Sind Sie ein Investor oder ein Trader?

Die Anleger unterscheiden sich in vielfacher Hinsicht. Eine ganz wesentliche Unterscheidung ist die zwischen dem kurzfristig agierenden Trader und dem eher langfristig agierenden Investor. Erfolg haben kann man grundsätzlich mit beiden Strategien. Doch nicht jede Vorgehensweise passt zum Wesen des Anlegers.

Auch müssen wir berücksichtigen, dass es nicht den langfristigen Investor und den kurzfristigen Trader gibt, sondern immer nur Mischformen zwischen diesen beiden Extremen. Auch der langfristige Investor agiert manchmal sehr kurzfristig und auch der an sich kurzfristig agierende Trader kann sich unter bestimmten Umständen dazu entschließen, eine Position sehr lange zu halten.       

Zu tun, was dem eigenen Naturell an sich widerspricht, ruft jedoch einen gewissen psychischen Stress hervor. Dieser kann sich in einem leichten Unwohlsein ebenso bemerkbar machen wie in schlaflosen Nächten und total verschwitzten Händen. Auch hier gibt es wieder eine Fülle von Erscheinungsformen und jeder Anleger, egal ob erfahren oder neu an der Börse, tut gut daran, sehr genau auf seine aus dem Innern kommenden Signale zu achten.

Verweigert man dem eigenen Körper diese Aufmerksamkeit, kann sich das leicht rächen, denn die Signale und Symptome verschwinden ja nicht einfach nur deswegen, weil man bewusst oder unbewusst nicht auf sie achtet. Werden sie ignoriert, wirken sie unter der Oberfläche dennoch weiter und können dem Anleger an einer Stelle einen Strich durch die Rechnung machen, an der man sie gar nicht erwartet.

Pflegen Sie die eigene Psyche, indem Sie den für Sie richtigen Anlagestil finden!

Viele erfahrene Anleger berichten davon, dass es oft mehrere Jahre gedauert hat, bis sie den Anlage- oder Tradingstil gefunden haben, der zu ihnen passt. Dass es so lange dauert, ist vollkommen normal, wenn Sie sich einmal den Prozess vor Augen führen, wie ein durchschnittlicher Anleger an die Börse kommt.

Der Erstkontakt zur Börse ist immer ein vermittelter. Man lernt einen erfolgreichen Investor oder Trader kennen und lauscht interessiert seinen Berichten. Das kann unmittelbar in einer persönlichen Begegnung erfolgen oder mittelbar durch einen Artikel in der Zeitung, einen Blogbeitrag im Internet oder durch ein Buch.

Egal, wie die Vermittlung aussah, hinter dem Berichteten steht immer die konkrete Erfahrung einer ganz konkreten Persönlichkeit. Unbewusst bekommen Sie als Leser oder Zuhörer die Fülle dieser Erfahrungen unterschwellig gleich mitvermittelt, auch wenn Sie dies gar nicht wollen, und auch wenn Sie es zunächst gar nicht bemerken.

Es ist nicht nur das, was gesagt wird, entscheidend. Auch das nicht gesagte hat eine große Bedeutung und wie im normalen Leben, macht auch bei Börsenberichten der Ton die Musik. Will heißen, die in der Stimme oder zwischen den Zeilen spürbare Faszination oder Antipathie wird mit übertragen, ob Sie als Leser oder Zuhörer das wollen oder nicht. Spüren werden Sie es in jedem Fall.

Es gibt keine neutrale Position zur Börse

Für Sie als Außenstehender ist es zunächst schwer, zu unterscheiden, was von dem Berichteten zur Börse selbst und zum Universum des Kapitalmarktes gehört und was primär der Persönlichkeit des Erzählenden zuzurechnen ist. Gerade als unerfahrener Neuling ist man leicht geneigt, alles, was erzählt wird, primär der Börse und nicht der Persönlichkeit des Anlegers zuzuschreiben.

Das führt fast zwangsläufig dazu, dass man geneigt ist, zu viel von dem, was erzählt wird, auch für sich selbst anzunehmen. Leicht stellt sich dann die Annahme ein, dass eine Strategie, die ein anderer Anleger hervorragend umsetzt, auch für einen selbst funktionieren muss.

Von André Kostolany stammt der bekannte Ausspruch „Börsengewinne sind Schmerzensgeld. Erst kommen die Schmerzen, dann das Geld.“ Genauso ist es. Ein Investment ohne psychologische Schmerzen gibt es nicht. Mal sind die Schmerzen größer, mal sind sie kleiner, aber in irgendeiner Form „leiden“ wird die eigene Psyche immer.

Deshalb kann ich jedem Anleger nur empfehlen sich vorab genau zu überlegen, welchen psychologischen Schmerz er für sich und sein Investment wählen will. Der Eine wird dabei feststellen, dass er möglichst schnell aus dem Risiko wieder heraus sein muss, damit ihm seine Psyche keine Fallen stellt und der Andere wird feststellen, dass er dieses hektische hin und her auf gar keinen Fall für sich will.

Minimieren Sie Ihre psychologischen Schmerzen

Berechtigt und angemessen sind beide Varianten, aber jeweils nur für die Person, zu der diese Strategie auch wirklich passt. Deshalb ist es legitim, wenn sich der eine Anleger als Scalper beständig einige wenige Cent oder Indexpunkte aus dem Markt herausschneidet und aus diesem Grund beständig am Puls des Marktes und vor dem Bildschirm sein muss, während der andere seine Aktien wie einen Hund an der langen Leine laufen lässt und nur ein- oder zweimal am Tag in sein Depot schaut und nur dann handelt, wenn auch wirklich Handlungsbedarf gegeben ist.

Welcher ist nun der bessere Anleger? Welches ist die bessere Strategie? Die Antwort ist relativ einfach: Der bessere Anleger wird auf Dauer der sein, der die optimal zu ihm passende Strategie gefunden hat und diese auch konsequent umsetzt. Die bessere Strategie für ihn ist allein die, die von seinen finanziellen und psychologischen Voraussetzungen am besten zu ihm passt.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS. Auch wenn die Informationen auf 7vor8.de für Sie kostenlos sind: In jedem Artikel stecken eine gründliche Recherche und eine Menge Aufwand. Deshalb meine Bitte an Sie: Teilen Sie diese Kolumne mit Ihren Freunden und Bekannten, wenn Sie möchten, dass auch andere die Möglichkeit haben von diesen wertvollen Informationen zu profitieren.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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