Der Kampf gegen das Bargeld hat viele Gesichter

Mit der martialischen Erklärung „We are declaring war on cash“, trat Visa Inc. Vorstand Andy Gerlt im letzten Jahr stolz vor die Öffentlichkeit, als er das neue Programm seines Unternehmens vorstellte. Es belohnt kleinere Händler in den USA mit 10.000 US-Dollar, wenn sie dazu übergehen, die Bezahlung ihrer Waren nur noch per Kreditkarte abzuwickeln.

Jeder so gewonnene Händler kostet Visa Inc. eine Menge Geld. Dieses Geld investiert das Kreditkartenunternehmen in seinem Kampf gegen das Bargeld aber gerne, weil es weiß, dass es über die Jahre hinweg ein Mehrfaches dieser Summe an Gebühren wieder einnehmen wird, wenn der Fisch anbeißt und den Köder schluckt.      

In den USA ist die Verdrängung des Bargelds zwar schon sehr weit fortgeschritten, doch noch immer werden rund 30 Prozent der Einkäufe bar bezahlt. Firmen wie Visa und Mastercard stören sich natürlich daran, denn sie wollen nicht nur einige, sondern sämtliche Finanztransaktionen an sich ziehen.

Der Hintergrund ist nicht nur ein geschäftlicher. Es geht zwar primär um das Geld, das man als Kreditkartenfirma verdienen kann. Aber im Hintergrund entsteht eine Macht über den Kunden, die vollkommen ist. Ohne Bargeld oder andere Formen der Bezahlung kommt niemand mehr an Firmen wie Visa vorbei. Jeder, der sein Überleben sichern und sich die dazu nötigen Dinge kaufen will, ist faktisch ein Sklave dieser Firmen.

Gegenüber der neuen Form der Kontrolle sind Datensammler wie Google und Facebook die reinsten Amateure

Firmen wie Google und Facebook haben viel Macht und Einfluss auf uns, weil sie uns durch die vielen Daten, die sie gesammelt haben, sehr gut kennen. Sie steuern uns durch die Auswahl der Werbung, die sie uns anzeigen. Wir sind vor ihnen nackt und gläsern – aber noch nicht machtlos, denn Google und Facebook können uns zwar viele Vorschläge für unseren Konsum und damit für unser privates Leben machen, vom ihm ausschließen können sie uns jedoch nicht. Im Zweifelsfall kaufen wir eben ein anderes Produkt.

Werbung kann man ignorieren und abschalten. Aber ignorieren Sie mal Ihren Hunger, wenn der Magen hartnäckig knurrt und der einzige Weg zu einem Restaurantbesuch oder zu einem Einkauf im Supermarkt über die Kreditkarte führt. An dieser Stelle werden wir nicht mehr nur mehr oder weniger kunstvoll beeinflusst und gesteuert.

Hier werden wir ohne Bargeld wie Sklaven vollkommen beherrscht. Wenn wir schön brav und artig sind, gibt es weiterhin Geld von der Karte und damit eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Spielen wir nicht mit oder mucken sogar auf, zieht man uns einfach den finanziellen Stecker und schon im nächsten Moment geht so gut wie nichts mehr.

Verbündete, die auf unserer Seite stehen, gibt es wenige. Die kleinen Händler zählen noch dazu, denn sie zahlen einen hohen Preis, wenn sie für ihre Produkte die Zahlung per Karte zulassen. Anders als mit anderen Dienstleistern, die ein Händler benötigt, hat er im Umgang mit den Kreditkartenfirmen keinen Verhandlungsspielraum.

Friss oder stirb!

Ein Händler kann sich nicht frei über Art, Umfang und ganz wichtig den Preis der angebotenen Dienstleistung mit Visa verständigen, sondern er wird vom Unternehmen gnadenlos vor die Wahl gestellt, entweder die geforderten Gebühren widerspruchslos zu akzeptieren oder Bezahlungen mit Karte in seinem Geschäft nicht anzubieten.

Bei größeren Summen mag die Bezahlung per Kreditkarte auch für den Händler Vorteile haben. Aber wenn der Kaufpreis unter zehn Dollar liegt, knabbern die hohen Gebühren den Gewinn des Händlers sehr schnell auf. Bargeld ist an dieser Stelle vielleicht ein wenig unpraktischer. Aber es ist mit Sicherheit die günstigere Alternative.

Gewonnen haben Firmen wie Visa und Mastercard den Krieg gegen das Bargeld, wenn wir keine Chance mehr haben, es einzusetzen, weil kein Händler es mehr annimmt. An dieser Stelle wird deutlich, dass „störrische“ Händler, die immer noch Münzen und Banknoten akzeptieren, nicht die einzigen Gegner für die Kreditkartenunternehmen darstellen.

Die neuen Kryptowährungen zählen ebenso dazu. Auch sie stellen prinzipiell einen Weg dar, der Macht der Banken und auch der Macht der Kreditkartenunternehmen zu entfliehen. Man braucht weder eine Bank noch eine Firma wie Visa, um mit Bitcoins zu bezahlen.

Wohin entwickeln sich die Kryptowährungen?

Geschaffen wurden die Kryptowährungen, um eine einfache und sichere Form der Bezahlung im Internet zu gewährleisten. Dieser Anspruch ist heute teilweise Realität geworden, auch wenn die Berichte über Bitcoindiebstähle auf die noch zu schließenden Sicherheitslücken verweisen.

Momentan werden die Kryptowährungen eher wie ein Investment gesehen und im letzten Jahr an den Finanzmärkten massiv gehypt. Ob der Boom und die immer noch hohen Preise von heute von Dauer sein werden, wird sich zeigen. Wünschenswert wäre jedoch eine Rückbesinnung der Bitcoin-Community auf die Bezahlfunktion.

Sie könnte später einmal der Rettungsanker sein, zu dem jeder, der sich nicht blind einem Staat oder einem Privatunternehmen hilflos ausliefern will, dankbar greift, wenn es das Bargeld eines Tages nicht mehr gibt, das Gold für die Vermögensabsicherung nicht angegriffen werden soll, aber die Einkäufe im Supermarkt an der Kasse bezahlt werden müssen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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