Verdienen die Notenbanken noch unser Vertrauen?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 19. Oktober 2018

Man soll sich als Anleger bekanntlich nicht gegen die Notenbank stellen. Aber heißt das im Gegenzug, dass man ihr blind folgen soll? Diese Frage treibt seit Ende 2015 bereits einige Anleger um und es könnten bald noch mehr Investoren sich diese wichtige Frage stellen.

Im Hintergrund steht das Vertrauen, dass die Marktteilnehmer den Zentralbanken entgegenbringen. Es war groß in den vergangenen neun Jahren, weil allgemein die Meinung vorherrschte, dass es allein den Notenbanken und ihrer Politik des leichten Geldes zu verdanken war, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise nach 2008 so rasch überwunden werden konnte.      

Dabei bildete sich eine ein wenig schizophren anmutende Zweckgemeinschaft heraus. Die Zentralbanken waren der Ansicht, dass es der Wirtschaft nicht so gut gehe, wie es ihr eigentlich gehen sollte, und fluteten den Markt mit billigem Geld. Die Börse jubelte, denn mehr Geld aus dem Nichts verstand sie als Zeichen für höhere Kurse. Das half mit, die Bevölkerung glauben zu lassen, die schwierigste Phase der Krise sei überwunden.

Die Anleger hätten sich aber auch ebenso gut ängstigen und die Kurse auf Talfahrt schicken können, denn eigentlich ist das viele Geld der Notenbanken doch nur ein Zeichen dafür, dass es der Wirtschaft nicht so gut geht. Wäre es anders, hätten sich FED, EZB und Bank of Japan bequem zurücklehnen und abwarten können. Aber genau das taten sie nicht.

Ist die Lage zu gut für steigende Kurse?

Als Folge dieser Politik spielte der Markt sieben Jahre lang ‚Verkehrte Welt‘: Schlechte Nachrichten nährten die Hoffnung auf weitere QE-Programme und wurden mit Kursgewinnen gefeiert, gute Nachrichten hingegen ängstlich mit Abschlägen quittiert, weil die Gefahr bestand, in Zukunft vom billigen Geld der Notenbanken abgeschnitten zu werden.

Begünstigt wurde diese Sicht der Dinge auch dadurch, dass weltweit nahezu alle Zentralbanken die gleiche Politik verfolgten, die Zinsen senkten und die Märkte mit frischem Geld beglückten.

Mit dieser Einigkeit ist es nun vorbei, denn während die Peoples Bank of China weiterhin für eine Ausweitung der Geldmenge steht, schließen die Bank of Japan und die Europäische Zentralbank langsam ihre Schleusen. Am weitesten vorangeschritten ist, die amerikanische FED. Sie zog bereits zum wiederholten Mal die Zügel an und hat für 2019 weitere Zinsschritte in Aussicht gestellt. Andre Zentralbanken dürften ihr in Kürze folgen.

Der jetzt schon ansatzweise sichtbare Riss wird dabei umso größer, je schneller die US-Notenbank die Zinsen anhebt und je mehr Zentralbanken weltweit auf den neuen Kurs der FED einschwenken und ihre Zinssätze ebenfalls anheben.

Angespannte Nerven und enttäuschte Hoffnungen

Dabei müssen wir berücksichtigen, dass die Notenbanken seit Anfang der 1990er Jahre eine recht einheitliche und harmonische Geldpolitik betrieben haben. Es gab nur wenige Abweichungen und auf die wichtigen Schritte wurden die Märkte immer mit aller Vorsicht und Behutsamkeit vorbereitet.

All das hat mit dazu beigetragen, dass das Vertrauen des Marktes in die Aktionen der Notenbanken beständig wuchs und nahezu unerschütterlich wurde. Auch jetzt wieder gehen die Notenbanken, insbesondere die FED und die EZB, ausgesprochen vorsichtig vor und bemühen sich, an den Märkten kein Porzellan zu zerschlagen. Dennoch kommt Unsicherheit auf.

Deutlich zu spüren war diese aufkommende Unruhe Ende 2016, als die Hoffnung der Anleger, die Europäische Zentralbank werde ihr Anleihenkaufprogramm nicht nur verlängern, sondern auch intensivieren, von Mario Draghi erneut enttäuscht wurde.

Die Delle in den Charts wurde zwar anschließend schnell wieder ausgeglichen, doch übersehen sollte man sie nicht, denn hier liegt eine gewisse Gefahr für die Entwicklung der europäischen Aktienkurse.

Weitere Enttäuschungen sind unvermeidlich

Ein wenig erinnerte die Marktreaktion an trotzige Kinder. Gerade das macht sie so gefährlich, weil unberechenbar. Mario Draghi und Haruhiko Kuroda, der Chef der japanischen Notenbank, könnten in den kommenden Monaten mit Blick auf die FED gezwungen sein, das eine oder andere Mal etwas mehr Zurückhaltung zu üben und die Zinsen schneller anzuheben als dem Markt und den überschuldeten Kreditnehmern lieb sein kann.

Damit wären weitere Enttäuschungen unausweichlich. Ob sie gleich wieder zu heftigen Kursverlusten führen werden, bleibt abzuwarten. In jedem Fall sollten wir aber von einer bremsenden Wirkung ausgehen. Der Himmel ist dann nicht mehr die Grenze, weil zu viele Anleger Angst haben, sie könnten die Bodenhaftung verlieren.

Kritisch wird es auch, wenn der Markt und die Notenbanken auf längere Sicht zu einer unterschiedlichen Bewertung der Lage kommen. In diesem Fall wären zu viele Anleger der Ansicht, die FED würde ihre Zinsen zu schnell erhöhen oder die EZB und Bank of Japan würden viel zu langsam dem Beispiel der US-Notenbank folgen.

In diesem Fall sind nervöse Marktreaktionen, die sich in einer erhöhten Volatilität niederschlagen, unvermeidbar. Die Schwankungsbreite des Marktes wird aber auch so steigen, weil die bisher einheitliche Geldpolitik der Zentralbanken mit jeder weiteren Zinserhöhung der FED Geschichte ist und es nun wieder divergierende Ansätze gibt, die immer offenkundiger werden.

Zentralbanken als Hauptquelle für Volatilität

Allein die daraus resultierende Unsicherheit, welche Geldpolitik denn nun die richtige ist, dürfte zu höheren Risiken und damit zu stärkeren Kursausschlägen führen. Für zusätzliche Unruhe könnte auch das Bestreben führen, die eigene Währung weiter zu schwächen. Es ist derzeit nicht nur in Europa, China und Japan zu beobachten.

Hinzu kommt, dass die bisherige Geldpolitik der Notenbanken nicht über jeden Zweifel erhaben war. Generell werden die unübersehbaren Nebenwirkungen der Maßnahmen immer stärker kritisiert. Zu nennen sind hier die ungleiche Wohlstandsverteilung und die Ausbildung von Hypes und Blasen bei verschiedenen Anlageklassen, die früher oder später wie Kartenhäuser wieder in sich zusammenfallen werden.

Nimmt man alle diese Punkte zusammen, stehen die Märkte möglicherweise wieder vor einem Paradigmenwechsel. Die Notenbanken, die bislang als Hort der Stabilität und „Wohltäter“ gesehen wurden, könnten zunehmend zu einem Faktor werden, der Angst, Unsicherheit und damit Volatilität begünstigt.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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