Wie viele Zinserhöhungen sehen wir noch?

In den USA ist sie seit Ende 2015 eingeleitet, doch niemand weiß, wie weit sie reichen wird. Vielleicht weiß das im Moment nicht einmal die amerikanische Notenbank selbst. Sie hat die Zinswende zwar beschlossen und in diesem und im letzten Jahr erstmals mit etwas mehr Nachdruck verfolgt, doch von einer Normalisierung der Zinsen sind wir immer noch weit entfernt.

Ob wir den Normalzustand jemals wieder erreichen werden, ist keine akademische Frage, denn normale Zinssätze von fünf bis zehn Prozent wären für die meisten privaten und staatlichen Schuldner im Moment überhaupt nicht mehr tragbar. Zu hoch sind die Schulden aus der Vergangenheit, zu schwach sind die vorhandenen Kräfte zu ihrer Zurückzahlung.      

Die vorsichtige Art und Weise, mit der die US-Notenbank die Zinsen seit Dezember 2015 wieder anhebt, macht deutlich, dass der Schritt keine Selbstverständlichkeit und ganz gewiss kein Selbstläufer ist. Auf dem langen Weg zurück zur Normalität lauern ernste Gefahren und Schwierigkeiten.

Bei der nächsten Zusammenkunft im Juni rechnet der Markt noch einmal damit, dass die Federal Reserve Bank die Zinsen um weitere 0,25 Prozentpunkte erhöht. Danach wird Schluss sein. Das meinen zumindest die meisten Marktteilnehmer und positionieren sich entsprechen.

Mehr Show als Realität?

Ein gewisses Maß an Symbolik wohnt den FED-Entscheidungen gewiss inne. Die entscheidende Frage ist wie viel. Um 150 Basispunkte ist der Zinssatz in den USA inzwischen gestiegen. Das ist nicht allzu viel und doch werden bereits Stimmen laut, die davor warnen, dass die bisherige Erhöhung den konjunkturellen Aufschwung abwürgen kann.

Weiterhin kann die FED ihre Entscheidungen nicht vollkommen vom Geschehen im Rest der Welt lösen. Ein gewisses Maß an Eigenständigkeit wird sich die US-Notenbank zwar zubilligen, doch sie kann die Entscheidungen der anderen Notenbanken nicht völlig aus den Augen verlieren. Erfolg haben die Währungshüter nur dann, wenn sie gemeinsam am gleichen Strang ziehen und das vorzugsweise immer in die gleiche Richtung.

Das unterscheidet die Position Jerome Powells von der Donald Trumps. Während der Präsident davon träumt, gute Deals für Amerika auch gegen den Widerstand anderer Länder zu machen, wissen die Mitglieder im FED-Board um den finanzpolitischen Schleuderkurs, der entstehen wird, wenn die FED die Zinsen stramm erhöht, während die Bank of Japan oder die Europäische Zentralbank weiterhin eine extrem lockere Geldpolitik verfolgen.

An dieser Stelle beginnen die Schwierigkeiten, denn während die Zinswende in den USA in vollem Gang ist, haben andere Länder, etwa die Staaten der Eurozone, das Zinstief möglicherweise erreicht, aber es gewiss noch nicht hinter sich gelassen. Wird der Abstand zwischen den Zinsen in Europa und den USA zu schnell zu groß, drohen neue Carry-Trades, die den Außenwert des US-Dollars sehr stark ansteigen lassen würden. Donald Trump wird das nicht gefallen, Jerome Powell gewiss auch nicht.

Das Geldmengenwachstum verlangsamt sich

Noch immer wächst die weltweite Geldmenge in einem atemberaubenden Tempo. Dass die diversen QE-Programme der Notenbanken Geschichte sein sollen, kann man vor diesem Hintergrund nicht behaupten. Noch immer werden Hunderte Milliarden in die Märkte gepumpt und die Bilanzen der Notenbanken wachsen in einem Tempo, das verzweifelt an das Niveau des Krisenjahrs 2012 erinnert.

Es ist zwar zu erwarten, dass sich das Geldmengenwachstum in den kommenden Monaten weiter verlangsamen wird, doch von normalen Zuständen sind wir immer noch meilenweit entfernt. In den nächsten zwei Jahren wird die Welt um zwei Billionen Dollar aus dem Nichts „reicher“ sein.

Bis Ende 2019 dürfte sich das Geldmengenwachstum von derzeit zwanzig auf „nur noch“ drei Prozent reduziert haben. Wirklich etwas anzufangen weiß mit dem vielen Geld schon heute niemand mehr. Wäre es anders, würde der Plan der Notenbanken funktionieren und die Wirtschaft würde massiv Kredite nachfragen, um damit ihre Expansionspläne zu verfolgen.

Doch das viele Geld aus dem Nichts wird verwendet, um Aktien- und Rentenkurse in die Höhe zu treiben, überteuerte Immobilien zu erwerben, Dividenden zu zahlen oder eigene Aktien an der Börse zurückzukaufen. Geht dieses Spielchen noch ein paar Jahre weiter, werden die Aktienkurse in noch höhere Kursregionen vordringen, doch wie nachhaltig sind diese, wenn die wirtschaftliche Produktion nicht mithält und mehr oder weniger auf dem aktuellen Stand stagniert?

Für die Zinsen ist die anhaltende Liquiditätsschwemme ein nicht zu unterschätzender Hemmschuh. Entscheidender ist jedoch, dass der aktuelle Aufschwung zunehmend an Dynamik verliert. Die US-Notenbank kann viel tun, nur in einen Abschwung hinein die Zinsen weiter zu erhöhen, wäre absolut kontraproduktiv.

Lässt der Aufschwung weiter nach, muss die US-Notenbank nicht zwangsläufig die Zinsen sofort wieder senken. Angesichts des sehr niedrigen Zinsniveaus sollte sie sich diesen Trumpf möglichst lange erhalten und ihn nicht zu früh ausspielen. Sie muss aber zumindest auf weitere Zinserhöhungen verzichten.

Die viel beschworene Zinswende käme in diesem Fall wesentlich früher zu ihrem „natürlichen“ Ende als es im Moment noch von den meisten Anlegern erwartet wird. Wundern Sie sich deshalb nicht, wenn es in den USA in diesem Jahr in der zweiten Jahreshälfte keine weitere Zinserhöhung mehr geben wird. Läuft es schlecht, sehen wir 2019 oder 2020 vielleicht sogar schon wieder die erste Zinssenkung.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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