Das Crashrisiko hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht

Bernd Heim
By Bernd Heim / 3. September 2018

Zu den Kernkompetenzen eines Politikers gehören die Fähigkeit, Probleme je nach Lage entweder groß- oder kleinzureden und das Potential, Kompromisse zu schließen. In der Politik trifft man sich gerne auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner und kann damit anschließend gut leben. An den Finanzmärkten hingegen bedeutet der gemeinsame Nenner den absoluten Stillstand.

Die Börsen leben davon, dass es zwei einander extrem konträr gegenüberstehende Lager gibt. Der Käufer will kaufen, der Verkäufer verkaufen. Was sie eint, ist allein der Wunsch aktiv zu werden, mehr nicht. In allen anderen Fragen sind sie komplett anderer Meinung und auch gewillt, diese beizubehalten.      

Wäre es anders, würde der Handel schon im nächsten Moment zum Erliegen kommen, weil entweder alle verkaufen oder kaufen möchten aber sich auf der Gegenseite niemand findet, der es ihnen durch ein entgegengesetztes Handeln ermöglicht, diesen Wunsch in die Realität umzusetzen.

Zwar kennt auch die Börse den sprichwörtlichen Herdentrieb, wenn gleichzeitig alle zum Ein- oder Ausgang zu stürmen scheinen. Allerdings wird leicht übersehen, dass jedem Kauf auch in diesen Phasen ein Verkauf gegenüberstehen muss und quasi durch die Hintertüre ein Ausgleich zu der Bewegung auf der Vorderseite stattfindet.

Je pluraler die Börse, desto geringer die Schwankungen

Enge Märkte und Moden im Anlageverhalten führen natürlich dazu, dass das ideale Gleichgewicht immer nur ein Ideal bleiben wird. Mal treffen viele Käufer auf wenige Verkäufer, mal viele Verkäufer auf nur noch wenige Käufer. Im einen Fall steigen die Kurse rasant, im anderen scheinen sie ins Bodenlose zu fallen.

Diese Schwankungen sind für die Trader das Salz in der Suppe. Sie faszinieren, laden zu schnellen Gewinnen ein und machen den Reiz der Börse aus. Doch wenn sie zu groß werden, weil die Systeme so gestaltet sind, dass sie bestehende Ungleichgewichte auch noch verstärken, dann schmeckt auch die köstlichste Suppe irgendwann einmal versalzen.

Schon seit einigen Jahren kann man an den Finanzmärkten beobachten, dass die Bewegungen immer gleichmäßiger und dabei immer extremer werden. Für die Anleger bedeutet dies, dass ihre Chancen, in einer Krise auf andere Märkte auszuweichen, immer geringer werden, weil heute nicht nur ein Markt oder eine Branche abzustürzen scheint, sondern alle gleichzeitig.

Am stärksten ausgeprägt war dieses Phänomen während der Finanzkrise, als sogar die klassische Krisenwährung Gold abverkauft wurde und noch US-Staatstitel und Bargeld ihren Wert behielten. Im Anschluss an diese Krise hätte es eigentlich das Ziel sein müssen, die Einseitigkeiten des Marktes aufzubrechen und neue, ausgleichende Elemente zu installieren.

Die Regulierung treibt das Risiko

Das Gegenteil war jedoch der Fall. Geleitet vom Ziel, die Risiken fortan zu mindern, wurden sie durch die Maßnahmen der Politik faktisch deutlich erhöht. Versicherungen und Banken wurden mit billigem Notenbankgeld versorgt und gleichzeitig gezwungen, dieses größtenteils in „sichere“ Staatsanleihen anzulegen.

Damit trug die Finanzbranche maßgeblich zur Rettung des Euros bei. Dieser Effekt war gewünscht. Nicht gewünscht war der Effekt, dass wenn alle Jahre lang das Gleiche kaufen und dann im selben Moment zum Ausgang streben, dieser zwangsläufig viel zu eng sein wird.

In einer Krise ist jede Anlage, selbst das gute Gold oder die sichere griechische oder deutsche Staatsanleihe, immer nur das wert, was ein Anderer für sie zu zahlen bereit ist, und das ist im Zweifelsfall nicht viel und im schlimmsten Fall gar nichts. Hier beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz. Die Banken mögen zwar auf Anlagen sitzen, die gemeinhin als „sicher“ gelten, doch ohne einen funktionierenden Markt sind diese Anlagen unverkäuflich und damit faktisch wertlos.

Egal, ob es um Schrottanleihen oder Staatsschulden mit höchster Bonität geht, ohne einen Käufer auf der Gegenseite mutiert das „Wertpapier“ ganz schnell zu einem Papier ohne jeden Gegenwert. Steht der erst einmal in den Bilanzen, ist es um die Stabilität der gesamten Branche schnell geschehen.

Von Kartenhäusern und Kettenreaktionen

Ein Grund, warum in den letzten Monaten an der Börse insbesondere die Finanzwerte wieder so stark unter Druck gekommen sind, ist hier zu suchen. Weil alle Banken mehr oder weniger das Gleiche gekauft haben und niemand im Zweifel bereitstehen wird, es ihnen abzukaufen, fürchten die Anleger die nächsten Bilanzpressekonferenzen wie der Teufel das Weihwasser.

Steigende Zinsen lassen alte Anleihen im Kurs fallen. Da die US-Notenbank die Zinswende im Dezember 2015 eingeleitet und mit ihrer Zinsanhebung vom Dezember 2016 fortgesetzt hat, können auf die vielen öffentlichen und privaten Anleihen in den Bilanzen der Banken mit niedrigen oder gar negativen Zinssätzen langfristig nur Wertabschreibungen zukommen. Wer diese nicht als Aktionär, sondern entspannt an der Seitenlinie miterleben will, der verkauft besser rechtzeitig.

Wenn Sie jetzt noch berücksichtigen, dass die Anleger immer mehr zu extrem harten Entscheidungen tendieren und das Risiko entweder ganz oder gar nicht wollen, wird verständlich, warum sich eine Fülle von Sicherheitsverkäufen leicht zu einem veritablen Crash ausweiten kann. Die um sich greifende Panik erreicht dann auch schnell andere Branchen und schon fallen die Bond-, Aktien- und Rohstoffmärkte in schöner Eintracht.

Eine berechenbare Form des Wahnsinns

Sie fragen sich gerade, wo das Spiel enden wird? Nun, preislich dürfte die Nulllinie immer die letzte Auffangstellung darstellen. Sie dürfte nur in den seltensten Fällen dauerhaft unterschritten werden.

Und zeitlich? Anhalten wird die Abwärtsbewegung so lange, bis irgendjemand hervortritt und den Anlegern glaubhaft zu versichern vermag, dass es nun wieder an der Zeit ist, den Schalter umzulegen und ins Risiko zu gehen.

Wann das geschehen wird, wissen wie immer nur die Götter. Nur eines lässt sich jetzt schon mit hoher Sicherheit prognostizieren: Die Türe, durch die alle hinauswollen, ist auch die, durch die hinterher alle wieder hineinmüssen.

Sie ist und bleibt eng. Beängstigende Crashs und steile Aufwärtsbewegungen sind deshalb so zwangsläufig und unvermeidlich wie das Amen in der Kirche. Bei dieser hohen Gewissheit könnte man schon fast wieder geneigt sein, auf sie zu setzen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden und Bekannten, damit auch Ihre Freunde die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: