Halten Sie die anderen Anleger nicht für Ignoranten oder Dummköpfe

An der Börse kommt ein Handel nur dann zustande, wenn unser Gegenpart in einem entscheidenden Punkt vollkommen anderer Meinung ist als wir selbst. Er will kaufen, während wir verkaufen wollen, oder umgekehrt. Entgegengesetzter könnten die Positionen kaum sein.

Da wir gute Gründe für unsere Entscheidung haben, müssen uns die Anleger auf der Gegenseite fast zwangsläufig reichlich suspekt und weltfremd erscheinen. Hinzu kommt, wir wissen bereits im Vorfeld, dass am Ende einer der beiden mit seiner Entscheidung falsch liegen wird.      

Dass wir im Moment des Handelns die anderen Anleger für diese traurige Rolle im Blick haben, liegt nahe. Wäre es anders, würden wir in diesem Moment entweder gar nicht aktiv werden oder wie sie die gleiche Position einnehmen wollen. Erfahrene Anleger wissen auch, dass wir an der Börse souveräner agieren, je überzeugter wir von unserem eigenen Tun sind.

Von sich selbst und der eigenen Analyse überzeugt zu sein, ist also immer von Vorteil. Der Vorteil wird allerdings zu einem gravierenden Nachteil, wenn Souveränität in Borniertheit umschlägt. Die Grenze ist fließend und gerade die Börse provoziert uns an dieser Stelle immer wieder, weil sie uns beständig in Situationen stellt, in denen die eigene Hybris leicht mit uns durchgehen kann.

Fühlen Sie sich nicht zu sicher

Wir halten uns dann für allwissend und unverwundbar und die vielen anderen Anleger, die nicht unserer Meinung sind, für ausgemachte Dummköpfe und Ignoranten. Dieser Fehler ereilt uns besonders dann sehr leicht, wenn die Dinge vollkommen klar zu sein scheinen und wir die Mehrheit der Anleger eigentlich auf unserer Seite wissen.

Doch gerade in solchen Situationen neigt die Börse immer wieder dazu, in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. Weil alle denken, dass eine Aktie nur noch steigen kann, und deshalb bereits gekauft haben, fehlen dann plötzlich die Käufer und die Aktie geht nicht nur in eine kleinere Korrektur über, sondern der Trend dreht.

Gefährlich sind auch die bereits lange im Vorfeld feststehenden Termine. Dabei ist es egal, ob es sich um Termine eines einzelnen Unternehmens handelt oder politische Ereignisse wie die Zinsbeschlüsse der Europäischen Zentralbank oder der amerikanischen Federal Reserve Bank auf der Agenda stehen. In beiden Fällen werden die Anleger sich im Vorfeld auf eine Meinung festlegen und sich entsprechend positionieren.

Tritt dann das erwartete Ereignis ein, gibt es oftmals den berühmten Sell-on-good-news-Effekt. Die Trader machen Kasse und nehmen ihre Gewinne vom Tisch, und obwohl das erwartete Ereignis eingetroffen ist, fällt der Kurs anschließend zurück anstatt auch über das Ereignis hinaus weiter zu steigen.

Die Geborgenheit der Masse

Gefürchtet wird auch der gegenteilige Effekt. Wenn die Masse der Anleger beispielsweise auf fallende Zinsen spekuliert hat, diese aber gleich bleiben oder sogar noch steigen, müssen kurzfristig viele in Schieflage geratene Positionen aufgelöst werden. Die Folge ist ein massiver Verkaufsdruck, der plötzlich auf dem Markt lastet.

Viele Anleger fühlen sich in der Masse wohler als wenn sie sich mit ihrer Einschätzung gegen den Markt stellen müssen. Das ist verständlich. Wir sollten uns in diesen Situationen aber immer daran erinnern, dass die anderen ähnliche Ziele verfolgen wie wir es selber tun. Auch sie wollen kaufen, wenn wir mit einem Kauf liebäugeln und auch ihr Finger kreist nervös über dem Verkaufsknopf, wenn die Aktie stark gestiegen ist.

Leisten Sie sich deshalb auch an der Börse immer den Luxus einer eigenen Meinung. Es ist wichtig und interessant zu wissen, was die anderen denken, aber gehen Sie im Vorfeld nicht davon aus, dass diese schlauer oder dümmer sind als Sie selbst.

An der Börse arbeiten wir alle nur mit Wahrscheinlichkeiten. Es gibt keine Gewähr für oder gegen den Eintritt eines Szenarios. Deshalb sollten Sie immer dann hellhörig werden, wenn Sie spüren, dass Sie selbst zu sicher und zu überzeugt von sich werden. Die Grenze zur Überheblichkeit oder zur Leichtsinnigkeit ist dann meist nicht mehr weit.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

PS.: Bitte teilen Sie diesen Artikel mit Ihren Freunden und Bekannten, damit auch Ihre Freunde die Möglichkeit haben, sich mit der heute besprochenen Problematik intensiv auseinanderzusetzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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