Das niedrige Zinsniveau birgt weiterhin große Risiken

Bernd Heim
By Bernd Heim / 9. Oktober 2018

Zur Inflation haben wir Deutschen ein sehr angespanntes Verhältnis. Zweimal löste sich in den letzten hundert Jahren die Reichsmark in inflationäre Luft auf. Das hat Spuren hinterlassen, die auch heute noch nachwirken, selbst wenn die Masse der heute lebenden Deutschen die extrem schädlichen Auswirkungen der Inflation nur vom Hörensagen bzw. aus den Geschichtsbüchern kennt. Wenn überhaupt hat man die inflationären Schübe der 1970er Jahre persönlich miterlebt.

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank ist für die meisten Anleger auch deshalb ein Problem, weil im Hintergrund immer unausgesprochen die Frage steht, was geschehen wird, wenn die Inflationsrate wieder anzieht. Werden die Zinsen dann mit der Inflation steigen oder werden sie langsamer steigen?    

Im besten Fall werden sie schneller steigen als die Teuerung. Doch diese Hoffnung dürfte bei den meisten Landsleuten nur schwach ausgeprägt sein. Die Masse der Sparer fürchtet, dass die Zinsen bei steigender Inflation zu langsam angehoben werden. Eine derart zögerliche Zinspolitik der Notenbanken würde die Spargroschen noch schneller entwerten, als es jetzt schon der Fall ist.

Einzelne rechnen gar mit einer Hyperinflation. Die extrem gewachsene Geldmenge muss sich eines Tages auch in höheren Verbraucherpreisen niederschlagen, und wenn der Bann erst einmal gebrochen ist, dann gibt es für die Preise am Ende kein Halten mehr, sagen sie. Pfiffige Werbetexter greifen diese Ängste gerne auf und gießen sie verkäuferisch geschickt gemacht in jene Schauermärchen, die Sie anschließend in Ihrem E-Mail-Postfach vorfinden.

Schon ein kleiner Anstieg der Inflation hat große Folgen

Man muss jedoch kein notorischer Schwarzseher sein und bald wieder Weimarer Verhältnisse fürchten, um einem Anstieg der Inflation mit Sorge entgegenzusehen. Der Grund dafür liegt im ausgesprochen niedrigen Zinsniveau und in der Höhe der allgemeinen Verschuldung.

Weil die Zinsen in den vergangenen Jahren so günstig waren, konnte sich ein jeder mehr Schulden leisten. Das fing bei den Konsum- und Immobiliendarlehen an und endete bei den Unternehmenskrediten. Nicht umsonst sehen wir derzeit ambitionierte Preise für Häuser und Wohnungen auf dem Immobilienmarkt und satte Prämien, die bei der Übernahme eines Konkurrenten gezahlt werden.

Zwar sind viele dieser Kredite mit einer Zinsbindung versehen, doch auch die längste Fixierung des Zinssatzes läuft eines Tages aus. Spätestens an diesem Tag sind die aktuell gegebenen Zinsen zu zahlen. Ob dies den Kreditnehmern dann noch möglich sein wird, ist eine sehr entscheidende Frage. Lautet die Antwort ’nein‘, wird der Verkaufsdruck steigen, weil der Druck der Schulden zu groß wird.

Doch schon bevor die Zinsbindungen in Masse auslaufen, werden die Preise reagieren. Sie müssen schon allein deshalb sinken, weil die Zahl der Käufer, die sich bei allgemein steigenden Zinsen hohe Zinslasten noch leisten kann, immer geringer wird. An dieser Stelle bringt das niedrige Zinsniveau einen weiteren Effekt ins Spiel.

Die Zinslast wird explodieren

Besonders teuer wird eine steigende Inflation, die zu steigenden Zinsen führt, für den deutschen Finanzminister. In Zeiten negativer Zinsen bekommt er sogar Geld dafür, wenn er sich welches leiht. Diese traumhaften Zustände sind inzwischen vorbei. Zwar werden Olaf Scholz bzw. seine Nachfolger in den nächsten Jahren keine extrem hohen Zinsniveaus zu zahlen haben. Doch selbst ein Anstieg der Zinsen für Staatsanleihen von 1,0 auf 2,0 Prozent verdoppelt die Zinslast.

Dieser Effekt wirkt auch bei den privaten Schulden. Auch hier wird die Zinslast selbst dann spürbar steigen, wenn die Zinssätze nur um 0,5 oder um einen Prozentpunkt steigen. Mancher Eigenheimbesitzer könnte schon bald mit der Situation konfrontiert sein, dass seine Zinslast sich verdoppelt hat. Um sie zu bedienen, muss entweder die Tilgung reduziert oder an anderer Stelle gespart werden.

Hässliche Bremsspuren im privaten Konsum und im Investitionsklima sind dann die Folge. Sie sind uns näher, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, denn es kündigt sich weltweit eine Trendwende bei der Inflation an. Im Jahr 2015 stiegen die Verbraucherpreise in den USA noch um moderate 0,1 Prozent. Inzwischen steht eine Eins vor dem Komma. Ähnlich stellt sich die Lage in Europa dar.

Die Notenbanken müssen schneller reagieren als zunächst geplant

Die Finanzmärkte rechneten sehr lange damit, dass die US-Notenbank die Zinsen nur sehr, sehr langsam anheben wird. Im Konsens wurde noch im Oktober 2016 damit gerechnet, dass die US-Zinsen noch im Sommer 2019 bei nur einem Prozent liegen werden. Heute ist der Sommer 2019 noch ein gutes Jahr entfernt, das im Oktober 2016 für den kommenden Sommer prognostizierte Zinsniveau ist aber bereits erreicht.

Auch für die Zinsen in Europa wurde kein schneller Anstieg erwartet. Inzwischen ist man auch hier vorsichtiger geworden. Die Notenbanken werden nicht nur reagieren müssen, sie werden vermutlich auch schneller und früher reagieren müssen, als bislang angenommen wurde.

In diesem Fall droht an den Finanzmärkten ein Beben, denn nicht nur die Aktien sind extrem hoch bewertet. Auch die Anleihen von Staaten und Unternehmen notieren auf Kursniveaus, die bei steigenden Zinsen nicht lange zu halten sind.

Ein verhältnismäßig geringer Anstieg der Leitzinsen könnte somit schnell enorme Verwerfungen hervorrufen. Kommen externe politische oder ökonomische Schocks noch hinzu, dürfte die Lage schnell ausgesprochen ungemütlich werden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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