Der Markt ist nervöser geworden, aber die Risiken werden noch immer unterschätzt

Wir heutigen Menschen glauben mehr, sind aber nicht unbedingt religiöser. Das ist eine der entscheidenden Entwicklungen der letzten Jahre. Mit Unsicherheit und Nichtwissen haben wir Menschen schon immer zurechtkommen müssen. Das ist uns mal besser, mal schlechter gelungen. Dass diese Unsicherheit nicht nur spannend ist, sondern auch Angst macht, ist auch kein Geheimnis.

Mit dieser Angst müssen wir leben, auch mit dem Faktum, dass nicht alle immer der gleichen Meinung sind, sondern in einzelnen Fragen höchst unterschiedliche Positionen vertreten. Unsere Demokratie lebt von diesem Streit, wenn er offen und konstruktiv ausgetragen wird und am Ende zu neuen Lösungen führt.      

Auch die Börse lebt von diesen unterschiedlichen Sichtweisen, denn wenn alle immer nur gleichzeitig kaufen oder verkaufen wollten, läge der Handel schon bald danieder, weil niemand bereit und willens wäre, die Gegenposition zu beziehen. Ein permanenter Streit lähmt ebenso wie ideologische Positionen, die keine alternativen Gedanken neben sich zulassen wollen.

Es ist gut, eine fundierte Meinung zu haben und es ist auch sinnvoll, mit anderen um die richtige Lösung zu streiten. Auch der Versuch, die eigenen Interessen gegenüber den anderen durchzusetzen, ja sie unter Umständen auch lautstark durchzusetzen, ist legitim. Das alles gehört zu einer funktionierenden Demokratie ebenso wie zu einem funktionierenden Börsenhandel.

Respektlos in den eigenen Untergang

Nicht fehlen darf jedoch der gegenseitige Respekt, der Respekt vor den Fakten ebenso wie der Respekt für die Meinungen der Anderen. Auch eine Portion Zweifel kann nicht schaden, denn es ist nie auszuschließen, dass man selbst falsch liegt. Empathie hilft ebenfalls, denn wer zu Lösungen kommen will, muss in der Lage sein, sich in sein Gegenüber hineinversetzen können. Auch das gilt für den Börsianer ebenso wie für den Demokraten.

In den letzten Jahren sind uns Respekt, Zweifel und Empathie jedoch ein ganzes Stück weit abhandengekommen. Ersetzt wurde sie durch einen neuen Absolutismus, der die eigene Position über alles andere stellt. Er verbindet sich nicht selten mit dem Willen, die eigenen Ansichten notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen. Rücksicht wird so leicht als ein Moment der Schwäche verstanden, weil der, der sich unzweifelhaft auf der richtigen Seite wähnt, angeblich keine Rücksicht zu nehmen braucht.

Unsere Welt ist undurchsichtiger und komplizierter geworden. Das gilt nicht nur für die politischen Fragen, sondern ebenso für die wirtschaftlichen Zusammenhänge und damit auch für das gesamte Börsenuniversum. Wo Unsicherheit nach einer klaren Lösung verlangt, wächst die Versuchung Nichtwissen durch Glauben zu ersetzen.

Im ersten Moment erleichtert dieser Glaube das Überleben, denn er gibt Halt, wo man bislang nur geschwommen ist. Was inhaltlich geglaubt wird, lässt sich nicht immer beweisen, aber sehr leicht verabsolutieren. Ist dieser Punkt erreicht, hat der Zweifel keine Chance mehr. Er stört nur noch die heile Welt, in der man es sich gemütlich eingerichtet hat, und bleibt deshalb außen vor.

Der Versuchung widerstehen

Mit dem Zweifel werden aber auch neue Gedanken und damit Lösungen, die in eine Richtung gehen, in die man bislang nicht gedacht hat, ferngehalten, sodass wir am Ende für unsere Glaubensüberzeugungen sehr leicht nicht nur einen hohen Preis, sondern einen viel zu hohen Preis zahlen könnten.

Der Zeitgeist weht aktuell sehr stark aus dieser Richtung, und da wir alle in dieser Zeit leben, werden wir auch alle von ihr beeinflusst, der Eine etwas stärker, der Andere etwas weniger. Vollkommen freimachen von ihm kann sich niemand, schon gar nicht bei seinen Aktionen an der Börse.

Hier sahen wir in den letzten Monaten trotz der nicht geringer werdenden Probleme nur sehr wenig Zweifel. Von Euphorie kann zwar nicht gesprochen werden, aber die Zuversicht, dass alles gut gehen wird oder dass, wenn es doch schiefgehen sollte, die Notenbanken das Problem schon wieder richten werden, ist unzweifelhaft vorhanden.

Ob der drohende Handelskrieg eine große Gefahr für die Weltwirtschaft darstellt, darüber streiten noch die Experten. Für die Börse könnte die aktuelle Sorglosigkeit der Anleger jedoch die weitaus größere Gefahr darstellen, denn nichts ist gefährlicher für die Kurse als eine Herde bullischer Anleger, die plötzlich erkennen muss, dass sie die Zeichen der Zeit nicht richtig erkannt hat.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Auch wenn die Informationen auf 7vor8.de für Sie kostenlos sind: In jedem Artikel stecken eine gründliche Recherche und eine Menge Aufwand. Deshalb meine Bitte an Sie: Teilen Sie diese Kolumne mit Ihren Freunden und Bekannten, wenn Sie möchten, dass auch andere die Möglichkeit haben von diesen wertvollen Informationen zu profitieren.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: