Wähler, die um ihre Ersparnisse fürchten, wählen anders

Bernd Heim
By Bernd Heim / 27. November 2018

Die Chefs der großen deutschen Banken sind in schöner Regelmäßigkeit Gast im Kanzleramt. Das war schon unter Konrad Adenauer so und wird sich auch vermutlich unter Angela Merkels Nachfolgern nicht ändern. Man kennt sich, man spricht intensiv miteinander und man weiß folglich viel eher, was die Stunde geschlagen hat als der schlechter informierte Rest der Republik.

Man sollte meinen, dass beide die Banken, wie auch die beteiligten Politiker, ihren Nutzen aus dieser engen Verbindung ziehen. Bei den Banken ist das gewiss so. Sie fädeln mithilfe der Politik neue Geschäfte ein und werden, falls wider Erwarten das Risikomanagement nicht ganz gestimmt hat, vom Staat gerettet.      

Das sind nicht zu unterschätzende, geldwerte Vorteile. Aber welchen Nutzen zieht die Politik aus dieser Verbindung? Eine Studie der Universität Bonn lässt Zweifel aufkommen, ob die enge Verbindung sich für die regierenden Parteien tatsächlich lohnt.

Denn: Sind die vielen Kontakte notwendig, weil eine finanzielle Krise das Land erschüttert, so sind die Banken die einzigen Profiteure. Sie erhalten in der Regel den gewünschten Schutz des Staates. Aber die Politik geht mit schöner Regelmäßigkeit leer aus. Sie bekommt spätestens bei der nächsten Wahl die Quittung der Bürger präsentiert.

Wenn es um sein Geld geht, versteht der Wähler keinen Spaß

Man sagt dem Wähler zwar ein kurzes Gedächtnis nach, aber beunruhigende Zeiten, die sich gravierend in seinen persönlichen Vermögensverhältnissen widerspiegeln, wirken unterschwellig lange nach. Wie der Bonner Ökonom Moritz Schularick zusammen mit zwei seiner Kollegen herausgefunden hat, driftet das Wahlvolk im Anschluss an eine Finanzkrise oder gar einen Crash stärker an den Rand des politischen Spektrums.

Diese Beobachtung bezieht sich nicht allein auf Deutschland, wo mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus im Anschluss an die Weltwirtschaftskrise ein besonders extremes Beispiel zu finden ist. 1928 galt Adolf Hitler den meisten Deutschen nur als „Trommler“. Er war ein Schreihals, den nur wenige wirklich ernst nahmen. Das Jahr 1928 war das letzte der goldenen 20er Jahre. Die Wirtschaft florierte, die Börsenkurse stiegen und die Nachwirkungen der Hyperinflation von 1923 schienen überwunden.

Vergessen waren sie nicht. Das zeigte sich ab 1930 bei jeder Reichstagswahl aufs Neue. Wer einmal sein gesamtes Vermögen in der Hyperinflation verloren hatte und nun durch die Weltwirtschaftskrise Gefahr lief, erneut um Haus und Hof gebracht zu werden, der verliert nicht nur schnell das Vertrauen in das bisherige politische Personal, sondern wird auch empfänglicher für einfache, in klaren Schwarz- und Weißtönen gehaltene politische Botschaften.

Die Ränder werden stärker, die politische Mitte erodiert

Eine ähnliche Erfahrung macht die Welt auch jetzt wieder. In vielen Ländern gewinnen Politiker, die am rechten oder linken Rand des Spektrums stehen, an Zulauf. Die beiden markantesten Politiker des letzten Vorwahlkampfs in den USA waren Donald Trump und Bernie Sanders. Ein konservativer Hardliner auf der einen und ein überzeugter Sozialist auf der anderen Seite. Dazwischen viele blasse Gesichter, die sich, wie das Beispiel Hillary Clinton in der entscheidenden Wahl zeigt, augenblicklich recht schwer tun.

In Spanien und Italien konnten bei den letzten Wahlen die Parteien am Rand des politischen Spektrums punkten. Sie taten dies zulasten der Regierungsparteien, und wenn wir in ein Land wie Sachsen-Anhalt schauen, wo sich Union, SPD und Grüne in einer Koalition zusammenfinden müssen, der als Opposition nur noch die Linke und die AfD gegenüberstehen, dann wird deutlich, welche Verschiebungen im Wählerspektrum sich gerade andeuten.

Die Grünen kamen übrigens auch zu einer Zeit auf, die von einer starken Inflation gekennzeichnet war. Zwar positionierten sich die Grünen anders als die AfD anfangs nicht als eine Partei mit ausgewiesen wirtschaftlichem Schwerpunkt, doch ihr Aufstieg begann just in dem Moment, in dem viele Angst um ihre Zukunft hatten.

In den wirtschaftlich stabilen und prosperierenden Jahren der Wirtschaftswunderjahre verkleinerte sich das Parteienspektrum in Deutschland zunehmend. Mit der ersten schweren Nachkriegsrezession fielen die Studentenunruhen zusammen. Zehn Jahre später schickten sich die Grünen an, in die ersten Länderparlamente einzutreten. Heute will es scheinen, als halte mit jeder Krise eine neue Partei in den Bundestag Einzug.

Erst scheitern die Banken, dann die Staaten

Über das politische Programm der neuen Parteien bzw. Persönlichkeiten soll damit noch gar nichts gesagt sein. Auffällig ist nur, dass sich das Volk in einer militärisch bedrohlichen Lage wie zum Beispiel vor einem möglichen Krieg gerne hinter seinem Regierungschef versammelt, in einer wirtschaftlich oder finanziell angespannten Lage sich aber zunehmend von ihm abzuwenden scheint.

Der Schlüssel zu diesem Phänomen dürfte nicht im Programm der politischen Neulinge zu suchen sein. Er könnte vielmehr bei den Banken liegen. Geben diese durch ihr Fehlverhalten Anlass zur Sorge, müssen sich auch die Regierungschefs um ihre eigene Machtbasis Sorgen machen.

Das eigene Unwohlsein mit dem Wirken der Banken ist schwer in Worte zu fassen. Viele verstehen auch gar nicht, was im Hintergrund wirklich gespielt wird. Aber sie spüren, dass es zu ihrem Schaden ist oder zu ihrem Schaden sein könnte. Das lässt sie empfänglich werden für klare Feindbilder und einfache Botschaften.

Da die nächste Krise des Eurosystems nur noch eine Frage der Zeit ist, dürften auch die politischen Auswirkungen nicht mehr lange auf sich warten lassen. Viele Länder der EU könnten dann wie Belgien und Spanien kaum noch zu regieren sein oder wie Polen und Ungarn politische Sonderwege einschlagen. Dass beides dem Zusammenhalt der Europäischen Union und damit auch der Stabilität des Euros nicht gerade förderlich ist, liegt auf der Hand.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden und Bekannten, damit auch Ihre Freunde die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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