. Es sei denn, man betrachtet jeden Kursverlust von mehr als zwei Prozent bereits als Crash.

Der bekannte Rohstoffinvestor Jim Rogers hat im vergangenen Jahr in einem Interview erklärt, dass der nächste Crash der größte sein wird, den er je erlebt hat und da die Investmentlegende schon einige Jahre auf dem Buckel hat, ist sein Erfahrungsschatz an Krisen und Crashs gewiss nicht der kleinste.      

Da die Märkte nicht ewig steigen können, bekommen wir irgendwann auch mal wieder eine etwas größere Korrektur, wobei zu bemerken ist, dass die Anleger im Jahr 2017 Korrekturen im Grunde nur als Seitwärtsbewegungen erlebt haben, die teilweise sogar leicht aufwärtsgerichtet waren.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn Tagesverluste von zwei oder drei Prozent von den verwöhnten Anlegerkindern heute schon als Crash empfunden und entsprechend bezeichnet werden. Bei Jim Rogers hingegen dürfen wir davon ausgehen, dass er Kursverluste im mittleren bis hohen zweistelligen Bereich meint, wenn er davon ausgeht, dass die Entwicklung, die er erwartet, alles in den Schatten stellt, was er bislang in seinem langen Anlegerleben erlebt hat.

Viele Ereignisse können der Auslöser sein

Durch die extrem hohen Kurswerte, die sowohl an den Renten-, Aktien- und Immobilienmärkten für die Assets gezahlt werden, hielt Jim Rogers die Finanzmärkte schon im vergangenen Jahr für wesentlich anfälliger als im Jahr 2008. Dieses Argument ist nicht von der Hand zu weisen und auch die Fallhöhe, ist heute höher als vor gut zehn Jahren.

Aus Anlegersicht macht es wenig Sinn, über den möglichen Auslöser der Krise lange zu sinnieren. Es kommen viele in Betracht, darunter auch solche, die vorher niemand auf seiner Rechnung hat. 2007 war es nicht anders. Damals wurde das kleine Island insolvent und der Staatsbankrott der Insel im Nordatlantik sendete Schockwellen durch das Finanzsystem, die niemand zuvor hatte kommen sehen. 2018 könnte der Türkei oder Argentinien eine vergleichbare Rolle zufallen.

Die Schulden sind auch heute wieder ein ausgesprochen kritischer Bereich. Besonders jene in China. In den vergangenen Jahren war das Schuldenwachstum im Reich der Mitte besorgniserregend. Eine von der Investmentbank Goldman Sachs erstellte Studie bezifferte bereits 2017 die reale Verschuldung des Landes auf rund 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Sind diese Zahlen nicht vollkommen aus der Luft gegriffen, könnte eine zukünftige Krise allein deshalb schwerer zu überwinden sein, weil China als Wirtschaftslokomotive nicht die gleiche belebende Wirkung entfalten kann wie nach der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009.

Probleme nicht nur in einzelnen Sektoren oder Ländern

Es sind aktuell nicht allein China, Argentinien, die Türkei und die Emerging Markets, die mit ernsthaften Problemen zu kämpfen haben. Auch in den USA und Europa gibt es Probleme, die leicht eskalieren können. Zu nennen sind beispielsweise die großen US-Rentenfonds. Für sie wird es immer schwerer, die garantierten Zahlungen zu leisten.

Auch im Bereich der Unternehmensschulden steht nicht alles zum Besten. Vieles deutet darauf hin, dass die Schulden höher sind, als bislang angenommen, und da das neu aufgenommene Kapital vielfach nicht für Investitionen, sondern für andere Dinge verwendet wurde, dürfte es vielen Unternehmen schwerfallen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ihren Schuldendienst zu leisten.

Die Anleger konnten diese Gefahren bislang nicht sonderlich beunruhigen. Sie hoffen im Fall der Fälle erneut auf ein beherztes Eingreifen der amerikanischen Notenbank. Doch wie berechtigt ist diese Hoffnung? Dass die FED erneut wird helfen wollen, dürfte außer Frage stehen. Viel entscheidender ist deshalb die Frage, in welchem Umfang wird die US-Notenbank überhaupt helfen können, wenn ihre Hilfe erforderlich ist?

Die Zinssätze in den USA sind zwar in den vergangenen Monaten wieder ein wenig gestiegen, doch noch immer liegen sie auf historisch niedrigen Niveaus. Eine massive Senkung der Zinsen, analog zum Vorgehen der FED während der Finanzkrise, scheidet damit aus, denn nach spätestens drei Zinssenkungen um 0,5 Prozentpunkte ist man wieder an der Nulllinie angekommen.

Die Ohnmacht des Retters

Man könnte deshalb versucht sein, die Zinsen dieses Mal deutlich in den negativen Bereich zu drücken. Doch vollkommen ungefährlich ist dieses Manöver nicht, denn die Banken könnten sehr schnell einen irreparablen Schaden nehmen. Die vergangen Jahre haben deutlich gezeigt, dass die Kreditinstitute mit den negativen Zinsen nicht zurechtkommen und so langfristig in ernste Schwierigkeiten geraten.

Hinzu kommt, dass die Bilanzsumme der Federal Reserve Bank durch die bisherigen Anleihekäufe bereits auf 4,5 Billionen US-Dollar aufgebläht wurde. Nur ein geringer Teil davon wurde in den letzten Monaten wieder zurückgeführt. Die hohe Bilanzsumme wird die FED zwar nicht davon abhalten, neue Maßnahmen einzuleiten, doch ob diese in gewünschter Weise wirken, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Gut denkbar ist, dass die Maßnahmen der FED nur die eine oder andere kurze, aber kräftige Bärenmarktrallye anstoßen werden und anschließend schnell wieder an Wirkung verlieren. Da auch die Europäische Zentralbank, die Peoples Bank of China und die Bank of Japan schon weitgehend an ihre Grenzen gestoßen sind, muss damit gerechnet werden, dass die Gegenmaßnahmen der Notenbanken nur eine schwache Wirkung entfalten werden.

Letzter Rettungsanker Politik?

Es käme in diesem Fall besonders auf die Politik an. Ihr Spielraum ist durch die hohe Staatsverschuldung ebenfalls begrenzt. Hinzu kommt, dass man global agieren muss, um der Krise Herr zu werden, was in einem zunehmend nationalistischen und protektionistischen Umfeld entsprechend schwerfallen wird.

Außerdem müssten endlich die strukturellen Probleme angegangen werden. Da man sich in der Politik mit Blick auf die nächsten Wahlen um diese undankbare Aufgabe aber gerne drückt, sollten wir auch von dieser Seite keine allzu große Hilfestellung erwarten.

Die Krise könnte also, da ist Jim Rogers weitaus mehr zuzustimmen als den weiterhin besonders sorglosen Anlegern, schnell ein sehr unangenehmes und kräftiges Ausmaß erreichen. Kommt es in den nächsten Monaten oder Jahren so, werden auch andere Institutionen und Traditionsunternehmen den Weg gehen müssen, den Lehman Brothers während der Finanzkrise gegangen ist.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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