Stolpern die Anleger am Ende über ihre eigenen Hoffnungen?

In den letzten Wochen haben die Anleger an den Aktienmärkten wieder das gemacht, was sie schon in den vergangenen Jahren immer wieder erfolgreich praktiziert haben. Sie haben sehr stark auf die Notenbanken gesetzt. Insbesondere die Erwartungen an die US-Notenbank sind sehr hoch.

Erwartungen sind allerdings keine in Stein gemeißelte Gewissheit und Ergebnisse, die nicht in das präferierte Bild passen, können leicht das Konzept durcheinanderbringen. Einen kleinen Vorgeschmack auf derartige Entwicklungen lieferten die Anfang Juli veröffentlichten monatlichen Arbeitsmarktdaten in den USA. Sie fielen weitaus besser aus als der Markt es zunächst erwartet hatte.      

Die Zinssenkungshoffnungen der Anleger bekamen prompt einen Dämpfer und auch die Aktien wurden abverkauft, obwohl die Zahlen eigentlich für eine weiterhin robuste Wirtschaft sprechen. Aber in der verzerrten Sichtweise der Anleger bedeuten gute Wirtschaftszahlen zunächst einmal kein frisches Geld von den Notenbanken und damit keine zusätzliche Befeuerung der Party am Aktienmarkt.

So weit, so normal, zumindest aus der Sicht der Niedrig- und Nullzinspolitik der letzten Jahre. Wir wissen aber auch, dass Erfahrungen, die zu hoch sind, enttäuscht werden müssen. Das ist die Gefahr, in der die Märkte in den nächsten Monaten, wenn nicht sogar Jahren stecken. Wenn die Notenbanken als so allwissend und allmächtig betrachtet werden, dass man ihnen blind zutraut, mit allen nur denkbaren Szenarien fertigzuwerden, dann kann diese Erwartung am Ende nur enttäuscht werden.

Billiges Geld wird es schon richten

Denn, ob man es wahrhaben will oder nicht: Auch in den Notenbanken arbeiten nur Menschen und keine unfehlbaren Götter des Geldes oder ähnliche Lichtgestalten, sondern einfach nur Menschen. Deshalb sollten wir davon ausgehen, dass sie Fehler machen werden. Nicht unbedingt bewusst oder gar mit Absicht, aber Fehler gehörten zum menschlichen Tagesgeschäft und nur das wird am Ende zählen.

Hier liegt eine große Gefahr für die Aktienmärkte. Billiges Geld ist für die Anleger viel wichtiger als solides Wachstum. Das war in den vergangenen Jahren so. Es war Anfang Juli bei der Veröffentlichung der Arbeitsmarktzahlen so und wir können, ja wir müssen, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es auch in Zukunft so sein wird.

Wenn also nicht mehr die realen Zahlen zählen, sondern die Hoffnungen oder Ängste, die sie hervorrufen, dann schaut am Ende keiner mehr auf die Zahlen, weil alle nur noch auf ihre Hoffnungen und Ängste fixiert sind.

Werden in einem solchen Umfeld die Zahlen langsam immer schlechter, ohne dass die Hoffnungen und die auf ihnen basierenden Aktienkurse zurückgenommen werden, öffnet sich eine Schere, die am Ende so groß sein wird, dass auch frisches Geld der Notenbanken sie nicht mehr zu schließen vermag.

Spätestens an diesem Punkt dürfte es an den Aktienmärkten nicht mehr nur knirschen, sondern ordentlich krachen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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