Lassen Sie die Entwicklung in China nicht unberücksichtigt

Die Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung in China sind in den vergangenen Monaten wieder etwas in den Hintergrund getreten. Sie sind aus den Augen, vielleicht auch aus dem Sinn, aber aus der Welt sind sie damit noch lange nicht.

Oberflächlich betrachtet ist die Welt im Reich der Mitte noch vollkommen in Ordnung. Die Regierung verkündet ein jährliches Wachstum von rund 6,5 Prozent und verbreitet weiterhin Zuversicht und Optimismus.      

Ein jährliches Wachstum von sechs bis sieben Prozent, das sind zwar nicht mehr die Traumzahlen vom Anfang des Jahrhunderts, doch jedes europäische Land wäre froh, wenn es in seinen Statistiken einen ähnlich hohen Wert ausweisen könnte.

Obwohl die Oberfläche weiterhin glänzt, bleiben dennoch Zweifel, denn die amtlich veröffentlichten Zahlen aus Peking wollen nicht so ganz zu den binnenwirtschaftlichen Verwerfungen passen, die in China zunehmend zu beobachten sind.

Hohe Leerstände und Überkapazitäten

Im ganzen Land sollen 65 Millionen Wohnungen leerstehen. Zwar leben viele Chinesen noch immer in ärmlichen Verhältnissen und wären sicher froh, in eine dieser freien Wohnungen ziehen zu können, doch leisten können sie sich diesen Luxus nicht.

Am realen Bedarf vorbei zu produzieren, in diesem Fall zu bauen, ist ein typisches Element von Blasen und Blasen pflegen für gewöhnlich mit einem lauten Knall zu platzen. Chinas Bauwirtschaft scheint diesen Knall gerade zu vernehmen.

Mit der Bauwirtschaft steht und fällt auch das Bruttoinlandsprodukt, denn rund ein Fünftel der Wirtschaftsleistung wird in diesem Sektor erarbeitet. Ein starker Rückgang der Bautätigkeit wird auch die Stahlindustrie sofort in größere Bedrängnis bringen.

Schon jetzt ist die Lage angespannt, denn im Land gibt es Kapazitäten zur Produktion von 840 Millionen Tonnen Stahl. Zum Vergleich: In US-amerikanischen Hochöfen können pro Jahr nur etwa 110 Mio. Tonnen Stahl erzeugt werden und allein Chinas überschüssige Hochöfen entsprechen der gesamten Stahlkapazität Deutschlands.

Letzter Ausweg Export?

Dem schon vorhandenen Druck wird dadurch begegnet, dass man den erzeugten Stahl derzeit zu Tiefstpreisen auf den Weltmarkt wirft. Die Konsequenzen spüren weltweit alle Stahlerzeuger, wodurch das Problem einer ganzen Industrie noch einmal verschärft wird. Ein Grund für die von Donald Trump verhängten Strafzölle ist hier zu suchen.

Angestrebt hatte die chinesische Regierung in den vergangenen Jahren einen Umbau der Wirtschaft des Landes. Der Schwerpunkt sollte weg von billiger Massenware zunehmend auf qualitativ hochwertigere Produkte verlagert werden. Zumindest in der Stahlindustrie scheint das Ziel nicht erreicht worden zu sein. Hier gilt offenbar immer noch das Prinzip Masse vor Qualität.

In anderen Bereichen scheint es ähnlich zu sein. Die von der Zentralbank als Reaktion auf die neuen US-Zölle vorgenommene Abwertung des Yuan weist eindeutig in diese Richtung. Sie begünstigt durch die geschwächte Landeswährung chinesische Massenware auf dem Weltmarkt gegenüber der Konkurrenz aus anderen Ländern und hebelt einen Teil der Zölle gleich wieder aus.

Die Börsen in Shanghai und Shenzhen haben diese Entwicklung im Grunde nur vorweggenommen. Seit der Handelskrieg mit den USA ein Thema geworden ist, legen sie den Rückwärtsgang ein. Selbst wenn es der Regierung mit ihren drastischen Maßnahmen gelingen sollte, die Kurse zu stabilisieren, ist die Gefahr noch lange nicht gebannt.

Wie viel Pessimismus verträgt das Land?

Noch viel schwerer als die schwindsüchtigen Kurse dürfte das Wirtschaftswachstum auf dem hohen Niveau zu halten sein. Nicht nur gegen den Pessimismus der Anleger kann man nur schwer Dämme bauen.

Mit den Sorgen der Bevölkerung verhält es sich ähnlich. Auch sie hält sich merklich zurück und kauft und investiert weniger, wenn sie befürchten muss, dass sich ihre wirtschaftliche Lage bald verschlechtert.

Damit geraten auch die Geschäfte der deutschen Anbieter im Reich der Mitte sehr schnell in Gefahr. Autobauer wie Volkswagen, BWM, Audi und Daimler spüren den aufkommenden Gegenwind bereits. Aber auch andere Sektoren laufen Gefahr, Umsätze und sicher geglaubte Gewinne zu verlieren.

Dem exportlastigen DAX und den auf dem Frankfurter Parkett agierenden Anlegern dürfte diese Entwicklung gar nicht behagen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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