Gehören die Kryptowährungen schon in jedes Anlegerdepot?

In einer Zeit, in der die Aktien immer noch haussieren und neue Allzeithochs im DAX oder im Dow Jones nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheinen, möchte man als Anleger, nicht abseitsstehen, sondern mit von der Partie sein und ebenfalls Gewinne einstreichen. Dabei ist es egal, ob man als privater oder institutioneller Anleger am Markt agiert. Dem Gefühl, ohne selbst mit an Bord zu sein, einem abgefahrenen Zug hinterherzusehen, möchte sich kein Trader oder Investor dauerhaft aussetzen.

Die laufenden Haussen nähren zwangsläufig das Gefühl, in einer Zeit zu leben, in der es viel zu gewinnen und viel zu verpassen, aber nicht viel zu verlieren gibt. Ist dieses Gefühl zutreffend und der aktuellen Marktlage angemessen, sind Investitionen Pflicht und jedes Zögern wäre falsch, weil nicht gewinnbringend.      

Gerade die Rallye der Kryptowährungen hat im vergangenen Jahr deutlich gemacht, wie leicht Geld zu verdienen ist, wenn man in einem Investmentzug sitzt, der gerade den Bahnhof verlassen hat und Fahrt aufnimmt. Auch wenn die Kurse inzwischen wieder deutlich zurückkommen und noch niemand heute den Kurs kennt, zu dem ein Bitcoin am Ende des Jahres 2019 gehandelt werden wird. Die Bitcoins haben gute Chancen, im Dezember 2019 als das beste Investment der Dekade dazustehen.

Das gilt natürlich nur für jene Anleger, die bereits zum Schlusskurs des Jahres 2016 oder früher gekauft haben. Für alle, die erst im Laufe des Jahres 2017 auf eine der verschiedenen Kryptowährungen aufmerksam geworden sind, stellt sich die Lage ganz anders dar. Da sie notgedrungen erst später, sprich zu deutlich höheren Kursen, aktiv geworden sind, fällt ihre Gewinn- oder Verlustrechnung nicht ganz so eindeutig aus.

Die Unsicherheit der Goldgräberzeit

Die Goldgräberstimmung im Bereich der Kryptowährungen ist verständlich. Wir kennen die Stärken und Schwächen des heutigen Papiergelds und können vor diesem Hintergrund recht leicht die Vorteile erkennen, die uns die neuen Kryptowährungen im täglichen Einsatz bieten.

Mit den Gefahren und Nachteilen, die auch dieses elektronische Geld zwangsläufig mit sich bringen werden, sind wir noch nicht vertraut. Es wäre allerdings naiv zu glauben, wir könnten sie vermeiden oder die Kryptos hätten gar keine Nachteile, denn nichts in der Welt hat nur Vorteile. Wir bekommen bei allem immer die Vor- und die Nachteile. Das ist bei den Kryptowährungen nicht anders als bei den anderen Dingen des Lebens.

Kritisch sind im Moment besonders zwei Punkte: Das internationale Großkapital hat zu den neuen Kryptowährungen noch keine klare Position bezogen. Das ging schon allein technisch nicht, weil die auch die stark gestiegenen Marktkapitalisierungen der letzten Monate immer noch viel zu niedrig sind, um auch nur einen Teil des international nach Rendite suchenden Kapitals aufzunehmen.

Der zweite Unsicherheitsfaktor ist staatlicher Natur. Die Kryptowährungen sind private Entwicklungen. Sie entziehen sich damit nicht nur dem staatlichen Zugriff und der staatlichen Kontrolle, sondern sind auch strenggenommen gar keine Währungen. Für viele private Anleger macht dies einen Teil ihres Reizes aus. Doch was Private mitunter sehr reizvoll finden, wird so manchem Politiker oder Notenbanker unangenehm aufstoßen.

Die entscheidende Reaktion des Staates steht noch aus

Keiner weiß, wie die Staaten auf lange Sicht auf die Kryptowährungen reagieren werden. Grundsätzlich sind zwei Wege denkbar: Man überlässt die Entwicklung sich selbst oder man greift ein. Der Eingriff wiederum kann vergleichsweise harmlos sein und nur einige regulatorische Vorgaben enthalten, er kann aber auch massiv sein und in der Gestalt ablaufen, dass der Staat den Einsatz privater Kryptowährungen verbietet und selbst übernimmt.

Da viele Notenbanken derzeit umfangreiche Forschungs- und Entwicklungsprogramme zum Einsatz und zur Funktionsweise der Kryptowährungen gestartet haben, ist die zweite Alternative des Eingriffs gar nicht so unwahrscheinlich. Sehen wir in Zukunft also auch staatliche Kryptowährungen und werden sich diese sich unvoreingenommen einem fairen Wettkampf mit den privaten um die Gunst der Verbraucher stellen? Oder wird der „Wettbewerb“ dadurch entschieden, dass die privaten Kryptowährungen mit einem Startverbot belegt und aus dem Zahlungsverkehr gezogen werden?

Viele verschiedene Entwicklungen sind an dieser Stelle denkbar. Die Situation ist sehr unübersichtlich und sie erinnert ein wenig an den Beginn des Computer- und des Internetzeitalters. Die Platzhirsche von heute können auch morgen noch die tonangebenden Taktgeber sein. Sie können aber auch ebenso gut von anderen aus den führenden Positionen verdrängt worden sein.

Wer sich aus diesem Grund an den aktuellen Spekulationen nicht beteiligt und den verschiedenen Kryptowährungen zunächst einmal abwartend begegnet, muss deshalb nicht notwendigerweise unaufgeschlossen gegenüber Neuerungen oder gar ein Gegner des elektronischen Geldes sein. Für die vorläufige Passivität reicht allein das Wissen, dass man als Anleger den Ausgang des vor uns liegenden Evolutions- und Selektionsprozesses nicht angemessen vorhersagen kann und deshalb lieber die Sicherheit der Seitenlinie der Attraktivität eines heißen Zocks vorzieht.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden und Bekannten, damit auch Ihre Freunde die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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