Der Abwertungswettlauf wird scheitern

Bernd Heim
By Bernd Heim / 5. November 2018

Die japanische Notenbank kämpft gegen einen zu starken Yen, die Europäische Zentralbank um einen schwächeren Euro und die amerikanische Federal Reserve Bank dürfte mit einem noch stärkeren US-Dollar auch ihre Probleme haben. Am liebsten wäre allen Dreien, was leider nicht geht, eine massive Abwertung der eigenen Währung, um auf den Weltmärkten besser bestehen zu können.

Der Gedanke hinter den Abwertungen ist der Traum von einem Wohlstand, für den andere bitteschön zahlen sollen. Konkret die Konsumenten der Produkte der eigenen Industrie. Sie tauschen harte Dollars gegen weiche Euros oder Yens und kaufen nur noch im Ausland, weil es dort so schön günstig ist.      

Mit ihren Käufen vergrößern sie die Margen der exportierenden Unternehmen, steigern damit auch die Gewinne der Industrie und am langen Ende ziehen selbstverständlich auch die Aktienkurse an.

Das freut Pensionskassen und Privatanleger gleichermaßen, denn die einen können weiterhin die Renten zahlen und die anderen fühlen sich reicher und lassen deshalb den einen oder anderen Euro oder Yen mehr springen, den sie sonst eisern gespart hätten.

Die Theorie scheitert leider an der Wirklichkeit

Heraus kommt die perfekte ‚Win-win-Situation‘, von der jeder profitiert – zumindest in der Theorie. Wird die Theorie auf die Praxis losgelassen, zeigen sich aber früher oder später jene Widersprüche, die Zweifel an ihrer Richtigkeit nähren.

Die USA waren jahrelang der Vorreiter dieser Politik der schwachen Währung. Mit welchem Erfolg? Sind die Amerikaner jetzt reicher? Nominal ja, aber leider nicht alle. Die, die immer schon Geld hatten, haben jetzt noch mehr und die, die immer schon wenig hatten, sind noch etwas weiter abgerutscht.

Der amerikanischen Industrie geht es mittelprächtig, also nicht mehr ganz so schlecht, wie in den Krisenjahren, aber längst noch nicht wirklich gut. Ein sich selbst tragender solider Aufschwung hat sich nicht eingestellt.

Trotzdem galt das amerikanische Model für Europäer und Japaner bislang als der Weisheit letzter Schluss. Wäre es anders, hätte man sich in den letzten Jahren wohl nicht dazu entschlossen, es zu kopieren.

Auch Japan und Europa scheitern an der Praxis

In Japan wünscht man sich im Grunde schon seit den frühen 1990er Jahren ein bisschen mehr Inflation. Der letzte Gewaltakt der Bank of Japan sollte sie endlich erzwingen. Doch die Erfolge sind eher mager.

Die Firmen haben gut verdient und die Aktienkurse stiegen planmäßig, doch nun kämpft auch die Börse in Tokio mit Verlusten und wie immer, wenn die Welt in einen Krisenmodus einschwenkt, wertet der Yen auf.

Setzt sich diese Entwicklung fort, wackeln die Renten, denn Pensionsfonds, die mit ihren Aktivitäten an der Börse Verluste einfahren, werden früher oder später Probleme bei der Auszahlung der Renten haben.

Der viel beschworene Wohlstandseffekt der künstlichen Abwertung der eigenen Währung ist ein psychologischer Effekt. Er verkehrt sich ebenso leicht in sein Gegenteil, wenn die Währung plötzlich wieder steigt und die Aktienkurse an der Börse den Rückwärtsgang einlegen.

Was ist die Steigerung von ‚alles‘?

Auch in Europa sind die Börsen mit einem kräftigen Schnupfen in das Börsenjahr 2018 gestartet. Die Geldillusion, welche die Anleger Anfang 2015 noch jubeln ließ, ist einer unterschwelligen Angst gewichen.

Insbesondere die Banken stehen massiv unter Druck. Aber so richtig entspannt vermag eigentlich niemand die aktuelle Entwicklung zu verfolgen, denn die Kurse der Zykliker aus der Stahl- oder der Automobilindustrie sind auch nicht über jeden Zweifel erhaben.

Man werde alles tun, was getan werden muss, beruhigte Mario Draghi auf dem Höhepunkt der Krise die Anleger. Zurückgenommen hat er seine Aussagen nicht, doch die Kurse spiegeln auch die Angst der Anleger wider, dass entweder noch nicht ‚alles‘ getan wurde oder dass ‚alles‘ eben doch zu wenig ist und nicht ausreicht.

Wird es helfen, wenn der EZB-Präsident nun vor die Presse tritt und noch einmal nachdrücklich bekräftigt, dass man auch ‚wirklich alles‘ tun werde? Vermutlich nicht. Verbale Steigerungen von Superlativen und anderen Maximalformen sind sprachliche Ungetüme aber nicht unbedingt überzeugender als die Maximalform selbst.

Vertrauen ist gut, Risikoaversion und Abverkauf sind besser

Was bleibt, ist das unausgesprochene Eingeständnis, dass die Notenbanken zwar alles zu tun bereit sind, aber der Markt nicht mehr an die Wirksamkeit dieser Maßnahmen glaubt. Vertrauensverlust nennt man so etwas gemeinhin.

‚Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht‘, sagt der Volksmund und obwohl Mario Draghi nicht unbedingt ‚gelogen‘ hat, wird er die negative Konsequenz dieser Volksweisheit wohl schon bald zu spüren bekommen.

In seinem Fall müsste es treffender heißen: ‚Wer einmal viel verspricht und dann nicht liefert, dem glaubt man nicht‘. Die Konsequenz ist in beiden Fällen jedoch die gleiche. Ohne grundlegendes Vertrauen läuft nicht mehr viel – weder zwischenmenschlich noch volkswirtschaftlich.

Selbst wenn sich die Aktienkurse in den kommenden Wochen und Monaten wieder berappeln sollten: Der grundlegende Vertrauensschwund ist für alle offenkundig geworden. Das sollte uns für die Zukunft zu denken geben, denn egal, wie es wird, leichter wird es wohl nicht werden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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