Der Notenbank-Crash ist näher als viele denken

Die Monate August und September sind für die Anleger nie leichte Zeiten gewesen. Das Handelsvolumen an den Finanzmärkten dünnt im Sommer stark aus und so können auch kleine Ausschläge schnell eine große Wirkung entfalten. Vor dem Oktober fürchtet sich ohnehin alle Welt, denn er gilt vielen als der ultimative Crash-Monat.

Aus diesem Grund tendieren vorsichtige Zeitgenossen dazu, sich bereits im September von ihren Positionen zu trennen, sodass auch die Performance dieses Monats Jahr für Jahr nicht zu den besten zählt. Dem Markt fehlen oftmals die Käufer um das größere Verkaufsinteresse auszugleichen und die Kurse befinden sich schnell auf der schiefen Bahn.      

Die saisonale Entwicklung mahnt zur Vorsicht. Sie verspricht für die nächsten Monate eher trübe Aussichten mit viel Katzenjammer und wenig Partystimmung. Zusätzlich droht stärkerer Gegenwind von den Notenbanken, insbesondere der Europäischen Zentralbank.

Da die Anleger mittlerweile selbst auf kleine Kursrückgänge so geschockt reagieren, dass einige sofort von einem Crash zu reden beginnen, wenn die Kurse mal für ein paar Tage den Rückwärtsgang einlegen, muss vorausgeschickt werden, dass all das, also die saisonal schwachen Spätsommer- und Herbstmonate und die handelsüblichen Korrekturen nicht gemeint ist, wenn hier vom bevorstehenden Notenbanken-Crash die Rede ist.

Die Stimmung ist besser als die Realität

Blasen setzen eine verzerrte Wahrnehmung der Anleger voraus. Ohne diese könnte sich anschließend die Euphorie gar nicht entwickeln, die benötigt wird, um die Kurse nicht nur auf hohe, sondern am Ende auf völlig überzogene, absurd hohe Niveaus zu treiben. Das bedeutet im Gegenzug: Will man überprüfen, ob Anzeichen für eine Blase vorhanden sind, sollte man immer die an den Märkten vorherrschende Stimmung mit der Realität abgleichen.

Die Stimmung ist immer noch relativ gut, auch wenn die Kurse nicht mehr von einem Rekordhoch zum anderen eilen. Der Aktienmarkt erfreut sich des robusten Wirtschaftswachstums und ignoriert die vielfältigen geopolitischen Risiken. So weit so gut oder besser gesagt: so weit so weltfremd.

Rund um den Globus schreiben sich Politiker und Notenbanker die positive Entwicklung der letzten Jahre auf ihre Fahnen und rühmen sich, für den Erfolg verantwortlich zu sein. Ein kritischer Blick auf die Inflationszahlen bringt jedoch schnell Ernüchterung. Vor etwa drei Jahren, als die EZB meinte, eine aufkommende Deflation bekämpfen zu müssen, lag die Inflationsrate zwar bei knapp unter null Prozent, doch das lag allein an den stark gefallenen Energiepreisen. Die Kerninflationsrate lag bei gut einem Prozent.

Auf diesem Niveau liegt sie noch heute, auch wenn die Inflationsrate mit dem Ölpreis zwischenzeitlich auf über zwei Prozent gestiegen ist. Was hat sich in den letzten drei Jahren also wirklich geändert? Die Inflation, welche die EZB mit ihren Maßnahmen zu erzeugen hoffte, ist nicht gekommen und es scheint, als sei die Förderpolitik der OPEC für die Inflationsrate entscheidender gewesen als die expansive Geldpolitik der EZB.

Ein zweifelhaftes Wachstum

Immerhin ist die Wirtschaft gewachsen, gerade in den Problemstaaten der Eurozone, werden nun manche Befürworter der Politik des leichten Geldes einwenden. Auf den ersten Blick trifft diese Aussage zu. Aber ein Wachstum von 1,5 Prozent ist noch nicht der Boom, von dem alle begeistert sprechen. Auch die positive Entwicklung der Arbeitslosenzahlen ist nur bedingt positiv zu werden. In Deutschland, der mit Abstand wichtigsten Volkswirtschaft der Eurozone, ist das Beschäftigungswachstum etwa genauso groß wie das Wirtschaftswachstum. Was so viel bedeutet wie die Produktivität stagniert.

Wenn Deutschlands Firmen wachsen, ohne produktiver zu werden, wächst die Gefahr, mit den eigenen Produkten langfristig am Weltmarkt nicht mehr mithalten zu können. Wir sind kein Billiglohnland. Aus diesem Grund kann sich Deutschland ein Wachstum ohne gleichzeitigen Produktivitätsfortschritt nicht leisten. Für den Augenblick mag diese Beobachtung nicht stören, doch auf lange Sicht ist sie fatal, denn sie bedeutet, dass auch hierzulande durch die Politik des leichten Geldes Unternehmen künstlich am Leben gehalten werden, die eigentlich dem Untergang geweiht sind.

Die damit kultivierte und vor allem konservierte Unproduktivität und Ineffizienz bindet nicht nur volkswirtschaftliche Produktionsmittel. Sie ist auch vor dem Hintergrund der durch die Digitalisierung zu erwartenden Veränderung unserer Arbeitswelt eine große Gefahr. Wenn es heißt, dass innerhalb von zehn bis fünfzehn Jahren fast die Hälfte der Arbeitsplätze durch die zu erwartende Verdopplung der Produktivität in akuter Gefahr ist, dann ist ein Wachstum ohne Produktivitätssteigerung nichts anderes als eine Fahrkarte in die globale wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit.

Gestützt werden die unproduktiven Unternehmen mit den niedrigen Zinsen. Diese senken ihre Refinanzierungskosten so weit ab, dass sie an der Nulllinie oder darunter angekommen faktisch nicht mehr erwirtschaftet werden müssen. Pleiten können so zumindest kurzfristig vermieden werden. Langfristig sind sie jedoch unausweichlich, denn eine Firma, die die Kosten ihrer Kredite nicht mehr erwirtschaften kann, wird früher oder später Konkurs anmelden müssen. Diese Konkurse werden momentan nicht zugelassen. Doch auch für die Gelddrucker der EZB und der Bank of Japan gilt: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Das dicke Ende kommt erst noch

Steigen die Zinsen, kommt für jene Unternehmen der Moment der Wahrheit. Auch viele private Schuldner werden sich und ihrer Bank dann eingestehen müssen, dass sie sich verhoben haben und überschuldet sind. Die Zahl der ausfallenden Kredite wird dann nicht nur sprunghaft steigen, sondern sofort auch die Banken in eine Schieflage bringen.

In diesem Moment braucht eine Bank ein ausreichend großes Eigenkapitalpolster. Dieses ist nicht vorhanden und auf die Schnelle auch nicht zu erzeugen, weil die Banken schon seit Jahren wegen der niedrigen und negativen Zinsen kein Geld mehr verdienen. So entsteht ein Teufelskreis, aus dem es im Grunde kein Entrinnen mehr gibt. Die Zinsen müssten dringend steigen, damit die Banken endlich wieder Geld verdienen, und die Zinsen dürfen auf gar keinen Fall steigen, weil dann die Bilanzen der Geldinstitute zu viele faule Kredite ausweisen.

Die „Lösung“ der Notenbanken für dieses Problem besteht darin, dem Zins seine wirtschaftliche Steuerfunktion zu nehmen. Er ist nicht mehr ein Maß für das mit einer Anleihe verbundene Risiko, sondern er wird künstlich so weit nach unten manipuliert, dass Kreditnehmer und Kreditgeber auf Dauer ihr Marktgespür verlieren. Je länger dieser unnatürliche Zustand anhält, desto größer sind die Schäden, denn was gewinnt eine Gesellschaft, die sich einreden lässt, dass das Außergewöhnliche völlig normal sei?

Zukunftsfähigkeit ist es jedenfalls nicht, die in diesen Tagen gewonnen wird. Eher eine selbst verschuldete Blindheit, die am langen Ende zu einem bösen Erwachen führen wird. Dieses böse Erwachen ist der Startschuss zum großen Notenbank-Crash. Er wird kommen, wenn der Markt das angemessene Risiko für einen Kredit wieder selbst bestimmt.

Dieser Punkt ist weder besonders utopisch noch extrem fern. Er wird dann erreicht sein, wenn den Notenbanken ihre Käufe beenden oder ihnen die Kräfte schwinden, weil es am Markt nichts mehr gibt, das sie aufkaufen könnten, um die Zinsen weiter nach unten zu manipulieren.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden und Bekannten, damit auch Ihre Freunde die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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