Ein Blick in die Geschichte zeigt wie gefährlich Zinserhöhungen sind

Die goldenen 20er Jahre endeten am 24. Oktober 1929 mit einem kräftigen Kurssturz. Dem sogenannten „Schwarzen Donnerstag“ folgte wenige Tage später am 29. Oktober, der „Schwarze Dienstag“, ein Tag, an dem an der Wall Street ein jeder sein Heil im schnellen Verkauf seiner Aktien suchte. Das Ende der langjährigen Börsenparty leitete die Weltwirtschaftskrise ein. An der Wall Street gaben die Kurse über einen Zeitraum von drei Jahren kontinuierlich nach und erreichten erst im Lauf des Jahres 1932 ihren Boden. Von diesem ging es in den Folgejahren bis 1937 wieder aufwärts.

Vorangegangen war dem Kurssturz an der Wall Street eine Phase des billigen Geldes. Sie hatte die US-Notenbank im August 1929 mit ihrer Leitzinsanhebung beendet. Die Weltwirtschaftskrise, oder die „Große Depression“, wie sie in den Vereinigten Staaten auch genannt wurde, war eine Zeit, in der Schulden für Private wie Unternehmen wieder zu einem Problem wurden.      

Wer sie hatte, wollte sie schnell wieder loswerden. Fatal wirkte sich aus, dass sich viele Schuldner im kurzfristigen Bereich verschuldet hatten, denn hier waren die Zinssätze während der 20er Jahre günstiger gewesen. Jetzt rächte sich, dass man um eines kleinen Vorteils willen die langfristigen Konsequenzen vollkommen aus dem Blick verloren hatte.

Viele Banken wurden nervös und forderten ihre Kredite zurück. Sie hatten auch allen Grund dazu, denn der Boom der goldenen 20er war auf Sand gebaut. Ein tragfähiges Fundament hatte er nicht. Obwohl die Banken sehr scharf reagierten und mit ihren Aktionen die strauchelnde Wirtschaft weiter abwürgten, kam die Einsicht viel zu spät. Am Ende der Krise hatten 9.000 Kreditinstitute Insolvenz anmelden und ihre Pforten für immer schließen müssen.

Der Scheinaufschwung des New Deals

Überall auf der Welt stiegen die Arbeitslosenzahlen und mit ihnen die Armut der Menschen. Die Gesellschaften radikalisierten sich. US-Präsident Herbert Hoover hatte zwar in den 1920er Jahren unter den Präsidenten Warren G. Harding und Calvin Coolidge als Handelsminister gedient, galt in der Bevölkerung aber als Technokrat, weil er vor seinem Eintritt in die Politik sehr erfolgreich als Mineningenieur gearbeitet hatte.

Mit seiner Präsidentschaft werden heute große Infrastrukturprojekte wie der Hoover Dam bei Las Vegas oder die Eröffnung des Empire State Buildings in New York aber auch protektionistische Maßnahmen wie hohe Strafzölle auf ausländische Agrar- und Industrieprodukte verbunden. Zunächst stand Herbert Hoover für Fortschritt und eine optimistische Zukunftserwartung. Am Ende seiner Präsidentschaft wurde sein Name fast nur noch mit dem Elend verbunden, das sich inzwischen ausgebreitet hatte.

Dieses Elend zu bekämpfen, war die Intention, die Nachfolger Franklin D. Roosevelt mit dem New Deal verfolgte. Der Slogan steht für eine Neuverteilung der Karten und umfasste sowohl Maßnahmen, welche die Not kurzfristig lindern sollten als auch solche zur Belebung der Wirtschaft. Abgerundet wurde das umfangreiche Maßnahmenpaket durch langfristige Reformen.

Zu den Recovery-Maßnahmen zur Erholung der Wirtschaft gehörte auch eine erneute Lockerung der Geldpolitik. Sie bescherte der US-Wirtschaft einen kurzen Aufschwung und der Bevölkerung den langfristigen Abschied vom Goldstandard. Im Hintergrund standen die vielen Bankzusammenbrüche. Nachdem bekannt geworden war, dass viele Banken auf faulen Krediten saßen, hoben die Sparer ihr Geld lieber ab und lagerten es zuhause als es weiterhin den strauchelnden Kreditinstituten anzuvertrauen.

Der Dollar wertet über Nacht um 59 Prozent ab

Den notleidenden Schuldnern wollte die US-Notenbank mit sinkenden Zinsen unter die Arme greifen. Das ging nur um den Preis einer Aufgabe des Gold-Devisen-Standards, der bei sinkenden Zinsen und einer dadurch steigenden Geldmenge die Notenbank zu einer verstärkten Einlagerung von Gold zur Absicherung ihrer Währung verpflichtete.

Wie in schon Europa wurde auch in den USA der private Besitz größerer Goldbestände verboten und die Amerikaner mussten ihr Gold zum Marktpreis von 20,67 US-Dollar an die Federal Reserve Bank verkaufen. Nachdem die US-Notenbank so das Gold des Landes an sich gebracht hatte, wurde der Goldpreis 1934 willkürlich vom einen auf den anderen Tag auf 35 US-Dollar heraufgesetzt.

Gegenüber dem Gold hatte der US-Dollar damit schlagartig 59 Prozent seines Wertes verloren. Weil das Ausland diese Abwertung nicht mitmachte und den alten Goldpreis beibehielt, verbilligten sich amerikanische Produkte gegenüber der ausländischen Konkurrenz um 15 Prozent. Der Export konnte so gefördert werden.

Zwar sank durch den New Deal die Zahl der Amerikaner, die arbeitslos oder in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen beschäftigt waren, von 24,9 Prozent im Jahr 1933 bis 1937 auf nur noch 14,3 Prozent. Doch im Jahr 1938 schnellten die Zahlen wieder auf 19,0 Prozent empor und auch Folgejahr blieb die Arbeitslosigkeit mit 17,2 Prozent vergleichsweise hoch. Vollbeschäftigung erreichten die Amerikaner erst in den Jahren nach 1941, als auch sie in den 2. Weltkrieg eingetreten waren und ihre Wirtschaft auf die Produktion von Waffen und Kriegsgütern umgestellt hatten.

Wie groß sind die Parallelen zur Gegenwart?

Der neuerliche und für die Zeitgenossen unerwartete Anstieg der Arbeitslosigkeit in den Jahren 1938 und 1939 hatte seinen Ursprung in einer neuerlichen Straffung der Geldpolitik. Auch die Aktienkurse an der Wall Street kamen wieder um mehr als 30 Prozent zurück. Die Rezession von 1937 ließ die guten Jahre davor schnell wie eine Scheinblüte erscheinen. Nicht echter Bedarf, sondern eine künstlich durch die gesenkten Zinsen und die ausgeweitete Geldmenge angeregte Nachfrage hatte den zwischenzeitlichen Aufschwung bewirkt.

Interessant ist auch die zeitliche Komponente: Acht Jahre nach dem Ausbruch der Krise und rund fünf Jahre nach dem Beginn der zweiten Phase der lockeren Geldpolitik versuchte die FED die Zinsen langsam wieder anzuheben und scheiterte. „Gerettet“ hat die Falken der Notenbank im Grunde nur der japanische Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941.

Heute versucht die US-Notenbank erneut eine geldpolitische Wende einzuleiten und die Zinsen anzuheben. Bislang scheint das Experiment zu gelingen. Aber dieser Erfolg der FED könnte erneut den Japanern geschuldet sein, denn diese haben gemeinsam mit den Europäern die Lücke, die nach dem Ausstieg der FED aus ihrem QE-Programm entstanden ist, gefüllt.

Das fehlende Geld der FED haben die Bank of Japan und die Europäische Zentralbank bereitgestellt. Nur aus diesem Grund ist von den Zinsschritten der US-Notenbank an der Börse bislang noch nicht viel zu spüren. Die wirkliche Nagelprobe steht uns also immer noch bevor und sie beginnt an dem Tag, an dem die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan ihre lockere Geldpolitik beenden werden.

Wenn die vorsichtigen Zeichen, die derzeit aus Frankfurt, Tokio und Peking gesendet werden, tatsächlich schon in naher Zukunft auf steigende Zinsen hindeuten, könnte es an den Weltbörsen sehr schnell sehr ungemütlich werden, und zwar dann, wenn weder die amerikanische noch andere Volkswirtschaften wirklich in der Lage sind, aus eigener Kraft zu überleben.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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