Die Risiken im Finanzsektor nehmen zu

Bernd Heim
By Bernd Heim / 19. Dezember 2018

In einer Welt voller Risiken gehören Warnungen zum Tagesgeschäft. Es gibt immer wieder jemanden, der aus berechtigtem Anlass warnend den Finger hebt. Treffen allerdings in zu kurzer Zeit zu viele Warnungen auf die Ohren der Anleger, ist zu befürchten, dass die Botschaften überhört werden und ihre Intention verfehlen.

Aktuell stehen die Banken im Mittelpunkt des Interesses, wobei die Aufmerksamkeit ganz klar auf die Frage reduziert ist, welches Institut als nächstes in die schwelende Krise hineingezogen wird und welche Bank als Erste die Hand heben muss.     

Den Fokus auf angeschlagene Institute wie die Deutsche Bank, die Commerzbank oder die Credit Suisse zu legen, ist sicher berechtigt. Nicht übersehen werden sollten dabei jedoch die Risiken, die außerhalb des Bankensektors aufgebaut worden sind.

Unbemerkt von der breiten Masse hat sich hier in den Jahren nach der Finanzkrise eine Entwicklung vollzogen, die nun Anlass zur Sorge gibt. Besorgt zeigt sich vor allem der Internationale Währungsfonds. Er hat bereits explizit vor der gewachsenen Macht der Schattenbanken gewarnt.

Mächtig und unreguliert

Als Schattenbanken werden all jene Unternehmen bezeichnet, die ähnliche Funktionen wie Banken erfüllen können, aber im Gegensatz zu den klassischen Banken fast keiner Kontrolle unterliegen. Sie bewegen sich in einer Art Schattenwelt oder Grauzone. Zu den Schattenbanken zählen beispielsweise Geldmarktfonds, börsengehandelte Indexfonds, Hedgefonds und spezielle Zweckgesellschaften.

Ihre große Stärke ist das Kapital, das sie in den vergangenen Jahren eingesammelt und akkumuliert haben. Die von den Schattenbanken angebotenen Produkte wurden immer beliebter. Aber nicht nur durch das boomende Neugeschäft stieg die Höhe der verwalteten Gelder sprunghaft an. Auch die Börsenrallye trug dazu bei, dass die Schattenbanken heute über einen Kapitalstock verfügen, der weit über den der klassischen Banken hinausgeht.

Wie stark sich die Gewichte inzwischen verschoben haben, zeigt ein Blick auf das Verhältnis zu den herkömmlichen Kreditinstituten. Letztere wurden in den Jahren nach der Finanzkrise stärker reguliert und haben sich aus verschiedenen Aktivitäten gezielt zurückgezogen. Die dadurch entstehenden Lücken wurden von den Schattenbanken besetzt.

In der Eurozone ist der Geschäftsanteil der Schattenbanken von 75 auf 100 Prozent des Geschäftsvolumens der Banken angestiegen. Noch stärker schlug das Pendel in den USA aus. Dort liegt das Geschäftsvolumen der Schattenbanken inzwischen bei knapp 250 Prozent des Volumens der Banken.

Verschobene Risiken sind nicht aus der Welt

Der Wunsch der Politik, die Banken als Reaktion auf die Finanzkrise stabiler und damit für die Kunden und die Staaten risikoärmer zu machen, ist ebenso verständlich wie legitim. Man hat an dieser Stelle allerdings einen Erfolg errungen, der zumindest zweischneidig ist.

Zwar sind die Bilanzen der Kreditinstitute mit den Jahren risikoärmer geworden, doch komplett aus der Welt sind die gefürchteten Risiken damit noch lange nicht. Es hat sie nur jemand anderes in seinen Büchern. Die zerstörerische Wirkung ist damit immer noch die gleiche. Sie wirkt nur an einer anderen Stelle.

Aus Sicht des Kunden macht es auch nur einen kleinen Unterschied, ob seine Bank durch Fehlinvestitionen in eine Schieflage kommt oder der Geldmarkt-, Anleihe- oder Aktienfonds, den er bespart. Tritt das Risiko ein, ist das Geld im einen wie im anderen Fall möglicherweise verloren.

Seit der Finanzkrise hat sich das Volumen der Aktienfonds auf zwölf Billionen Dollar verdoppelt. Auch in den Anleihevehikeln steckt deutlich mehr Geld. Der IWF hat hier fast eine Verdreifachung ausgemacht. Diese enorme Expansion des Geschäfts ist Segen und Fluch zugleich.

Was, wenn alle gleichzeitig die Richtung wechseln?

Bislang floss sehr viel Geld in die Aktien- und Rentenmärkte. Die Folge waren stark steigende Kurse. Mit ihrer Politik des leichten Geldes unterstützten die Notenbanken diese Entwicklung zusätzlich. Solange die Kurse munter steigen, sind die Probleme überschaubar. Es gilt nur einen guten Einstiegszeitpunkt zu finden.

Kritisch wird die Situation aber schnell, wenn die Stimmung dreht und die Herde mit Macht zum Ausgang stürmt. Der Herdentrieb der Anleger könnte dann sehr leicht zu einem Problem werden, denn es gibt unter Umständen niemanden, der die vielen zum Verkauf angebotenen Aktien und Anleihen zu einem guten Preis übernehmen möchte. Eine Abwärtsbewegung könnte so leicht eine Dynamik entwickeln, die nicht einmal mit dem Wort Panik angemessen umschrieben ist.

Die fehlende Regulierung verschärft die Lage dabei zusätzlich, denn wer nicht intensiv kontrolliert wird und zugleich am Markt einem sehr hohen Wettbewerbsdruck ausgesetzt ist, der neigt auch leichter dazu riskantere Wetten einzugehen, um am Ende des Jahres seinen Kunden eine attraktive Rendite vorweisen zu können.

Hier liegen Gefahren, die unabhängig von der Situation bei den Banken wirken und die in einer globalen Krise einen unkontrollierbaren Sturm auslösen können. Für die Notenbanken bedeutet dies, dass sie bei ihren Entscheidungen nicht nur auf die Situation der klassischen Banken Rücksicht nehmen müssen, sondern immer auch die Lage bei den Schattenbanken im Blick haben sollten.

Leichter wird ihre gewiss nicht einfache Aufgabe dadurch allerdings nicht.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden, damit auch diese die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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