Folgt im Herbst der nächste Crash?

Nachdem es mit den Kursen jahrelang nur stramm aufwärtsging, sind die Anleger inzwischen schon beunruhigt, wenn die Kurse mal für ein paar Tage am Stück nicht steigen und auch nicht nur lustlos seitwärts pendeln, sondern fallen. Wenn eine normale Korrektur schon reichlich unvorstellbar geworden ist, wie ist es dann erst mit einem handfesten Crash?

2018 gab es schon einigen Grund zur Sorge und die Wahrscheinlichkeit für einen größeren Rückschlag wird von Monat zu Monat größer. Eine ganze Reihe von Gründen kann hier angeführt werden. Der Aufschwung dauert bereits neun Jahre und ist damit überreif. Eine Korrektur ist nicht nur wünschenswert, sondern vollkommen normal. Schließlich gab es im S&P 500 Index seit 1950 nicht weniger als 35 Situationen, in denen die Kurse schlagartig um zehn Prozent oder mehr nachgegeben haben.      

Die Höhe der aktuellen Aktienbewertungen ist auch kein Grund, die Korrektur noch länger hinauszuschieben. In den USA sind die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGVs) viel schneller gewachsen als die Unternehmensgewinne selbst. Dieses Missverhältnis führt dazu, dass der US-Aktienmarkt trotz der jüngsten Abgaben immer noch höher steht, als er stehen solle.

Dass die Zinsen steigen und die extensive Versorgung der Märkte mit billigem Geld schon bald enden wird, ist den Anlegern auch schon aufgefallen. Entscheidende Rückschlüsse aus diesem Wissen gezogen, haben sie allerdings noch nicht. Gerade die ab September nochmals reduzierten und im Dezember 2018 ganz auslaufenden Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank könnten aus der Rückschau betrachtet zu einer Art Weckruf werden.

Dunkle Wolken über Fernost

Nach der Finanzkrise war China die wirtschaftliche Lokomotive, die die Welt wieder aus der Krise herausgeführt hat. Nicht nur aus Dankbarkeit, sondern auch im Wissen um die Bedeutung, die das chinesische Wachstum noch immer für die Weltkonjunktur hat, schauen die Investoren immer wieder mit Sorge nach Fernost.

Die jüngsten Zahlen zum Wachstum fielen jedoch ernüchternd aus. Aufhorchen lässt auch der Kupferpreis. Er brach im Juni deutlich ein und beendete seine steile Aufwärtsbewegung. Als wichtigstes Industriemetall ist Kupfer ein bedeutender Indikator. Preisanstiege wiesen in der Vergangenheit immer auf eine gesteigerte Nachfrage und damit auf einen wirtschaftlichen Aufschwung hin. Sinkende Kupferpreise sind hingegen ein deutliches Warnsignal.

Die Anleger sind aus gutem Grund beunruhig, denn die Probleme im Reich der Mitte sind nicht zu unterschätzen. Die Staatsverschuldung hat auch hier inzwischen ein Niveau erreicht, das besorgniserregend ist. Die US-Investmentbank Goldman Sachs taxiert die Schulden des chinesischen Staates inzwischen auf 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Auch die privaten Schulden sind hoch und gerade hier lauert eine latente Gefahr, die momentan nur von wenigen Marktteilnehmern gesehen wird: Chinas Aktienmärkte sind zu einem großen Teil bereits verpfändet. Sie sind als Sicherheiten für Kredite hinterlegt. Jeder stärkere Kursrutsch an den Börsen in Shanghai und Shenzhen ist damit geeignet, eine Verkaufslawine auszulösen, wenn der Wert der Sicherheiten fällt und die Schuldner den Banken gleichzeitig keine anderen Sicherheiten zur Verfügung stellen können.

Die negative Spirale des geliehenen Geldes

Je tiefer die Kurse fallen, desto mehr Anleger geraten unter Druck und müssen ihre Aktien praktisch zu jedem Kurs zwangsweise verkaufen. Das setzt weitere Investoren unter Druck, die ihrerseits verkaufen müssen. Schnell entwickelt sich eine Spirale, die allein den Kreditorgien der Vergangenheit geschuldet ist. Doch während Kredite und neue Schulden bislang eher kurstreibend waren, könnten sie im nächsten Crash dafür sorgen, dass die Kurse auf der schiefen Bahn erst recht keinen Halt mehr finden.

Die Investmentbank Bank of America Merrill Lynch schätzt, dass chinesische Aktien im Gegenwert von sechs Billionen Yuan, das sind umgerechnet rund 788 Milliarden Euro, als Pfand für Kredite hinterlegt sind. Trifft diese Annahme zu, sind gut zehn Prozent aller chinesischen Aktien verpfändet und die Zahl der als Sicherheit für Kredite hinterlegten Aktien ist heute vier Mal so groß wie noch vor drei Jahren.

Man darf an dieser Stelle nicht vergessen, dass der chinesische Aktienmarkt nicht mehr der kleine, überschaubare und vor allem abgeschlossene Markt ist, der er noch vor 15 oder 20 Jahren war. Heute wird an den chinesischen Börsen und mit chinesischem Kapital ein weitaus größeres Rad gedreht. Wir brauchen nur einmal kurz an den Beginn des Jahres 2016 zurückzudenken, um zu erahnen, welche Schockwellen ein Crash hier rasch rund um die Welt senden kann.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass ein großer Teil der chinesischen Aktien als Sicherheit für jene Kredite dient, mit denen Brokerhäuser ihre Kunden zu einer verstärkten Spekulation ermuntern wollen. Dass der Shanghai Composit in diesem Monat deutliche Kursverluste zu verzeichnen hatte, mahnt vor diesem Hintergrund zu noch größerer Vorsicht.

Überreife Früchte fallen auch ohne Wind vom Baum

Welches Ereignis die Blase platzen lässt und die jahrelange Euphorie zum Kippen bringen wird, darüber darf noch spekuliert werden. Die Krise könnte wieder in den USA ihren Ausgang nehmen, der entscheidende Sack Reis könnte aber auch in China umfallen. Ebenso gut denkbar ist, dass das Drama in einem Land oder einer Region angestoßen wird, die zunächst niemand auf dem Schirm hat, etwa so wie in 2007, als das kleine Island die weltweite Finanzkrise ins Rollen brachte.

Egal, wo der Auslöser des Crashs am Ende zu suchen sein wird. Seinen einzigen und entscheidenden Grund wird auch er, wie viele Crashs zuvor, im vielen billigen Geld haben, mit dem die Welt in den letzten Jahren von den Notenbanken überschwemmt wurde.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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