Die Schattenseiten der Globalisierung zerstören unsere Gesellschaften

Bernd Heim
By Bernd Heim / 17. Januar 2019

Jahr für Jahr kommen die Reichen und Mächtigen im schweizerischen Davos zum Weltwirtschaftsforum zusammen und sprechen darüber, wie es mit der Welt im Allgemeinen und ihrer Wirtschaft im Besonderen denn nun weitergehen soll.

Die Bilanz dieser Zusammenkünfte fällt durchwachsen aus und es ist wie immer eine Frage des Blickwinkels, ob die positiven oder die negativen Aspekte überwiegen. Man ist wie meistens unter sich, tagt in edlen Hotels und Konferenzräumen und genießt die angenehme Atmosphäre.      

Ob die Zusammenkünfte genauso ansprechend und einladend für die Gäste verlaufen würden, wenn man sich an den Plätzen treffen würde, an denen die Kehrseiten des heutigen Wirtschaftslebens deutlich spürbar sind, ist mehr als fraglich.

Man würde sich dann nicht in den Schweizer Bergen, sondern vielleicht in den Slums von Manila oder auf einer der Müllkippen von Rio de Janeiro treffen. Oder in einem der zahlreichen Terrorcamps dieser Welt, in dem die vielen unzufriedenen Verlierer der Entwicklung gezielt radikalisiert werden, um die in ihrem Innern seit Jahren beständig wachsende Aggression in Zukunft eines Tages gewaltsam ausleben zu können.

Eine Welt außer Rand und Band

Dabei hätte doch alles so schön werden sollen. Als man vor rund zwanzig Jahren daran schritt, die Welt offener zu gestalten, waren die meisten noch überzeugt, dass es eine Friedensdividende zu vereinnahmen gibt. Der Kalte Krieg war Geschichte und mit ihm auch die Konfrontation früherer Tage. Nun sollte alles besser und friedlicher werden, wobei dem verstärkten Welthandel die Funktion zugedacht war, den internationalen Austausch von Gütern und Ideen zu fördern und damit dem Frieden zu dienen.

Ob die Welt seit 1989 friedlicher geworden ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Auch wirtschaftlich sind die Früchte, die seitdem geerntet wurden, nur zwiespältiger Natur. Früher musste es die Welt nicht unbedingt interessieren, wenn in China ein Sack Reis umfiel. Heute sind durch die enge Verflechtung der Länder große Abhängigkeiten entstanden.

Insbesondere die Kapitalmärkte sind stärker vernetzt als je zuvor und damit anfälliger für externe Schocks geworden. Wie in einer überdimensionierten Badewanne schwappt das Kapital vom einen Ende der Welt zum anderen und löst in beiden heftige Krisen aus, wenn es an einer Stelle hakt.

Seit den 1990er Jahren jagt eine Krise die andere und nie war nur eine Region oder ein Kontinent betroffen. Mehr oder weniger die ganze Welt hatte unter den negativen Auswirkungen zu leiden. Europa litt unter der Asienkrise genauso, wie die asiatischen Länder eine gute Dekade später unter der europäischen Schuldenkrise litten.

Krisen und Konflikte so weit das Auge reicht

Heute gehen die Blicke wieder verstärkt nach Asien, denn China, das Land, das in seiner Entwicklung besonders stark von der Globalisierung profitiert hat, schwächelt und versetzt nicht nur die eigenen Investoren in Unruhe.

Auch politisch ist eine Menge Sand im Getriebe. Die Zahl der Kriege und Bürgerkriege ist erschreckend hoch und was vielleicht noch viel schlimmer ist: Es ist weit und breit keine vernünftige Lösung für die vielen Probleme in Sicht.

Brände, die nicht gelöscht werden, schwelen weiter und flackern irgendwann wieder auf. Die Konsequenzen sind steigende Opferzahlen, mehr Flüchtlinge weltweit und höhere Gewinne für die Waffenproduzenten. Ob das wirklich die „Friedensdividende“ ist, die man sich am Beginn der 1990er Jahre erhofft hat, darf bezweifelt werden.

Auf der Strecke geblieben sind auch die vielen Verlierer der Globalisierung. Überall auf der Welt wächst die Ungleichheit. Nicht nur einzelne Staaten profitieren mehr als andere. Auch innerhalb der Staaten selbst geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander.

Wer hat, dem wird gegeben werden, und wer nicht hat …

Unsere Welt ist polar aufgebaut, was bedeutet, dass Gegensätze nicht nur möglich, sondern auch notwendig sind. Der Begriff ‚heiß‘ verliert seine Bedeutung, wenn es nicht auch Kaltes gibt. Vom Hellen zu reden wird sinnlos, wenn nicht zuvor auch die Dunkelheit erfahren wurde. In diesem Sinn gehört auch der Arm-Reich-Gegensatz zur Welt und wird immer dazugehören.

Das Problem ist nicht der Gegensatz an sich. Er lässt sich nur aufheben, indem man die Welt als Ganzes aufhebt. Die entscheidenden Fragen unserer Tage sind jedoch, ob er so stark ausgeprägt sein muss, wie er es aktuell ist, und ob er sich so extrem schnell vergrößern muss, wie es momentan der Fall ist.

Wenn man bedenkt, das reichste Prozent der Weltbevölkerung, also gerade mal 70 Millionen Menschen, genauso viel besitzen wie die anderen 99 Prozent zusammen, fällt es schwer, auch nur eine der beiden Fragen mit einem überzeugten ‚Ja‘ zu beantworten.

Nur 62 Superreiche vereinigen heute die Hälfte des gesamten Weltvermögens auf sich. Ausgeben können sie das viele Geld längst nicht mehr. Dazu reichen selbst das längste Menschenleben und die größte Verschwendungssucht nicht mehr aus. Und trotzdem wird unverdrossen weiter nach ‚mehr‘ gestrebt.

Die Macht der schlechten Gewohnheit

Was dieses ‚Mehr‘ ihnen qualitativ noch bringen soll, bleibt ihr Geheimnis, zumal die wirklich wichtigen Dinge im Leben für Geld absolut unerreichbar sind. Gesundheit, Freundschaft oder Liebe kann man nicht kaufen.

Sie können einen Arzt nur für sich selbst engagieren, Sie können falsche Freunde kaufen und auch für Sex wurde schon immer bezahlt. Doch das, was man eigentlich will, wird man nie kaufen können, weil es einen Geschenkcharakter hat, der nicht aufzulösen ist.

Gesundheit, Freundschaft und Liebe bekommt man geschenkt oder man bekommt sie nicht. Werden sie vom Leben oder von den anderen nicht gewährt, bleibt man arm, egal wie hoch der Saldo auf dem eigenen Konto auch sein mag.

Diese Armut könnte dem entfesselten Kapitalismus unserer Tage auf Dauer zum Verhängnis werden, denn wenn die Menschen nicht wirklich glücklicher werden, obwohl ihre Schränke immer voller werden, ist der Unmut nicht weit.

Schlägt der Missmut weiter Teile der Bevölkerung in offene Aggression oder gar blinden Terror um, wird auch der materielle Reichtum schnell zerstört. Am Ende bleibt eine emotional und materiell zerstörte Welt, von der nur die Wenigsten behaupten werden, dass sie gerne in ihr leben würden.

Die Macht der Verweigerung

Wenn das nicht geschehen soll, wird es Zeit, endlich umzudenken, nicht nur in Davos, nicht nur in den Zentralen der großen Konzerne, sondern überall im Kleinen wie im Großen. Umdenken müssen nicht nur die Großen und Reichen. Auch die vermeintlich Kleinen und Armen verfügen über eine mächtige Waffe. Sie müssen diesie nur erkennen und in ihrem Sinn nutzen.

Das Mittel der Wahl ist die Verweigerung. Verbraucher, die einfach nicht kaufen, was die Industrie ihnen anbietet, sitzen auf lange Sicht am deutlich längeren Hebel. Als vor Jahren Shell eine ausgediente Bohrplattform einfach in der Nordsee versenken wollte, haben die Autofahrer dem Konzern innerhalb weniger Tage seine Grenzen aufgezeigt, indem sie Shell-Tankstellen boykottiert haben und einfach zu anderen Tankstellen weitergefahren sind.

Für jeden einzelnen Autofahrer war es damals nur ein sehr kleiner, vielleicht wenig bedeutender und imposanter Schritt. Aber er wirkte. Shell hat zunächst die Macht der kleinen Schritte unterschätzt und viele andere werden es auch in Zukunft tun.

Trotzdem liegt eine große Kraft in ihnen, die wir zur Verbesserung und zum Erhalt unserer Welt nutzen sollten.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: