Die Sparer bleiben weiterhin die Geprellten

Die Zeiten der niedrigen und teilweise sogar negativen Zinsen scheinen vorbei. Das hinter ihnen stehende Experiment ist faktisch gescheitert. So deutlich sagt das zwar niemand, schon gar kein führender Repräsentant der westlichen Notenbanken, doch die in diesen Tagen vorsichtig vollzogene Wende in der Zinspolitik stellt einen untrügerischen Hinweis darauf dar, dass wir in der Frage der Zinsen erneut vor einem Paradigmenwechsel stehen.

Seit der Finanzkrise lautete das Motto, die Zinsen könnten gar nicht niedrig genug sein. Es war ein Irrweg. Das haben die Notenbanken in der Zwischenzeit erkannt. Die Banken sind mit den niedrigen und negativen Zinsen nicht zurechtgekommen. Ihnen brachen die Einnahmen weg und Banken, die keine Gewinne mehr machen, sind früher oder später von der Pleite bedroht.      

Nun weiß aber jeder Zentralbanker, dass unser modernes Papiergeld erstens in dem Augenblick geschaffen wird, in dem Banken neue Kredite vergeben und zweitens, dass sich das Wort Kredit vom lateinischen ‚credere‘ ableitet. Ein Wort, das man im Deutschen am besten mit dem Begriff Vertrauen übersetzt.

An dieser Stelle ergibt sich eine recht einfache Gleichung: Fehlt das Vertrauen, fehlen auch die Kredite, weil sie nicht mehr nachgefragt bzw. gewährt werden und mit den nicht vergebenen neuen Krediten fehlt auch das neue Geld, das die Wirtschaft beleben soll. Vergibt eine Bank einen Kredit, schafft sie neues Geld. Verlangt sie für diesen Kredit anschließend einen positiven Zinssatz, fordert sie vom Schuldner mehr Geld zurück als ursprünglich ausgegeben wurde.

Mangelware Geld

Mit anderen Worten: Im Kapitalismus fehlt immer Geld. Wird diese Geldknappheit chronisch, droht das System vollständig zusammenzubrechen. Fehlt das Geld nur bei einzelnen Schuldnern, so brechen allein diese zusammen, während das System weiter besteht. Erst zu seinem Ende hin werden die Einzelzusammenbrüche so zahlreich, dass auch das Gesamtsystem wegen Überschuldung nicht mehr zu halten ist.

Das Ziel der Geschäftsbanken und Notenbanken ist es, diesen Zeitpunkt so weit wie möglich in die Zukunft hinauszuschieben. An dieser Stelle setzt das neue Paradigma zur Zinspolitik der Notenbanken ein. Man hat nämlich erkannt, dass negative Zinsen wohl nicht die Lösung des Problems sind, weil bevor die Lösung erreicht wird, die Banken längst verstorben sind und damit auch das Fiat-Money-System selbst zu Grabe getragen werden muss.

Es muss also ein Weg gefunden werden, der die Banken ebenso überleben lässt wie das moderne Papiergeldsystem – zumindest für einige Jahre. Das hätte nebenbei auch den Vorteil, dass die Unternehmen deutlich weniger leiden, weil ihre geldwerten Pensionsforderungen in Zeiten mit positiver Inflation und positiven Zinsen leichter zu erwirtschaften sind als in einer Negativzinsphase.

Gedacht waren die negativen Zinsen, um die überschuldeten Staaten länger über Wasser zu halten und geplant war eine Verringerung der Zinslast relativ zur gesamten Wirtschaftsleistung. Der dazu benötigte negative Realzins wurde zwar erreicht. Die negativen Konsequenzen der niedrigen Zinsen ausgleichen konnte er jedoch nicht.

Negative Realrendite als Konstante

An dieser Stelle setzt das neue Zinssystem ein. Es ersetzt das Regime der niedrigen und bisweilen negativen Zinsen durch positive. Das hilft den Banken und bietet den Sparern vordergründig wieder einen Anreiz zum Sparen. Konstant ist jedoch die Komponente einer negativen Realrendite. Diese wird erreicht, wenn die vereinnahmten Zinsen die Höhe der Inflation nicht ausgleichen.

Gelingt es den Notenbanken, die Zinsen beispielsweise auf zwei Prozent anzuheben und die Inflation auf vier Prozent steigen zu lassen, so tritt für den Sparer derselbe Effekt ein, wie bei negativen Zinsen von zwei Prozent. Allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Die Flucht ins Bargeld hilft nicht mehr.

Im Gegenteil, sie verschärft das Renditeproblem sogar noch. Durch den höheren Zinssatz werden die Sparer quasi gezwungen, ihr Geld wieder in das Finanzsystem und hier insbesondere in den Bankenkreislauf einzuführen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zur Situation der vergangenen Jahre, in denen große Anleger wie zum Beispiel Versicherungen und Pensionskassen große Tresorkapazitäten vorhielten und mit Bargeld bestückten, um den negativen Zinsen zu entgehen.

Kann dieses Experiment gelingen? Es kann, zumindest kann seine Einführung von den Notenbanken recht einfach bewerkstelligt werden. Der Anstieg darf nur nicht zu schnell erfolgen. Das ist darstellbar, denn die Notenbanken kontrollieren das kurz- und langfristige Zinsniveau beinahe perfekt. Sie haben mit ihren Anleihenkäufen in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, das Zinsniveau abzusenken. Setzen sie mit diesen Käufen nun aus, wird sich dieser Prozess wieder umkehren und das Zinsniveau steigen.

Kein Ausweg aus der Zins- und Inflationsfalle

Die Kunst besteht nun darin, mit den Käufen nur solange auszusetzen, bis das gewünschte Niveau erreicht ist. Soll dabei gleichzeitig der Realzins negativ gehalten werden, müssen die Notenbanken die geldpolitische Gangart verschärfen und bewusst Inflation erzeugen. Sie müssen dafür sorgen, dass die Geldmenge entsprechend wächst, denn im Gegensatz zur Teuerung, die einen kurzzeitigen Nachfrageüberhang beschreibt, ist die Inflation im Grunde nur ein monetäres Phänomen. Sie entsteht immer dann, wenn neues Geld ausgegeben wird, dem keine wirtschaftliche Leistung gegenübersteht.

Der klassische Weg dazu ist die Finanzierung von Konjunkturprogrammen und staatlichen Ausgaben über die Notenpresse. Auch die Ausgabe von Helikoptergeld wäre denkbar. Es hat allerdings den Nachteil, dass es als eine verzweifelte Maßnahme daherkommt und entsprechend Unruhe in der Bevölkerung stiften könnte.

Deshalb sind kreditfinanzierte Infrastruktur- und Sozialprogramme der bessere, weil unverfänglichere Weg. Vordergründig schafft er Arbeit und Einkommen und hinter der Fassade, auf die alle immer nur starren, werden die Guthaben real entwertet, weil ihre Kaufkraft trotz positiver Zinsen mit der Inflation nicht mehr mithält.

Wundern Sie sich deshalb nicht, wenn die Zinsen in den kommenden Monaten wieder auf rund zwei Prozent steigen. Solange die Inflation gleichzeitig auf vier Prozent ansteigt, rentiert sich das Spiel für Notenbanken und Staaten. Die Schulden werden relativ zum Bruttoinlandsprodukt weniger und der einfache Sparer, der nur auf den Zinssatz und nicht auf seine reale Rendite schaut, zahlt wie immer die Zeche.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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