Der Traum von Reichtum auf Kredit ist nicht zum ersten Mal ausgeträumt

Bernd Heim
By Bernd Heim / 27. September 2018

Die goldenen 20er waren eine Zeit, an die man sich nach dem Zweiten Weltkrieg gerne erinnerte. Es war in der Rückschau eine glückliche Zeit. Die Welt war noch nicht aus den Fugen geraten, die meisten Menschen in Lohn und Arbeit und die Staaten hatten noch keinen Grund militärisch aufeinander loszugehen.

Diese Sicht auf die 1920er Jahre ist auch heute noch weit verbreitet, doch sie ist und bleibt ein Zerrbild jener Epoche. Golden waren, wenn überhaupt, nur die Jahre zwischen 1924 und 1928, also in Deutschland die Zeit nach der Hyperinflation und vor dem New Yorker Börsenkrach, der den Beginn der Weltwirtschaftskrise markierte.      

Friedlich waren die 1920er Jahre keineswegs. Weder im Inneren noch im Äußeren. Die Pariser Vorortverträge, mit denen die Alliierten 1919 den Ersten Weltkrieg beendet hatten, hatten die neuen Grenzen so willkürlich gezogen, dass neue Konflikte vorprogrammiert waren. Ihr Ausbruch war im Grunde nur noch eine Frage der Zeit.

Dass die Konflikte in den 1920er Jahren noch nicht ausgetragen wurden, lag weniger an der allgemeinen Friedfertigkeit der Menschen und Staaten, sondern mehr an ihrer körperlichen und wirtschaftlichen Erschöpfung. Der lange Weltkrieg hatte Ressourcen verbraucht, die Wirtschaften geschwächt und eine allgemeine Kriegsmüdigkeit hervorgerufen. In einer solchen Situation stürzt man sich nicht gleich in den nächsten Kampf, sondern versucht erst einmal wieder zu Kräften zu kommen. Derweil schwelen die aufgebauten Konflikte weiter und fördern langsam aber sicher die Aggression.

Der Aufstand der Abgehängten und Zukurzgekommenen

Die 1920er Jahre waren auch eine sehr moderne Zeit. Immer mehr Autos befuhren die Straßen, der Tonfilm wurde erfunden und das Radio hielt Einzug in die Wohnzimmer. Der Fortschritt war allgegenwärtig. Er hatte aber einen hohen Preis, denn er wurde mit günstigen Krediten erkauft. Sie waren kurzfristig finanziert und konnten von den Banken deshalb relativ leicht und schnell zurückgefordert werden.

Das geschah nach dem Schwarzen Freitag an der Wall Street immer öfter. Schulden waren nun nicht mehr der Schlüssel zum eigenen Anteil am Fortschritt und damit zu mehr Reichtum, sondern ein gewaltiges Problem, das alle so schnell wie möglich loswerden wollten.

Wer noch etwas zu verkaufen hatte, der verkaufte es, um damit seine Kredite zu tilgen. Besonders jene, die nur aufgenommen worden waren, um damit an der Börse zu spekulieren. Die Konsequenz war eine deflationäre Welle, die in schneller Folge über alle Länder und Branchen hinwegfegte.

Der Traum von Reichtum auf Kredit war schnell ausgeträumt und wandelte sich quasi über Nacht zu einem Albtraum aus Massenarbeitslosigkeit und Elend. Er war anders als heute für alle sichtbar, denn das Arbeitslosengeld wurde bar ausgezahlt und vor den Ämtern bildeten sich lange Schlangen.

Die Angst um die eigenen Ersparnisse radikalisiert die Gesellschaften

Auch vor den Bankschaltern bildeten sich lange Schlangen, denn eine Katastrophe wie die von 1923 wollte man nicht noch einmal erleben. Dazu war der Schock der Hyperinflation noch viel zu präsent und die Angst vor einem erneuten Verlust aller Ersparnisse durch Bankzusammenbrüche war allgegenwärtig.

Bedroht wurden die Menschen aber dieses Mal nicht von einer ausufernden Inflation, sondern ausgerechnet von jenen Kreditexzessen, die sie die zurückliegenden Jahre als „goldene 20er“ hatten erleben lassen. Als Auslöser der Krise und Startschuss für die danach folgende Misere gilt heute der New Yorker Börsenkrach.

Viel entscheidender als die Kursverluste der Wall Street waren jedoch die Auswüchse der Vorjahre, nicht nur die der goldenen 20er, sondern auch die der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Damals war die Welt schon einmal ähnlich stark globalisiert wie heute. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Grenzen so offen und die Märkte weltweit so stark integriert, wie es heute wieder der Fall ist.

Man schätzte die Vorteile, brauchte zum Reisen bisweilen nicht einmal Pässe und kaufte auch ohne Internet weltweit ein und ließ sich die bestellten Waren anschließend bequem nach Hause liefern. Kriege waren weit weg, und wenn man von ihnen las, dann höchstens in der Tageszeitung, dem Hauptmedium der damaligen Zeit.

Die Kluft zwischen Arm und Reich war auch damals viel zu groß

Ausgeblendet wurden die Kehrseiten dieses angenehmen Lebensstils der Reichen und Gutsituierten. Damals wie heute standen den Gewinnern der Globalisierung viele Verlierer gegenüber. Sie verloren in den Umbrüchen ihre Arbeit, waren in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt und gewannen kaum an Einkommen hinzu. Als der weltweite Handel ins Stocken geriet und die Globalisierungsgewinne von der reichen Elite abgeschöpft waren, waren sie die Ersten, die die Zeche zu zahlen hatten und ihre Existenz verloren.

Wer selbst so gut wie alles verliert und gleichzeitig mit ansehen muss, dass einige wenige Reiche alles besitzen und ihren Reichtum täglich steigern, der radikalisiert sich leicht. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat berechnet, dass zum Ende der 20er-Jahre die reichsten zehn Prozent der US-Bevölkerung ein Einkommen in Höhe von fast 50 Prozent des gesamten Nationaleinkommens einstrichen. Ein extrem hoher Wert, der erst in diesem Jahrzehnt wieder erreicht wurde.

Der Einfluss des Finanzsektors war enorm. Spekulanten bestimmten über ganze Volkswirtschaften und das durchschnittliche Gehalt von Bankern lag um mehr als 50 Prozent über dem Durchschnitt aller Beschäftigten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Angestellten im Finanzsektor wieder genauso gut bezahlt wie alle anderen Angestellten auch. Erst in unserer Zeit fallen die Einkünfte der Finanzjongleure und der übrigen Bevölkerung wieder so extrem auseinander wie 1929 kurz vor dem Beginn der Weltwirtschaftskrise.

Der Unmut im Volk führte schnell zu einer Radikalisierung der Gesellschaften. Nicht nur in Deutschland zersplitterte die politische Mitte und die radialen Parteien am rechten und linken Rand des Spektrums gewannen massiv an Zulauf. Andere Länder erlebten ähnliche Entwicklungen. Beispielsweise Spanien, das zwischen 1936 und 1939 in einem dreijährigen blutigen Bürgerkrieg versank.

Die Stunde der Lautsprecher hat wieder geschlagen

Die 1930er Jahre waren alles andere als „golden“. Sie waren aggressiv, laut, schrill und wirtschaftlich gekennzeichnet von einem zunehmenden Protektionismus. Das Rad der Globalisierung wurde bewusst zurückgedrängt. Am Ende stand wieder ein großer Krieg. Er wurde allerdings anders als der Erste Weltkrieg nicht begonnen, um einen großen wirtschaftlichen Konkurrenten aus dem Feld zu drängen, sondern geführt, um die Ergebnisse des ersten zu korrigieren.

In den 1930er-Jahren fürchteten sich die Amerikaner vor der Einwanderung zu vieler europäischer Wirtschaftsflüchtlinge. Heute werden die ins Land strömenden Latinos kritisch gesehen und Mauern und Zäune zu ihrer Abwehr erwogen. Europa driftete in den 1930er-Jahren politisch nach rechts. Heute sind in Polen, Ungarn, Frankreich, Italien, Österreich und Deutschland ähnliche Bewegungen zu beobachten.

Zufall? Nein, keineswegs. Historiker, die diese politischen Veränderungen systematisch untersucht haben, fanden heraus, dass die Gesellschaften in allen Ländern auf einen Börsen- bzw. Bankencrash mit einem Rechtsruck reagieren. Im Schnitt gewinnen die rechten Parteien nach Finanzkrisen bei den Wahlen 40 Prozent der Stimmen hinzu.

Vor diesem Hintergrund ist Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten weder ein Einzelfall noch ein unbedeutender Betriebsunfall, sondern einfach nur die logische Konsequenz einer ungesunden Mischung aus grenzenloser Spekulation, überdrehter Globalisierung, hemmungsloser Kreditaufnahme und einer sich massiv öffnenden Schere zwischen Arm und Reich.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Die Informationen auf 7vor8.de sind für Sie kostenlos. Trotzdem: Jeder Artikel basiert auf einer gründlichen Recherche und verursacht eine Menge Aufwand. Deshalb meine Bitte an Sie: Teilen Sie diese Kolumne mit Ihren Freunden und Bekannten, wenn Sie möchten, dass auch Ihr persönliches Umfeld von diesen wertvollen Informationen profitiert.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: