Ist der Protektionismus wirklich die Lösung für die Krisen unserer Zeit?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 10. Oktober 2018

Es klang bereits an, dass die aktuelle Entwicklung auffällige Parallelen zum Verlauf der 1920er und 1930er Jahre aufweist. Wir sind also aufgerufen sehr genau hinzuschauen und aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, denn Parallelen zu den 1940er Jahren wünscht sich wohl niemand.

Weit verbreitet ist das Vorurteil, dass sich die Geschichte wiederholen würde. Diese Position kann man nur dann vertreten, wenn man gleichzeitig davon ausgeht, dass wir Menschen erstens keine Individuen sind und zweitens nicht selbstbestimmt agieren. Als Individuen sind wir einzigartig und unterscheiden uns damit bei aller Ähnlichkeit von jedem anderen Menschen, der vor uns gelebt hat oder nach uns leben wird.     

Wenn wir gleichzeitig davon ausgehen, dass unsere Entscheidungen und Handlungen im Wesentlichen selbstbestimmt sind, dann bedeutet dies, dass bei ähnlich gelagerten Problemstellungen unterschiedlich agiert und entschieden wird, weil erstens keiner von uns Napoleon, Julius Caesar oder Bismarck ist und zweitens niemand unsere Taten und Gedanken so beeinflussen kann, dass eine exakte Kopie der Geschichte entsteht.

Dieser kleine philosophische Exkurs ist wichtig, denn er wirkt wie eine Befreiung. Wir leben nicht in einem ewig gleichen Hamsterrad und sind auch nicht die Marionetten, bei denen andere die Strippen ziehen, sondern wir haben die Möglichkeit, frei zu entscheiden. Katastrophen können sich erneut einstellen, wenn es auch uns nicht gelingt, eine gute Lösung zu finden. Aber sie müssen sich nicht zwangsläufig wiederholen.

Die Sehnsucht nach dem starken Mann

Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie reimt sich immer wieder. Will heißen, wir stehen wie die Generationen vor uns oftmals vor ähnlichen Herausforderungen. Im Augenblick lauten die wichtigsten Anforderungen, das zum Scheitern verurteilte Fiat Money-System zu reformieren und in seiner jetzigen Form zu beenden und die Fehler einer unkontrollierten Globalisierung zu korrigieren, ohne die Vorteile des freien Welthandels zu verlieren.

Neben dem politischen Rechtsruck unserer Gesellschaften fällt auf, dass immer mehr Politiker in den Vordergrund drängen, die sich als starker Mann bzw. starke Frau zu profilieren suchen und mit der Überzeugung antreten, sie hätten die Lösung für die uns plagenden Probleme gefunden. Meist sind es sehr einfache und griffige Lösungen. Sie bauen in der Regel auf zwei Elementen auf: einem Sündenbock, der angeblich für die Misere die Schuld trägt, und einer einfach umzusetzenden Maßnahme.

Die Sorge um die eigenen Arbeitsplätze wurde in Jahr 2016 gleich zweimal mit Ausgrenzung beantwortet. Zunächst stimmten die Briten gegen die offenen Grenzen des europäischen Binnenmarkts. Anschließend votierten die amerikanischen Wähler für Donald Trump, also für Handelsrestriktionen gegen Exportnationen wie China und eine Mauer entlang der mexikanischen Grenze.

Interessant ist, dass die Briten als die großen Verfechter des Liberalismus und eines ungestörten, offenen Welthandels schon einmal als Erste den Stecker gezogen haben. 1931 gaben sie den Gold-Devisen-Standard auf. Er hatte das britische Pfund an das Gold und die übrigen europäischen Währungen mit festen Wechselkursen an das Pfund gebunden. Zentraler Ankerpunkt dieses Systems war, dass die britischen Pfundnoten bei der Bank of England anstandslos gegen Gold getauscht werden konnten.

Schon einmal brachte Großbritannien den Stein ins Rollen

Als die Bank of England ihrer Umtauschverpflichtung nicht mehr nachkam, war das System faktisch am Ende. Es folgte ein Wettlauf der Abwertungen und Abschottungen, der den Welthandel schnell kollabieren ließ. Erschreckend ist die Geschwindigkeit, mit der sich diese Entwicklung vollzog. Einmal in Gang gesetzt, entwickelte sie eine zuvor nicht für möglich gehaltene Dynamik.

Die Franzosen, eigentlich die engsten Verbündeten Großbritanniens, werteten ihren Franc ab und erhoben Zölle auf britische Waren. Andere Länder folgten umgehend und es entstand ein Abwertungswettlauf bei den Währungen, wie wir ihn auch jetzt wieder erleben. Die positive Einstellung zum Bezug von Waren aus dem Ausland verkehrte sich rasch in ihr Gegenteil und die Grenzen wurden wieder zu schwer überwindbaren Barrieren.

Nicht nur in Deutschland radikalisierte sich die Mittelschicht. Groß war die Angst vor dem sozialen Abstieg und mindestens ebenso groß war die Sehnsucht nach einem Ständestaat, also einem sozialen Gefüge, in dem jeder seinen festen, vorbestimmten Platz hat. Damals hatten die herrschenden Eliten keine Antwort auf die immer stärker um sich greifende Krise. Ihre Sprachlosigkeit bildete den perfekten Hintergrund für Lautsprecher wie Hitler und Mussolini.

Man kann darüber streiten, ob die Amerikaner bei der letzten Präsidentenwahl wirklich für Donald Trump gestimmt haben. Vielleicht haben sie sich auch einfach nur gegen Hillary Clinton entschieden, die das System der schon immer herrschenden Eliten verkörpert, wie kaum ein anderer amerikanischer Politiker. Dass dieser Gedanke nicht ganz abwegig ist, zeigte die Kandidatenkür der Republikaner. Jeb Bush, der wie Hillary Clinton ebenfalls aus einer alten „Präsidentenfamilie“ stammt, ging ebenso klaglos unter. Er hatte gegen Donald Trump in den Vorwahlen nicht den Hauch einer Chance.

Wird der Kampf um die Herzen wieder bei den Arbeitsplätzen entschieden?

Dass die Lautsprecher massiv ins Rampenlicht drängen, ist nicht erst seit der Wahl Donald Trumps eine beklemmende Gewissheit. Entscheidend wird nun sein, mit welchen Mitteln sie der Krise zu Leibe rücken, nachdem sie ins Amt gewählt wurden. In der Opposition lässt sich bekanntlich viel fordern. An den Schalthebeln der Macht hält sich aber nur der, der mit seinen Maßnahmen auch Erfolg hat.

Als Erste aus der Weltwirtschaftskrise heraus kamen Länder wie Deutschland, die auf große Infrastrukturprogramme wie den Autobahnbau und die militärische Aufrüstung setzten. In den USA dauerte die Krise am längsten, weil Roosevelts Politik des New Deal scheiterte. Sie endete hier erst mit dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor und dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten.

Hitler errichtete eine Diktatur und heimste dennoch in den ersten Jahren seiner Herrschaft sehr viel Zustimmung ein. Man hielt ihm zugute, dass der die Menschen von der Straße holte. Dazu bediente er sich eines Tricks. Bei der Auftragsvergabe wurden zunächst jene Firmen bevorzugt, die wenig Maschinen und viel Personal einsetzten. Erst einige Jahre später, als Arbeitskräfte wieder knapp waren, änderte man das Verfahren und bevorzugte Unternehmen mit einem hohen Maschinenanteil.

Dieser Punkt könnte auch in den kommenden Jahren von großer Bedeutung sein, denn in Ländern wie Spanien und Griechenland, wo die Jugendarbeitslosigkeit hoch ist, wächst eine verlorene Generation heran. Sie benötigt eine Perspektive, die nicht nur der Kampfeinsatz in einem zukünftigen Krieg sein sollte. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass unsere moderne Technik die Arbeit des Menschen immer überflüssiger macht, Stichwort autonomes Fahren etc., dann wird deutlich, wie groß die Gefahr ist und wie leicht man geneigt sein könnte, außenpolitische Abenteuer als Lösung des Problems anzusehen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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