Wann schichten die Anleger wieder von Aktien in Renten um?

Wer als Anleger ruhig schlafen will, der investiert sein Geld angeblich am besten in festverzinsliche Wertpapiere. Die Kurse der Anleihen schwanken nicht so stark wie die Aktienkurse, und wenn der Schuldner pünktlich seine Zinsen bezahlt und die Anleihe am Ende der Laufzeit vollständig tilgt, hält sich auch der Stress in Grenzen.

Die niedrigen Zinsen haben vielen Kapitalanlegern in den vergangenen Jahren einen dicken Strich durch diese Rechnung gemacht. Zinsen gab es kaum noch welche, und wenn doch, dann war die Bonität des Schuldners so wenig vertrauenserweckend, dass es um den Schlaf des Anlegers in der Nacht auch nicht mehr so gut gestellt war.      

Die Flucht in dividendenstarke Aktien war eine der Antworten, mit denen Deutschlands Anleger auf diese Herausforderung reagiert haben. Der Kauf von Gold und Silber sowie das Vorhalten von Bargeld waren zwei andere Wege, mit denen dem Anlagenotstand begegnet wurde.

Die von den Anlegern eingeschlagenen Wege waren durchaus erfolgreich. Weil die Unternehmen in den vergangenen Jahren recht gut verdient haben und auch einen großen Teil ihres Gewinns in Form von Dividenden an ihre Aktionäre ausgeschüttet haben, ging die Strategie auf.

Viele Anleger sind nicht freiwillig an den Aktienmarkt gegangen

Wir dürften in diesem Zusammenhang allerdings nicht vergessen, dass der Kauf der Aktien von diesen Anlegern nicht ganz freiwillig vollzogen wurde. Es war eine Flucht und Fluchtbewegungen sind nie etwas vollkommen freiwilliges. Man vollzieht sie zwar aus eigenem Willen, aber nur notgedrungen. Gäbe es einen anderen Weg, so würde man diesen vorziehen und sich nicht auf die gefährliche Reise in fremdes Terrain machen.

Gehen wir für einen Moment davon aus, dass die Masse der neuen Aktionäre in den letzten Jahren eher aus Notwehr und nicht aus Überzeugung die Dividendenpapiere erworben hat, so wird schnell deutlich, wie groß das Rückschlagspotential ist. Eine nachhaltige Wende am Rentenmarkt könnte die Aktienmärkte nicht nur partiell, sondern auf Dauer und über einen längeren Zeitraum belasten.

Wer eher unfreiwillig gekommen ist und während der Haltedauer der Aktien nicht zu einem Überzeugungstäter geworden ist, der könnte in den kommenden Monaten geneigt sein, seine Aktien zu verkaufen und mit den Erlösen höher verzinsliche Anleihen zu kaufen. Ein Bombengeschäft wird dieser Schritt zunächst gewiss nicht sein, denn bis das Zinsniveau wieder auf halbwegs attraktive Niveaus ansteigt, wird es sicher noch einige Zeit dauern.

Aber vor dem Hintergrund der extrem tiefen und bisweilen sogar negativen Zinssätze der vergangenen Jahre ist das aktuelle Niveau schon fast wieder „gut“. Wenn man nun noch bedenkt, dass die Wende sich augenblicklich primär in den USA vollzieht und in Europa noch gar nicht richtig angekommen ist, dann werden die Argumente für einen Wechsel zurück in den sicheren Hafen der Anleihen für europäische Anleger in Zukunft eher mehr als weniger.

Woher sollen die den Aktienmarkt treibenden Kräfte kommen?

Das viele Geld aus dem Nichts der Notenbanken hat die Immobilien verteuert und die Kurse an den Aktien- und Rentenmärkten steigen lassen. Am Rentenmarkt haben die Kurse keine neuen Hochs. Auch die Immobilienpreise könnten ihr Hoch gesehen haben oder kurz davor stehen, es auszubilden. Und die Aktienmärkte?

Ihnen könnte in den kommenden Monaten zunehmend der Treibstoff ausgehen. Die Rallye ist 2018 bereits ins Stocken geraten und auch das zweite Halbjahr verspricht keine Jubelorgie. Mit etwas Glück gelingt es, die Kurse auf dem aktuell hohen Niveau zu halten und unter Schwankungen in eine längere Seitwärtsbewegung überzugehen.

Stellt sich dieses Glück jedoch nicht ein, drohen empfindliche Kursverluste. Sie warten möglicherweise bereits hinter der nächsten Ecke auf uns, denn grundsätzlich gilt an den Kapitalmärkten die Faustregel: Je höher die Anleihenrenditen am Rentenmarkt sind, umso schlechter ist dies für den Aktienmarkt.

Wer dieser These folgt, unterstellt, dass mehr Anleger zu Anleihen greifen und weniger Geld in Richtung Aktien fließt, wenn und solange die Zinsen steigen. In den letzten Jahren hatten wir eine gegenteilige Entwicklung, von der die Aktienmärkte massiv profitiert haben. Nun sieht es so aus, als würde das Pendel langsam wieder in die Gegenrichtung schwingen.

Der Wechsel der Pferde kommt nicht über Nacht. Aber er wird kommen!

Wer davon spricht, dass die Zinsen wieder steigen, der muss nicht zwangsläufig die von den Notenbanken festgelegten Leitzinsen meinen. Allein die Erwartung, dass die Leitzinsen in absehbarer Zeit angehoben werden, kann an den Rentenmärkten dazu führen, dass das Zinsniveau bereits steigt, während die Leitzinsen noch unverändert niedrig sind. Diesen Fall erleben wir seit Anfang 2017. Obwohl die Europäische Zentralbank noch davon spricht, die Zinsen weiterhin tief zu halten, beginnt der Rentenmarkt zu reagieren und lässt die Zinsen steigen.

Das verschärft den Druck auf die Notenbanken, denn das allgemeine Zinsniveau und die Leitzinsen sollten einigermaßen parallel laufen. Tun sie es nicht, schränkt das die Möglichkeit der Zentralbank, die Zinsen bei einer aufkommenden Krise wieder zu senken, empfindlich ein, denn die Notenbank kann nicht mehr davon ausgehen, dass der Markt ihr widerspruchslos folgt.

Erhöht wird auch der Druck auf die Aktienmärkte, denn steigende Zinsen dämpfen das zukünftige Wachstum. Es wird weniger investiert und konsumiert. Beides schmälert die Gewinne der Unternehmen. Das sind keine guten Aussichten für weiterhin hohe Dividenden und munter steigende Aktienkurse. Im Gegenteil: Dividenden wie Kurse könnten ihr mittelfristiges Hoch gesehen haben.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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