Ein wirklich freier Markt braucht keine zinspolitische Steuerung

Bernd Heim
By Bernd Heim / 18. Oktober 2018

In Deutschland gibt es den Rat der Wirtschaftsweisen. Das Gremium berät die Bundesregierung bei ihren wirtschaftlichen Entscheidungen und allein seine Existenz suggeriert, dass es da ein paar Experten gibt, die wissen, wovon sie reden.

Dass die Regierung anschließend auf diese Experten hört, suggeriert wiederum, dass die Wirtschaft eine von der Politik steuerbare Größe ist, denn wäre sie es nicht, bräuchte die Politik erstens nicht auf den Rat der Wirtschaftsweisen zu hören und könnte zweitens die Hände in den Schoß legen und sich aufs Nichtstun beschränken.      

Was aber, wenn beide Grundannahmen falsch sind? Wenn es erstens das postulierte Wissen so nicht gibt und zweitens die aus ihm abgeleitete Steuerfunktion ein Irrglaube ist? In diesem Fall wäre ein großer Teil unserer wirtschaftspolitischen Anstrengungen nichts weiter als der zum Scheitern verurteilte Versuch mit einem Fahrrad fliegen zu wollen.

Wissen ist nicht gleich Wissen

Vom Wissen müsste man fordern, dass es statisch und außerdem zentral verfügbar ist. Das gilt für bestimmte Bereiche, aber längst nicht für alle. Wir wissen zum Beispiel, wo Rom geographisch verortet ist, wo auf der Karte wir es zu suchen haben und wir wissen, dass sich dieses Wissen über die Zeit nicht verändert, denn die italienische Hauptstadt wird sich nicht einfach über Nacht um mehrere Hundert Kilometer nach Norden oder Süden verschieben.

Richtet man seinen Blick jedoch auf die Einwohnerzahl, ist es um das „Statische“ dieses Wissens schnell gesehen, denn sie ändert sich fortlaufend, mal mehr mal weniger. Es ist eine dynamische Größe und auch das Wissen um sie ist immer nur eine Momentaufnahme und damit dynamischer Natur.

Übertragen auf die volkswirtschaftlichen Probleme bedeutet dies, dass wir zunächst einmal zu klären haben, ob die Faktoren, die wir untersuchen, und die Daten, die wir erheben wollen, statischer oder dynamischer Natur sind. Sind sie statischer Natur, kann ein entsprechendes Wissen leicht aufgebaut werden.

Sind sie jedoch dynamischer Natur, weil sie sich permanent verändern, kann nichts und niemand dieses Wissen jemals für sich beanspruchen, denn in dem Moment, da es beansprucht wird, ist es bereits wieder hinfällig, weil alles ständig im Fluss ist.

Das volkswirtschaftliche Wissen ist dynamischer Natur

Damit ist nicht gesagt, dass diejenigen, die sich um dieses Wissen bemühen, geistig minderbemittelte Idioten erster oder zweiter Klasse sind, sondern nur, dass sich dieses dynamische Wissen wie Wasser in unserer Hand einem festen Zugriff des Verstandes weitgehend entzieht.

Wer sich mit der Volkswirtschaft beschäftigt, muss die Präferenzen der Konsumenten kennen. Aber jetzt mal ehrlich: Kennen Sie Ihre eigenen Präferenzen? Und wenn ja, kennen Sie sich so gut, dass Sie heute schon wissen, welche Ihrer vorhandenen und unter Umständen miteinander konkurrierenden Präferenzen in einem halben Jahr kaufentscheidend sein werden?

Wir wissen, dass unsere Präferenzen wechseln, einerseits, weil wir selbst in unseren Wünschen schwankend sind und zum anderen, weil die Wechselfälle des Lebens dazu führen könnten, dass eine heute weniger bedeutsame Präferenz in einem halben Jahr von besonderer Dringlichkeit sein kann.

Wenn wir selber also schon zugeben müssen, dass unsere Konsumpräferenzen eine höchst flexible, nur schwer zu greifende Angelegenheit darstellen, um die wir selbst nur unzureichend Bescheid wissen, wie soll dann erst ein anderer, außenstehender Experte dies verlässlich beurteilen können?

An diesem Punkt müssen Pläne zwangsläufig scheitern

‚Kein Schlachtplan überlebt den ersten Feindkontakt‘. Militärs drücken mit diesem Satz aus, dass selbst der beste Plan scheitern muss, wenn er dem beständigen Spiel von Aktion und Reaktion ausgesetzt ist und diesem Spiel keine Rechnung trägt. Es muss anschließend unbedingt Anpassungen an die sich immer dynamisch verändernde Lage geben, ansonsten droht ein Scheitern und möglicherweise sogar eine Katastrophe.

Das ist einer der Gründe, warum die zentralen Planungen des Sozialismus scheitern mussten und auch bei zukünftigen sozialistischen Experimenten scheitern müssen. Sie sind viel zu starr und auch viel zu unflexibel, um mit der sich schnell verändernden Lage zurechtzukommen.

Wer einmal verstanden und für sich akzeptiert hat, dass Volkswirtschaften viel zu komplex sind, um sie jemals vollständig verstehen und vor allem steuern zu können, der wird sich bei seinen Entscheidungen zukünftig sehr viel Zurückhaltung auferlegen.

Volkswirtschaften sind eine Art sich permanent selbst neu ordnendes Chaos. Es wird gekauft und verkauft und über den Prozess der Preisfindung richten sich die einzelnen Wirtschaftssubjekte stets neu aus. Sie verwirklichen oder verkneifen sich ihre Konsumpräferenzen je nach dem, welche Aspekte ihnen gerade wichtiger sind.

Der Preis ist die wichtigste Funktion im System

Auf diese Art und Weise lenken sie begrenzte Ressourcen wie zum Beispiel Rohstoffe. Sie fließen, weil sie Geld kosten, primär dorthin, wo sie besonders gewinnbringend und sinnvoll eingesetzt werden. Fehlentwicklungen werden so schnell korrigiert und neu aufkommende Bedürfnisse ebenso rasch erkannt und entsprechend schnell befriedigt.

Es ist auf den ersten Blick ein Paradox, dass diese Systeme gerade dann besonders gut funktionieren, wenn man von außen nicht in sie eingreift. Diese Erkenntnis widerspricht jedoch dem Selbstverständnis vieler Staatsplaner und Politiker, die sich selbst gerne in einer viel aktiveren Rolle sehen als die des teilnahmslos zuschauenden Beobachters. Wir sind deshalb gut beraten, allen Versuchen, von außen in das sich wunderbar selbst regulierende System einzugreifen, einen Riegel vorzuschieben.

Ganz wichtig dabei ist der Preis, denn er wird von allen verstanden, auch wenn der Prozess, wie er zustande kommt, für die meisten ewig ein Rätsel bleiben wird. Ich mag als Konsument vielleicht nicht wissen, warum ein Preis gerade steigt oder fällt, aber ich werde auf ihn sofort reagieren, und weil alle anderen das auch tun, wird sich die Gruppe der Konsumenten als Gesamtheit in ihren Präferenzen neu ausrichten und ihre knappen Geldressourcen genau dahin lenken, wo im Augenblick die höchsten Präferenzen und damit wirtschaftlich die höchsten Renditen zu finden sind. Langfristig fördert genau dieser Prozess den allgemeinen Wohlstand.

Der Zins ist der Preis des Geldes, das neben den Rohstoffen eine unserer wichtigsten Ressourcen ist. Dass ausgerechnet er seitens der Notenbanken einer massiven Manipulation ausgesetzt und damit seiner genuinen Steuerfunktion beraubt ist, ist die eigentliche Krankheit, an der unser Wirtschaftssystem heute leidet. Es wäre gut und wünschenswert, wenn sie möglichst schnell wieder geheilt werden könnte.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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