Stabiles Geld ist leider nur ein Mythos

Eine der zentralen Aufgaben der Notenbanken ist es, die Stabilität des von ihnen herausgegebenen Geldes zu gewährleisten. Diesem Ziel ist die amerikanische FED ebenso verpflichtet wie die Europäische Zentralbank. In Sonntagsreden wird immer wieder gerne betont, wie wichtig dieses Ziel sei. Doch von montags bis freitags arbeitet man unermüdlich daran, es nach Kräften zu unterlaufen.

Eine stabile Währung schafft vor allem eines: Planungssicherheit. Diese Sicherheit in ihren Kalkulationen benötigen die Unternehmen ebenso wie die Verbraucher. Nichts stört und behindert ihre Geschäftstätigkeit so sehr wie die Unsicherheit heute nicht zu wissen, was morgen der Fall sein wird.       

Vor diesem Hintergrund ist naheliegend, dass Schwankungen bei der Inflation nicht nur nicht gewünscht, sondern immer auch ein wenig gefürchtet werden, denn sie sind prinzipiell unberechenbar. Auf den ersten Blick angenehmer scheint es, wenn man schon vorab genau weiß, was geldpolitisch angestrebt und erreicht wird.

Die Notenbanken befriedigen diese verständliche Sehnsucht, indem sie schon seit Jahren das Ziel einer Inflationsrate von nicht mehr als zwei Prozent ausgeben. Über die Jahre wurde uns diese Inflation immer wieder als Preisstabilität verkauft und die meisten Bürger haben diese subtile Form der Gehirnwäsche mittlerweile so oft über sich ergehen lassen, dass sie die Wahrheit hinter dieser Lüge gar nicht mehr sehen.

Eine Preisstabilität, die keine ist

Der Trick ist ebenso einfach wie genial. Eine Inflationsrate von konstant zwei Prozent erscheint in den Grafiken immer als eine Linie. Damit wirkt sie viel konstanter und berechenbarer als eine Inflationsrate, die in einem regelmäßigen Auf und Ab um die Nulllinie pendelt. Aus der Distanz und auf den ersten Blick verspricht die konstante Inflationsrate von zwei Prozent mehr Stabilität als das wilde Auf und Ab der Preise.

Aber hier genau fangen die Denkfehler an und wir tun gut daran uns nicht nur mit dem schönen Schein zu begnügen, sondern den Dingen auf den Grund zu gehen und die Zusammenhänge im Hintergrund kritisch zu hinterfragen. Tut man dies, kommt man sehr schnell zu dem Schluss, dass die Preisstabilität, die man uns die ganze Zeit verkaufen will, im Grunde gar keine ist.

Im Gegenteil: Sie ist sogar deutlich schädlicher als ein unkontrolliertes Pendeln der Preise um die Nulllinie. Dieses beinhaltet zwangsläufig auch Phasen mit fallenden Preisen. In diesen Zeiten steigt die Kaufkraft des Geldes wieder an und der in der Vergangenheit entstandene Kaufkraftverlust wird zumindest zum Teil wieder ein Stück zurückgenommen.

Dieses wichtige Element des deflationären Ausgleichs fehlt, wenn die Inflation konstant auf einem Niveau von zwei Prozent gehalten wird. Es gibt in diesem Fall nur noch Jahre mit Kaufkraftverlust. Dabei hören sich zwei Prozent Inflation zunächst gar nicht so dramatisch an. Sie sind es aber.

Der Faktor Zeit darf nicht ausgeblendet werden

„Nur“ zwei Prozent Inflation sind gefährlicher als den meisten Menschen bewusst ist, denn eine stabile Inflation von zwei Prozent macht aus einem Dollar oder einem Euro in zwanzig Jahren nur noch 50 Cent. Oder anders ausgedrückt: Das Auto, das der Privatmann oder die Maschine, die der Unternehmer heute für 35.000 Euro ersteht, wird in zwanzig Jahren 70.000 Euro kosten.

Eine derartige Teuerung haben die meisten Zeitgenossen nicht im Sinn, wenn sie Mario Draghi oder Andrew Powell über das Preisstabilitätsziel von zwei Prozent fabulieren hören. Auch werden die Meisten in diesen Momenten nicht bedenken, dass der von den Notenbanken angestrebten Inflation von zwei Prozent keine Guthabenzinsen von zwei Prozent gegenüberstehen.

Nie besonders deutlich ausgesprochen wird, dass die Inflationsrate immer etwas höher sein soll als die Guthabenverzinsung, denn auf diese Art und Weise findet eine subtile Entschuldung des Staates statt. Seine hohen Schulden sinken über die Jahre relativ zum Bruttoinlandsprodukt, auch wenn dabei kein einziger Dollar oder Euro wirklich zurückgezahlt wird.

Es ist leider so, dass die meisten Menschen etwas komplett anderes im Sinn haben als die Notenbanker, wenn beide das Wort Preisstabilität hören. Wirklich stabile Preise wird es erst dann geben, wenn die fortgesetzte Schöpfung von Geld aus dem Nichts endet. Da diese jedoch in den Jahren nach der Finanzkrise kräftig angeheizt wurde, kommt das dicke Ende noch – auch bei der Inflation.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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