Ohne Investitionen geht es nicht

Bernd Heim
By Bernd Heim / 28. November 2018

Mit zusätzlichem Geld versucht die Europäische Zentralbank die schwächelnde Wirtschaft der Euro-Zone seit Jahren neu beleben. Zusätzliches Geld bedeutet in unserem Geldsystem aber zwangsläufig zusätzliche Schulden, denn das aus dem Nichts heraus erzeugte Geld der Notenbanken erblickt zunächst als Kredit das Licht dieser Welt.

Folgt man der Argumentation der Europäischen Zentralbank und all jener, die glauben, dass zusätzliche Schulden die Lösung unserer Probleme seien, so ist die fehlende Investitionsbereitschaft eine Folge des nicht vorhandenen Geldes. Weil dieses fehlt, wird nicht investiert, und damit in Zukunft wieder mehr investiert wird, müssen weitere Schulden gemacht werden.      

Außen vor bleibt bei dieser Argumentation jedoch die Frage, was mit dem bereits vorhandenen Geld gemacht wird und warum es nicht stärker für Neuinvestitionen herangezogen wird. Es verschwindet ja nicht plötzlich in schwarzen Löchern, nur weil nicht genug investiert wird. Die Geldmenge wächst seit Jahren. Es gibt also von Jahr zu Jahr mehr Geld und trotzdem will man uns einreden, dass nicht genügend Geld für Investitionen zur Verfügung stünde.

Dieser Argumentation ist nur dann zuzustimmen, wenn man davon ausgeht, dass das vorhandene Geld bereits vollständig investiert wird. Das wird es aber nicht. Es wird konsumiert oder es fließt in spekulative Kapitalmarktgeschäfte. Aber wirklich investiert wird es kaum noch, denn relativ zum wachsenden Bruttoinlandsprodukt geht die Investitionsneigung seit der Finanzkrise spürbar zurück.

Umschichtungen sind keine Investitionen

Wer eine bestehende Immobilie erwirbt oder für sein Geld Gold oder eine Aktie kauft, schichtet primär Geld um. Auf der persönlichen Ebene kann durchaus davon gesprochen werden, dass Geld „investiert“ wird. Doch volkswirtschaftlich betrachtet passiert so gut wie gar nichts. Zunächst hat der eine das Geld und der andere das Wertpapier und nach dem Geschäft hat der eine das Wertpapier und der andere das Geld.

Neue Werte werden so nicht geschaffen, auch wenn die Kurse durch eine Fülle dieser Transaktionen nach und nach in schwindelerregende Höhen getrieben werden. So entstehen spekulative Blasen, aber keine Impulse, die eine Volkswirtschaft langfristig weiter voranbringen.

Diese Impulse setzen echte Investitionen voraus. Also die Anschaffung von neuen Maschinen und die Errichtung neuer Produktionsstätten, Investitionen in die Forschung oder die Aneignung bzw. Weitergabe von Wissen.

Jeder dieser Schritte ist für den Investor mit einem gewissen Risiko verbunden. Die Maschinen, die man heute kauft, müssen morgen ausgelastet sein und das Wissen, das man sich aneignen will, muss erstens verstanden und zweitens auch langfristig gewinnbringend genutzt werden können.

Lieber Kurspflege als Mut zum Risiko

Investitionen sind der Schlüssel zu einer besseren Zukunft. Nur da, wo Kapital und Wissen akkumuliert werden, entsteht langfristig Wohlstand. Vor diesem Hintergrund ist es beängstigend, dass die Investitionsneigung der Unternehmen derzeit so schwach ausgeprägt ist.

Fehlt es an frischen Ideen? Oder sind die Ideen zwar vorhanden, aber es fehlt den Entscheidungsträgern am Mut zur Umsetzung? Oder ist es einfach nur Bequemlichkeit, wenn viele Firmen mit den erzielten Gewinnen lieber ihre Aktienkurse an der Börse pflegen, als in neue Technologien oder Produktideen zu investieren?

Ein Aktienrückkaufprogramm treibt den Kurs einer Aktie. Vordergründig betrachtet steht das Unternehmen gut da, denn an der Börse wird es immer höher bewertet und damit vermeintlich wertvoller. Doch im Grunde sollten uns Anlegern angesichts dieser Zustände die Haare zu Berge stehen, denn wenn einem Management außer der Pflege des eigenen Aktienkurses nicht mehr viel einfällt, ist für die Zukunft bestenfalls ein langsames Dahinsiechen zu erwarten.

Ist es das, was wir wirklich wollen, wenn wir uns zum Kauf einer Aktie entschließen? Vermutlich nicht. Und es ist auch nicht das Ziel eines Angestellten bei einer Firma anzuheuern, die für sich kaum noch Perspektiven sieht und für die daher der Stillstand noch der größte Fortschritt ist.

Stillstand ist Rückschritt

Selbstredend werden auch die Kunden dieser Unternehmen nicht die Letzten sein wollen, die das Licht ausmachen. Womit klar sein sollte, dass es ohne Investitionen nicht gehen wird, weder auf privater, noch unternehmerischer, noch staatlicher Ebene.

Investitionen kann man zwar fordern, aber nicht erzwingen. Sie setzen ein Klima der Hoffnung und des Optimismus voraus. Martin Luther gehört zu den Wenigen, die heute noch einen Apfelbaum pflanzen, auch wenn sie wissen, dass morgen die Welt untergehen wird.

Die Mehrheit der aktuell lebenden Menschen ist mittlerweile so erzogen, dass sie die vorhandenen Äpfel heute noch konsumiert, wenn sie weiß, dass morgen sowieso alles den Bach heruntergehen wird. Brauchen wir also wirklich mehr Geld oder brauchen wir nur ein anderes, weniger mit Ängsten und Zukunftssorgen belastetes Klima?

Wenn das Fehlen des Letzteren das eigentliche Problem ist, dann ist die Europäische Zentralbank schlecht beraten, wenn sie durch die Abschaffung von Bargeldscheinen und die Einführungen negativer Zinsen auf Ersparnisse, bestehende Ängste noch weiter verstärkt anstatt mit dazu beizutragen, dass sie langsam abgebaut werden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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